Dienstag, 30. September 2014

Unterhaltungen zwischen Büchern

Wer wie ich immer ungefähr ein halbes Dutzend Bücher parallel liest, kennt das Phänomen vielleicht: Manchmal treten die Bücher in einen direkten Austausch.

Neulich zum Beispiel.

Ich las in dem hier schon erwähnten tollen Bildband mit Indianerportraits Folgendes:

Wohin man in der weißen Gesellschaft auch geht - in Gerichtssäle, zu gesetzgebenden Versammlungen, ins Parlament, zu jeder Art von Versammlungen -, was man zu sehen und zu hören kriegt, ist ein Kampf - ein Krieg - mit Worten. "Übereinstimmung" wird durch Entzweiung erreicht.

Eigentlich ist das jedoch gar keine Übereinkunft, es ist ein Triumph der Mehrheit. Deswegen glaube ich, daß weiße Menschen ihre Sachen niemals in die Reihe kriegen können. Immer sind sie in Hunderte von Fraktionen zersplittert. Ihr demokratischer Entscheidungsprozeß hält sie in diesem Zustand. Jedesmal, wenn eine Übereinkunft erreicht ist, wird ein großer Teil der Bevölkerung - die Minderheit - unterdrückt. Besiegt. Deshalb gibt es nie irgendeine wirkliche Übereinkunft. Dafür aber eine verdammte Menge Bitterkeit und Haß.

Wilfred Peletier in:
Sabine Kückelmann, LOOK INTO THE HEART. LEBEN IN ZWEI WELTEN (1995)
Art Stock, nur noch antiquarisch erhältlich

Diese Kritik trifft, hm, ein bisschen zu - aber sie ist zu grob gekeilt; sie lässt das System der checks and balances und überhaupt die kompletten Funktionen des Interessenausgleichs außenvor.

Das fällt besonders auf, wenn man parallel auch die neue Autobiografie ENTSCHEIDUNGEN von Hillary Clinton über ihre Zeit als amerikanische Außenministerin schmökert. Wie oft sie da von parteiübergreifenden Gesprächen berichtet, von Republikanern und Demokraten, die versuchen, gemeinsam eine tragfähige Entwicklung in Gang zu setzen ... lauter kleine Teams von Rivalen ... eine mal mehr, mal weniger stark ausgeprägte Qualität der amerikanischen Demokratie seit den Zeiten Abraham Lincolns, also immerhin schon seit den 1860ern.

Für gereifte Demokratien gilt das Gebot der Einbindung der unterlegenen Seite erst recht - bestes Beispiel derzeit: Wie das Verhältnis zwischen Schottland und dem Vereinigten Königreich jetzt neu ausgehandelt werden wird.

Das übersehen Demokratie-Kritiker immer gern - wie auch die Tatsache, dass Demokratie einen Werkstattcharakter hat und immer genau dann stattfindet, wenn es stinkt und kracht. Anderenfalls kommt höchstens so eine geschmeidige, vernünftige, leise Scheindemokratie dabei heraus wie im Zukunftsteil von Sibylle Bergs großartigem Roman VIELEN DANK FÜR DAS LEBEN - noch so eine Lektüre, die sich gerade immer kräftig in die anderen Bücher, die ich mir einverleibe, einmischt.

Montag, 29. September 2014

An Bofingers Grab

Als ich neulich hier Manfred Bofingers DER KRUMME LÖFFEL empfahl, sein wunderbar warmherziges Buch mit Kindheitserinnerungen, fiel mir erst auf, dass dieser ehemalige Straßennachbar von mir auf Alt-Stralau begraben liegt. Die Halbinsel Stralau ist einer meiner Lieblingsorte, wie auch die Leser von BERLIN 2037 kürzlich mitbekommen konnten, weil eine Schlüsselszene des Romans dort spielt. Was lag also näher, als sich Bofingers Grab am Wochenende einmal anzuschauen und dort vielleicht ein oder zwei seiner, wie es im Untertitel heißt, "Miniaturen einer Kindheit" vorzulesen?

Gesagt, getan. Gestern Nachmittag traf ich mich mit Ralf Steinberg, und wir statteten Bofingers Grab einen Besuch ab.

Als wir dort ankamen, musste ich lachen. Ich hatte mit dem Gedanken gespielt, selber so einen krummen Löffel zu bauen und ihm auf sein Grab zu legen, auf die Schnelle jedoch keinen passenden Stock gefunden.

Zum Lachen brachte mich, dass ganze fünf krumme Löffel dort in der Erde steckten; außerdem waren Glasmurmeln in die Erde gedrückt, mehrere kleine Spielzeugfiguren und selbstgebastelte Kleinigkeiten waren zu sehen, und in dem aufgeschlagenen Marmorbuch lagen Kastanien, Eicheln und andere schöne Fundstücke.

Ein berührender Anblick.

Zumal Bofinger jetzt schon seit acht Jahren tot ist. Die Leser von ALFONS ZITTERBACKE und Dutzenden anderen Kinderbüchern, die er illustriert und manchmal auch geschrieben hat, haben ihn nicht vergessen - damit hatte ich gerechnet.

Dass auch DER KRUMME LÖFFEL, seit Jahren vergriffen, immer noch so viele Leute bewegt - das hat mich umgehauen.

Es haut mich auch jetzt wieder um, während ich hier gerade tippe.

(Foto: icke)

Ralf hat ebenfalls über unseren Besuch geschrieben, mit etlichen Fotos mehr; das könnt ihr euch dort zu Gemüte führen, wenn ihr wollt.

Sonntag, 28. September 2014

Erstarrter Sturm?

Nach zwei einführenden Kapiteln spielt die Handlung für gefühlte zehntausend Seiten auf dem nächtlichen Meer. Ein Schiff versinkt im Sturm. Aber es sinkt nicht einfach. Es passiert fast gar nichts mehr. Hugo schreibt und schreibt und schreibt über Alles und Nichts, gelehrt, in einem Stil, den heute niemand mehr beherrscht - und in all dieser Wortflut gerinnt jegliche Handlung, selbst die denkbar dramatischste, zur Erstarrung.

Heute würde ein Lektor kommen und die ersten zweihundert Seiten auf vierzig zusammenstreichen. Selig die Zeiten, in denen die Diktatur des Lektorats noch nicht sämtliche Literatur in ihrem Würgegriff der Machbarkeiten und des Gängigen hielt. Selig wir Leser, die wir Hugos Gedankenfeuerwerk in all seiner Vielfalt und Wucht folgen dürfen, Seite um Seite um Seite, bis das Schiff endlich versunken ist und der Roman - erst danach, nach mehreren hundert Seiten - die eigentliche Hauptfigur einführt.

Epischer Atem ergibt epischen Sturm ergibt episches Versinken aller Leser.

Der geschätzte Berliner Kollege Tobias O. Meißner in seinem Vorwort zum ersten Band von
Victor Hugo, DER LACHENDE MANN (1869),
in vier Teilbänden bei Golkonda

Ich bin gespannt!

Samstag, 27. September 2014

Und was sagen sie im Forum von sf-fan.de über meinen Neo-Roman?

Nicht viel.

Bungle - der, wie ich weiß, schon so manche meiner Geschichten gelesen hat, schreibt kurz und knapp:

Er war für "Berlin 2037" auch irgendwie prädestiniert. :) Wobei ich mir ein bisschen mehr erhofft habe.

Worauf ein gewisser Wünsche anmerkt:

Frank gehört nach wie vor in die E[rst]A[uflage]! Das ist die Oberliga!

Das ist natürlich sehr schmeichelhaft, und es wäre eine Ehre, als Teamautor für diese große alte Serie zu schreiben. Allein: Dieser Autor hier ist fürs Serienromanschreiben auf Termin einfach nicht gemacht. Das haben die Redaktion und ich gerade erst wieder schmerzhaft erfahren müssen.

Ist einfach so. Müsst ihr mit leben. Genauso wie ich.

Freitag, 26. September 2014

Fünfmal fünf Sterne

Bei der Amazon-Kundschaft kommt mein Neo-Roman BERLIN 2037 offensichtlich sehr gut an - es gibt dort jetzt fünf Kundenrezensionen mit Höchstwertung und bislang keine Gegenstimmen.

"Schöner Einstieg", schreibt etwa ein Neuleser namens Art Hirtman und attestiert "eine glaubwürdige Zukunft".

Und Martin Militsch, den ich vom Berliner Perry-Rhodan-Stammtisch her kenne, stellt fest:

Was der Berliner Autor und Übersetzer schon mit 3 Perry Rhodan Taschenbüchern (bei Heyne) und 2 Heftromanen bewiesen hat, zeigt er auch bei seiner Rückkehr ins Perryversum: Er ist ein Spitzen Science Ficton Autor, der hier zudem eine farbige Zukunftsversion seiner Heimatstadt bietet! Einer der besten Perry Rhodan Neo Romane, qualitativ weit über dem Durchschnitt!!

Hach ja, so startet man doch gern in den Arbeitstag ...

(... den ich allerdings nicht mit dem Schreiben von Science Fiction verbringen werde, sondern mit der abschließenden Überarbeitung eines frisch von mir übersetzten parapsychologisch angehauchten Krimis.)

Donnerstag, 25. September 2014

Nehmen wir einmal an, die Ratshalle braucht ein neues Dach

Nehmen wir einmal an, die Ratshalle einer indianischen Gemeinschaft braucht ein neues Dach [...] Nun, alle wissen davon. Die ganze Zeit hatte es schon hier und da durchgeregnet, und es wird immer schlimmer. Die Leute haben wohl auch schon darüber gesprochen und gesagt: "Ich glaube, das alte Gemäuer braucht ein neues Dach." Und dann ist da eines Morgens auf einmal ein Typ auf dem Dach, der die alten Schindeln herunterreißt, und unten auf der Erde liegen mehrere Haufen von neuen, handgemachten Holzschindeln - wahrscheinlich nicht genug, um die ganze Arbeit fertig zu[ ]bekommen, aber genug, um erst einmal damit anzufangen. Nach einiger Zeit kommt dann ein anderer Typ vorbei und sieht den ersten auf dem Dach. Er geht zu ihm 'rüber, aber er sagt nicht etwa: "Was machst du denn da oben?"[,] weil das ja offensichtlich ist. Er würde statt dessen sagen: "Wie sieht's denn aus da oben? Ganz schön verlottert, was?" Irgend etwas in der Richtung. Und dann zieht er weiter, doch schon bald ist er mit einem Hammer oder einer Schindelaxt zurück und vielleicht ein paar Schindelnägeln oder ein paar Rollen Dachpappe. Am Nachmittag arbeitet schon ein ganzer Trupp auf dem Dach, unten hat sich ein Stoß von Material auf der Erde angesammelt, Kinder nehmen die alten Dachziegel fort - nehmen sie zum Anfeuern mit nach Hause -, Hunde bellen, Frauen bringen kalte Limonade und belegte Brote.

Die ganze Gemeinschaft ist dabei, und es gibt eine Menge Spaß und Gelächter. Vielleicht taucht am nächsten Tag ein anderer Typ mit noch mehr Dachziegeln auf. Nach zwei oder drei Tagen ist die ganze Arbeit fertig, und alles findet darin seinen Abschluß, daß man eine Riesenfete in der "neuen" Ratshalle abhält. Und das alles nur, weil ein Typ sich dazu entschloß, die Halle neu zu decken. Wer war nun dieser Typ? War er ein einzelnes, isoliertes Individuum? Oder war er die ganze Gemeinschaft? Wie kann man das sagen? Keine Versammlung ist einberufen worden, keine Komitees wurden gebildet, keine finanziellen Mittel erhoben. Es gab keine Streitereien darüber, ob das Dach mit Aluminium, Kunststoff, Blech oder Ziegeln gedeckt werden sollte, was das Billigste wäre, was am längsten halten würde und so weiter. Es gab keinen Meister dabei, niemand wurde eingestellt, und kein Mensch stellte das Recht dieses Typen in Frage, das alte Dach herunterzureißen. Und dennoch muß eine gewisse Form von "Organisation" geherrscht haben - weil nämlich die Arbeit fertig wurde. Und sie wurde viel schneller fertig, als wenn man richtige Dachdecker eingestellt hätte. Und vor allem: Es war keine Arbeit, es war Spaß!

Wilfred Peletier, Anishinaabe
aus: Sabine Kückelmann, LOOK INTO THE HEART. LEBEN IN ZWEI WELTEN (1995)
Art Stock, nur noch antiquarisch erhältlich

Dieser Kunstband mit Fotografien von Sabine Kückelmann und eigenen Texten der Portraitierten ist eines meiner absoluten Lieblingsbücher. Wenn ihr nur ein einziges Buch über heutige nordamerikanische Indianer lesen wollt, dann nehmt dieses! Es kommen Angehörige aller möglichen Stämme zu Wort; ob alt oder jung, männlich oder weiblich, in der Stadt oder auf dem Land lebend, alle erzählen sie ihre Geschichte.

Drüben bei Sabine Kückelmann könnt ihr fünf kleine Blicke in das Buch werfen.

Mittwoch, 24. September 2014

Was alle Männer vielleicht brauchen

Vielleicht brauchen alle Männer etwas, um das sie sich kümmern können, und sei es nur eine Ehefrau, und dies mag der Grund dafür sein, weshalb Seeleute so oft auf Papageien in Vogelbauern verfallen, oder Schiffskatzen, oder grünfellige Nonnen-Äffchen, die auf See gewöhnlich eingehen.

aus: T. H. White, DER HERRSCHER IM FELS (1957)
Deutsch von Rudolf Rocholl und Bernd Rauschenbach
bei Fischer Taschenbuch, nur noch antiquarisch erhältlich

White ist ein Autor, dessen warmherzige Verschrobenheit ich sehr schätze, aber mit diesem kleinen Roman habe ich mich schwergetan; die Lektüre hat sich über bestimmt zwei Monate hingezogen - bei zweihundert Seiten.

Meine Lieblingsbücher von ihm sind weiterhin die vier Bände von DER KÖNIG AUF CAMELOT, dort, und die herrliche GULLIVER-Pastiche SCHLOSS MALPLAQUET, ODER: LILLIPUT IM EXIL, hier. Wobei ich allerdings noch keines seiner Werke ein zweites Mal gelesen habe, weil ich ihn erst 2011 für mich entdeckt habe.

Dienstag, 23. September 2014

"Kann ein Roman ein Leben verändern?"

... fragt Frank Duwald drüben in seinem Dandelion-Blog und beantwortet die Frage für sich mit einem Ja.

Ich für mich auch.

Wobei ich nicht mehr weiß, wie dieser Roman hieß oder wer ihn geschrieben hat.

Beides ist auch völlig unwichtig, ebenso der konkrete Inhalt.

Wie das gehen soll?

Na, so:

Ich bin in Kreuzberg 61 aufgewachsen, in der Nähe des Druckereiviertels, in dem damals tatsächlich noch rege gedruckt worden ist.

Ich muss so elf oder zwölf Jahre alt gewesen sein, da brannte es in einer der Druckereien. Keine Ahnung, warum mir das Feuer damals entgangen ist und warum ich auch danach nicht auf das Gelände gegangen bin, wo doch damals keine Ruine und kein leeres Grundstück vor uns sicher gewesen ist. Jedenfalls verhält es sich so, dass ich die brandzerstörte Druckerei wohl nicht betreten habe -

- ein Kumpel hingegen schon.

Und er brachte einen Schatz mit.

Einen Schuhkarton voller angesengter Romanhefte, die er geborgen hatte. Es handelte sich um eine Nummer der Gespenster-Krimis von Bastei mit dem unsterblichen Untertitel "Zur Spannung noch die Gänsehaut". Diese Gruselromane las ich damals ohnehin, und nun durfte ich mich über ein kostenloses Exemplar des neuesten Heftes freuen; nicht zu unterschätzen, wenn man als Taschengeldempfänger praktisch ständig am Schmökern war.

Aber das war nicht der Punkt, warum ich so fasziniert in diesen Schuhkarton starrte, aus dem es nach verbranntem Papier roch.

Ich sah diesen Stapel Hefte vor mir, deren leuchtend lila Rahmen angesengt waren, und es war ein magischer Moment.

Ich begriff zum ersten Mal wirklich, dass von Heften, Comics, Büchern unzählige Exemplare gedruckt und dann über das ganze Land verteilt wurden, wo alle möglichen Leute sie lasen und nicht bloß dieser eine Junge in Kreuzberg.

Vielleicht wäre ich auch ohne diesen Schlüsselmoment Schriftsteller geworden, mag sein.

Aber ich glaube nicht daran; der Moment ist zu groß in der Erinnerung.

Jedenfalls weiß ich heute weder den Autor noch den Titel noch den Inhalt des Romans. Am deutlichsten erinnere ich mich an den Geruch und daran, wie sehr das Lila leuchtete, wo es keine Schmauchspuren trug.

Montag, 22. September 2014

Hasen-was?

Lona hat ja neulich in den Kommentaren schon schön erklärt, was Hasenbrot ist.

In den gesammelten Kindheitserinnerungen meines Straßennachbarn Manfred Bofinger habe ich auch noch etwas darüber gefunden:

[N]ichts war so überwältigend schmackhaft wie eine tagalte Klappstulle, die mein Vater von der Arbeit wieder nach Haus brachte, um mich zu erfreuen. Vermutlich hat er sie sich morgens nur deshalb einpacken lassen, um sie abends für mich übrig zu haben.

Die Klappstulle war weich und aromatisch durchzogen vom Aufschnitt oder Belag, der zwischen den Brotscheiben noch eine Galgenfrist hatte, bevor er von mir verschlungen wurde.

Hasenbrot übertraf alle weltlichen Erwartungen und Angebote.

aus: Manfred Bofinger, DER KRUMME LÖFFEL. MINIATUREN EINER KINDHEIT (1998)
bei Aufbau

Manfred Bofinger ist 2006 gestorben, die meisten seiner Zeichnungen, mit denen er einige Geschäfte und Lokale im Kiez verschönert hatte, sind längst verschwunden, und auch den KRUMMEN LÖFFEL gibt es nur noch antiquarisch, was sehr, sehr schade ist.

Denn das Buch ist eigentlich Pflichtlektüre für alle Berliner, ob West oder Ost, die sich für die unmittelbare Nachkriegsgeschichte interessieren - eine sehr sonnige Pflicht wohlgemerkt, denn Bofinger hat diese Geschichten erzählt, "weil ich weiß, daß die Jahre der Notbehausungen, der eiskalten Winter und des Hungers aus Kindersicht mitunter auch vergnüglich und freundlich waren." Er fügt hinzu: "Sollten Püppi, Siggi, Segelohr, Güdoi, Detlef, Peter oder Hansi von diesem Buch erfahren und Lust haben, sich bei mir zu melden, wäre das prima."

Ja, so war er, der Herr Bofinger mit seiner "treffliche[n] Glatze". Ich hoffe, er hat damals tatsächlich ein paar von seinen Freunden wiedergefunden.

Hier noch die Signatur mit seiner schönen, raumgreifenden Schrift:


Das Buch lag eines Tages überraschend in der kleinen Pizzeria am Ende der Straße für mich bereit. Der "Pizzamann", wie mein damals noch kleiner großer Sohn den Wirt nannte, hatte Bofinger von dem Schriftsteller erzählt, der in derselben Straße wohnte und ebenfalls Stammgast in dem Lokal war.

Sonntag, 21. September 2014

Leserpost

Peter Scharle schreibt:

Zum Roman eine Frage: Wie riechen "alte Männer, die zu lange ohne Frauen" sind? Ansonsten war der Roman spannend und unterhaltsam und mit viel Liebe zum Detail geschrieben. Darf man sich als P[erry]-R[hodan]-Fan auf weiteres aus Deiner Tastatur freuen?

Wie "alte Männer" riechen, "deren Frauen vor Jahren gestorben waren", wie es in BERLIN 2037 heißt, davon hat die Figur Mia offensichtlich eine genaue Vorstellung - nach einem seit Jahrzehnten ungelüfteten Gang im verlassenen Flughafengebäude von Tempelhof nämlich.

Freut mich, dass dir treuem Perry-Leser der Roman so gut gefallen hat!

Was weitere Beiträge zum Rhodan-Kosmos angeht, so schauen wir mal. Ich tauge ja leider nicht zum Terminschreiber und sorge immer für reichlich Stress am Ende. Als nächstes steht jedenfalls mein zweiter Roman für Golkonda an; den will ich im Herbst und Winter durchschreiben.

Samstag, 20. September 2014

Heute Nacht war ich wieder in Morbidad

... was, wie meine regelmäßigen Bloggäste wissen, mein Traum-Berlin ist.

Im zurückgebauten Prinzenbad (zugeschüttete Schwimmbecken, alles entweder verwildert oder begärtnert) fand zum wiederholten Mal ein Hippiefestival statt. Ich schlenderte da im Sonnenschein herum zwischen den Zelten und Wohnmobilen, und als ich zur Bühne kam, war alles wunderbar, wie immer.

Doch dann sah ich diese Typen direkt vor der Bühne. Alles kräftige, schwarzgekleidete Kerle, die da einen auf dicken Max machten und sich rumschubsten und miteinander Würfe machten.

Das sollten Ordner sein? Gut, sie machten keinen Lärm, sondern rangelten da in völliger Stille, aber so etwas, fand ich, konnte doch nicht lange gutgehen.

Ich versuchte mich auf die Musik zu konzentrieren, aber es gelang mir nicht. Ich musste immer wieder zu diesen fast schon Randalierern sehen.

Irgendwann hatte ich genug und ging zu einer Frau, die im Eingangsbereich zur Festivalwiese Dienst schob. Ich erzählte ihr von dieser Horde und fügte hinzu: "Das sind alles xxx", (hier kam eine reichlich surreale Gruppenbezeichnung wie Publikaner oder Philadelphier oder so ähnlich, die ich aber gleich nach dem Erwachen wieder vergaß), "das kann doch nicht lange gutgehen!"

"Das sind die besten Ordner, die wir je hatten", sagte sie. "Früher mussten wir immer auf die Hell's Angels oder so zurückgreifen, aber die Publikaner" (ich nenne die jetzt einfach mal so) "sind viel besser. Die sind groß, die sind kräftig, die kennen keine Angst und haben alle ein Gewaltlosigkeitstraining gemacht."

Ich sah wieder rüber zur Bühne, und jetzt kamen mir die Kerle wie Schwarzbären vor. Sie purzelten da in völliger Friedfertigkeit umeinander und taten niemandem etwas und sorgten durch ihre pure Präsenz dafür, dass sich alle benahmen.

"Ich bring dich mal zu ihrem Lager", sagte die Frau am Eingang, "dann kannst du dir selbst ein Bild machen."

Und während wir da hinüberstiefelten, blendete der Traum aus ...

Ja, so ist das in Morbidad. Wild, anarchisch, aber passieren tut dir da nie was -

Freitag, 19. September 2014

"Sehr guter, eigenständiger Roman"

... schreibt Amazon-Kunde G. Mackowiak zu meinem Neo-Roman BERLIN 2037 und führt weiter aus:

Dieser NEO ist ein Meisterwerk. / [...] Dabei ist es für den Leser gar nicht nötig, den gesamten Hintergrund zu kennen, der Roman funktioniert auch so. / Berliner Lokalkolorit ist reichl[i]ch vorhanden, so in etwa könnte eine der zahlreichen Subkulturen in zwei Jahrzehnten vielleicht wirklich sein, besonders wenn es wie in der Serienhandlung Kontakt zu Außerirdischen gibt. / [...] / Auf jeden Fall eine Leseempfehlung für jeden Freund phantastischer Romane, für jeden SF-Fan - und auch für jeden, der Berlin mag.

Aaah, das geht doch rrrrunter wie Öl ... Die vollständige Kundenrezension findet ihr dort. Ihr seht, ihr könnt euch da auch ohne große Serienkenntnisse rantrauen!

Donnerstag, 18. September 2014

Oha, Stilkritik!

Drüben im Perry-Rhodan-Forum hat jemand genüsslich meinen Neo-Roman zerpflückt.

Wenn ich mir das so anschaue, kommt mir unwillkürlich die Faustregel in den Sinn, die mir einmal der damals noch viel erfahrenere Autor und Übersetzer Jörn Ingwersen für den Umgang mit Lektoratsanmerkungen beigebracht hat: Ein Drittel sind Verbesserungen, ein Drittel sind Geschmackssache, ein Drittel sind Verschlechterungen. Da bin ich dann fast immer gut damit gefahren, mich für die Verbesserungen zu bedanken, die Geschmackssachen einfach durchzuwinken und mir für Verschlechterungen, die ja Hinweise auf Stellen sind, die nicht richtig funktionieren, dann eben noch eine Alternative auszudenken, die beide Seiten zufriedenstellt.

Ich glaube nun nicht, dass in den Auflistungen des stilbewussten Foristen ein Drittel tatsächliche Fehler enthalten sind, aber an mindestens zwei Stellen - die "Handvoll", das "unter dem Radar bleiben" - sitzt seine Kritik. Autsch! Danke dafür nach drüben!

Ansonsten werde ich den Verdacht nicht los, dass er einfach nicht empfänglich für meine Art zu erzählen ist; alles, was ich sprachlich gelungen finde, kommt in seiner Wahrnehmung gar nicht vor, und wenn ausnahmsweise doch, dann negativ. Schluchz.

Aber ist schon okay.

Wirklich.

Die Leute müssen meinen Stil ja nicht toll finden.

Sie sollten natürlich, klar.

Aber sie müssen nicht.

Echt nicht.

Ehrlich!

Ich schwöre.

Mittwoch, 17. September 2014

Kiekt mal

... was mir Freund und Nachbar Viktor Pavel neulich aus New York mitgebracht hat:


Ein T-Shirt des legendären Science-Fiction-Buchladens Forbidden Planet!

Und mal abgesehen davon, dass das gute Stück aufs Feinste meine Garderobe ergänzt, habe ich in der Tüte noch ein achtseitiges Fanzine des Ladens gefunden - ja, ihr habt richtig gelesen! Die machen im Internetzeitalter tatsächlich immer noch ein hektografiertes A5-Fanzine für ihre Neuerscheinungen, aktuell mit der Ausgabe 417 bei wöchentlicher Erscheinungsweise. Korrekte Einstellung.

Irgendwie fehlt unserem legendären Otherland noch so'n eigenes T-Shirt, meint ihr nicht auch?

Dienstag, 16. September 2014

"einfach weiterschlafen, auf ein Ufo warten"

DDR 1966. Eine frischgebackene alleinerziehende Mutter will saufen gehen und lässt ihr Kind in der Wohnung zurück:

Zwischen den Häusern aber wurde sie sofort traurig, die Stimmung, die von den bröckelnden Fassaden, von den unbehandelten Einschusslöchern aus dem letzten Krieg und den leeren Läden auszugehen schien, machte sie langsam, wie wenn sie im Stillstand unter Wasser liefe, ein Teil der Lähmung, die alle ergriffen hatte, die mit gesenktem Kopf über die Straßen schlichen, nur nicht aufblicken, nicht munter werden, einfach weiterschlafen, auf ein Ufo warten. Die Stimmung im Feldversuch Sozialismus war so durchdringend trostlos, die Gesichter waren so müde, dass selbst Sonnenschein kaum helfen konnte. Als würden sich sogar die jungen Leute nicht einmal mehr verlieben, aus Langeweile paaren und nur, um im Anschluss eine eigene Wohnung zu bekommen, in der sie dann sitzen und warten konnten. Wenn man den Menschen den Kapitalismus nimmt, bleibt von ihnen wohl nicht viel übrig.

aus: Sibylle Berg, VIELEN DANK FÜR DAS LEBEN (2012)
bei Hanser,
ab Oktober auch als Taschenbuch bei dtv

Sollt ihr lesen, weil: unter anderem der beste deutsch-deutsche Roman, den ich kenne!

Montag, 15. September 2014

Wieder was gelernt

autobombo = Spanisch für Eigenwerbung

Inspirationen aus der Kindheit

Wenn ich krank bin, greife ich gern auf die Musik, die Filme und Bücher meiner Kindheit zurück. Das ergibt sich instinktiv, dank ihrer heimelig-heilsamen Wirkung.

Gestern wurden mir dabei zwei frühe Inspirationen klar:

Dass ich als junger Mann gern "Seemannspullis", sprich Troyer, mit Jacketts kombinierte, was zwanzig Jahre lang so gut wie niemand außer mir machen sollte, geht wohl auf Käpt'n Haddock zurück.

Und das älteste selbstgemalte Bild in meinem Besitz, ein noch aus Grundschultagen stammender fröhlicher Zigarre rauchender Fisch mit Brille und gezwirbeltem Schnurrbart, dürfte direkt von dem prächtigen Beatles-Film YELLOW SUBMARINE inspiriert gewesen sein, dessen Design von Heinz Edelmann stammt, der später auch viele Bücher der Hobbit Presse so schön gestaltet hat.



Wer weiß, wie viele solcher Ideengeber aus Kindertagen es noch gibt, tief ins Gedächtnis abgesunken und doch immer noch wirksam, ohne dass man es überhaupt merkt?

Samstag, 13. September 2014

Der Sommer geht

- wie ein wunderschöner Roman von Michael Coney auf Deutsch heißt.

Also setzt euch, so lange es noch geht, im Hemd nach draußen!

Wie wir neulich vor die kleinste Brauerei vielleicht sogar Europas:

(Rene: "Dein Neo muss mit rauf." - Frank: "Nee, dein T-Shirt muss mit rauf!"; Foto: Ralf Steinberg)

Falls ihr mehr wissen oder das leckere Bier gar selber mal probieren wollt:


Freitag, 12. September 2014

Simenon war zeit seines Lebens ein Frühaufsteher und verspürte stets das Bedürfnis, sich nach dem Aufwachen möglichst schnell "ins Leben zu stürzen". Nicht selten sprang er, selbst bei kalter Witterung, vor der Schule mit keinem Geringerem als seinem Großvater auf ein rasches Morgenbad in die Maas. Dieser Schwung erklärt vielleicht auch Simenons Tendenz, Lütticher Schauplätze und Begebenheiten als in Sonnenschein getaucht in Erinnerung zu behalten, auch wenn die Sonne größtenteils verdeckt gewesen sein dürfte

aus: Stanley G. Eskin, SIMENON. EINE BIOGRAPHIE (1987)
Deutsch von Michael Mosblech
bei Diogenes, nur noch antiquarisch erhältlich

Ihr wisst ja noch gar nicht, was ich LETZTEN Sommer getan habe!

Da habe ich einen Tag lang als Amateurmodell gearbeitet.

Nein, nicht was ihr jetzt denkt.

Die Komfortklinik des Urbankrankenhauses wollte ihre Räumlichkeiten für Werbung fotografieren lassen und brauchte noch Menschen, damit das Ganze lebendiger aussieht. So war ich dann der "Mann" einer "Patientin", die ich zusammen mit der "Tochter" besuchte.

Zuerst hatte ich das gar nicht machen wollen, aber dann fiel mir Alfred Bester ein und wie er einmal in Paris eine Straße mit dem Presslufthammer aufgerissen hat, einfach weil er die Gelegenheit zu diesem kleinen Abenteuer am Schopf packte, siehe hier, und da wollte ich diese meine Gelegenheit, einmal in die Arbeit als Modell hineinzuschnuppern, doch nicht verstreichen lassen.

Wer weiß, für welche Geschichte ich diesen kleinen Einblick einmal gebrauchen kann? Und selbst wenn nicht - ich habe jetzt wenigstens den Hauch einer Ahnung, wie diese Arbeit sich anfühlt und was sie mit einem macht. Es schadet ja nie, sein Weltwissen zu erweitern.

Eines der Fotos findet sich im Netz - bitteschön:


Seht ihr? Da bin ich - klein, aber fein, harr harr.

In groß könnt ihr das Bild dort auf der Seite der Komfortklinik finden, in der Galerie, und gemacht hat es die Berliner Fotografin Mo Wüstenhagen; deren Seite findet ihr dort.

Mittwoch, 10. September 2014

Industal (Punjab), Pakistan, vor über 4.000 Jahren

Zur Abwechslung stehen Archäologen mal vor einem Rätsel, das wenig mit Gräueltaten zu tun hat:

Wie wir im Falle von Ägypten und Mesopotamien gesehen haben, bedurfte es für den Sprung vom Dorf zur Stadt gewöhnlich eines dominanten Herrschers, der Zwang ausüben und Ressourcen nutzen konnte. Unklar aber ist gerade, wer diese hochgradig organisierten Städte im Industal regierte. Es gibt keine Hinweise auf Könige oder Pharaonen - oder überhaupt auf irgendwelche Anführer. [...]

Die Überreste dieser großen Städte der Indus-Kultur liefern uns keine Anhaltspunkte dafür, dass wir es hier mit einer kriegführenden oder vom Krieg bedrohten Gesellschaft zu tun haben. Man hat nur wenige Waffen gefunden und die Städte scheinen nicht befestigt gewesen zu sein. Es gibt große Gemeinschaftsgebäude, aber nichts, das wie ein Königspalast aussieht, und zwischen den Häusern der Reichen und denen der Armen bestanden offenbar keine großen Unterschiede. Wir haben es also, so scheint es, mit einem deutlich anderen Modell städtischer Zivilisation zu tun, das ohne die Verherrlichung von Gewalt oder eine extreme individuelle Machtkonzentration auskommt. Beruhten diese Gesellschaften also nicht auf Zwang, sondern auf Konsens?

aus: Neil MacGregor, EINE GESCHICHTE DER WELT IN 100 OBJEKTEN (GB 2010)
Deutsch an dieser Stelle von Andreas Wirthensohn
bei C.H. Beck

Ein Geschenk meiner Liebsten und eines der besten Bücher, die ich in diesem Jahr vor die Lesebrille bekommen habe ... Ich genieße alle paar Tage beim zweiten Frühstück die Darstellung eines Gegenstands. Sehr anregend! War 2012 Wissensbuch des Jahres in der Kategorie "Überraschung - Das Buch, das ein Thema am originellsten anpackt".

Mehr zur Indus-Kultur bei Wikipedia - wir reden hier über die Bronzezeit, Leute!

Dienstag, 9. September 2014

"Wofür hast du gekämpft?", fragte Harold.

"Oh, große Ziele. Freiheit. Rechte. Gerechtigkeit. Könige starben und Königreiche gingen unter. Weißt du, um die Königreiche tut es mir nicht leid - ich sehe keinen Sinn in Grenzen, Nationen und Patriotismus - aber ich vermisse die Könige."

Colin Higgins, HAROLD UND MAUDE (1971)
Deutsch von Marcel Keller
bei Pendragon, nur noch antiquarisch erhältlich

Sonntag, 7. September 2014

Die Rückkehr des Hasenbrots

Spätsommer.

Erntezeit, Aufräumzeit.

Ich spiele schon seit Monaten mit dem Gedanken, dieses kleine Blog hier auf den neuesten inneren Stand zu bringen und dabei auch Böhmerts Hasenbrot von vor einem Dutzend Jahren wieder aufleben zu lassen, mit einem Relaunch irgendwann im Herbst.

Aber aus irgendwann wird leicht nie, wie mir an diesem schönen Sonntag bei einem spontanen frühmorgendlichen Solo-Picknick an einer meiner liebsten Geheimstellen hier in Treptow klar wurde, und gegen die Gefahr des Perfektionismus hilft das sofortige Backen kleiner Brötchen immer noch am besten.

Also! Böhmerts Hasenbrot ist wieder da.

Schauen wir mal, was daraus wird in den verspielten, inspirierten Viertelstündchen, von denen der Alltag dieses Schriftstellers hier durchsetzt ist.

Wissen alle, was Hasenbrot ist?

Donnerstag, 4. September 2014

BERLIN 2037 - Und wie finden die Leser nun meinen Neo-Roman?

Da schauen wir am besten mal im offiziellen Perry-Rhodan-Forum nach!

23 Personen haben sich an der Abstimmung beteiligt, herausgekommen sind folgende "Schulnoten":

Wie gefällt die Story des Romans?
Note 1: 3 Stimmen
2: 10
3: 2
4: 4
5: 1
6: 3
Macht im Schnitt eine 3,4.

Wie gefällt der Schreibstil des Autors?
Note 1: 6 Stimmen
2: 10
3: 4
4: 2
5: -
6: 1
Macht im Schnitt eine 2,3.

Wie gefällt die aktuelle Entwicklung des Zyklus?
Note 1: 5 Stimmen
2: 4
3: 7
4: 1
5: 1
6: 5
Macht im Schnitt eine 3,2.

Das, was ich am stärksten beeinflussen kann, hat mit deutlichem Abstand am besten abgeschnitten - mein Schreibstil. Sehr erfreulich!

Aber: Die Story meines Romans ist einen Tick schlechter angekommen als der Handlungsbogen des sich entwickelnden Zyklus.

Warum das so ist, wird vielleicht aus den Einzelmeinungen zum Roman klar. Ein paar Zitate, selbstverständlich um Spoiler gekürzt:

"Bisschen wenig Berlin. Alexanderplatz, Treptower Park und Tempelhof, das war es dann schon. Schon möglich, dass es de[m] Autor da so geht, wie vielen Berliner, die ich kenne: Sie kennen eigentlich immer nur ihren Bezirk. Schade eigentlich, denn gerade Berlin hätte die Chance geboten, vielfältige Reaktionen zu schildern. / Dafür dann reichlich Klischees in der Handlung, bei der nicht immer so ganz klar ist welcher Protagonist warum so handelt (Paul mal ausgenommen), wie er handelt. [...] Völlig zu kurz, weil eigentlich nicht vorhanden, kommt der Umgang der Bevölkerung mit der Situation. Eine vertane Chance und ein letztendlich mittelmäßiger Roman." (Aristipp)

"Ich empfand den Roman als angenehm geschrieben, mit einer sehr lokalen Perspektive: mal fast ein ganzer Roman, in welchem unsere Hauptfiguren mal nicht mitspielen, und wir einen Eindruck der Übernahme erhalten. Am Beginn eines Zykluses kann ich einen Atmosphäreroman, der die Haupthandlung nicht weiterbringt, gut haben." (Liberty)

"Im Übrigen habe ich ja schon zu meinem eigenen Spoiler geschrieben, dass ich den Roman im Grunde erfrischend fand. Die Zukunft aus der Sicht von Normalos... nein, Normalospinnern. / Die Idee, Arkons Eroberung inhaltlich mit einer extrapolierten menschlichen Modewelle zu verknüpfen (es gibt ja auch in der jetzigen Wirklichkeit Spinner, die sich umbauen zu Katzen lassen) war doch einmal etwas Neues. / Allerdings hatte einer der Poster hier recht anzumerken, dass die Reaktion der Durchschnittsmenschen auf die Arkoniden etwas kurz kam. Eine derartige Umwälzung bietet eine unglaubliche potentielle Erzählvielfalt." (Kjeldahl)

"Na ja, ansonsten war es die alte Geschichte: Boy loves girl und beide machen füreinander viel Unsinn" (Aristipp)

"Der R[o]man hat zwar nicht so gut gefallen wie die Nummer 75, aber immer noch besser als die aktuelle E[rst]A[uflage]. Mich hat der ständige Fokus auf Mia und Paul etwas gestört, ich hätte gerne mehr von "anderen Berlinern" g[e]lesen, wie zB dem Mann im Park, der sich mit Nahor unterhalten hat oder über Mias "Mütter" und ihre Lebensweise (und wie die mit den Arkoniden klar kommen). / Ansonsten habe ich mich gut unterhalten gefühlt. Kann gerne so weiter gehen." (Kreggen)

"Ich fand den Roman gut lesbar, er hatte den richtigen Berlinanteil. Bei Emil und die Detektive gibt es auch nicht mehr Berlin. / Seit lange[m] hatte ich wieder Lesespaß bei einem Heft/Roman aus der PR-Welt. Etwas was ich in der Erst-Auflage vermisse. / Damit hat sich der Ausflug zu Neo, wegen Frank, gelohnt." (Duncan)

"Habe ich nicht aus der Hand gelegt bis ich ihn ganz durch hatte. Spannende und gelungene Unterhaltung. Neo gefällt mir immer besser." (Martin)

"Mir hat der Roman gefallen und ich habe mich beim Lesen gut unterhalten. Die verschiedenen Erzählperspektiven fand ich interessant. Einzig das Ende fand ich etwas zu schnell abgehandelt. Ich vermute, dass lag an der begrenzten Seitenzahl. / Die Spannung zwischen dem Fürsorger und dem militärischen Befehlshaber wird vielleicht auch noch in den nächsten Bänden weiter dargestellt. Würde mich freuen. Ich bin gespannt wie es mit Band 77 weitergeht." (Volker)

"Das Lokalkolorit war schon ganz ordentlich durchgeführt, wenn auch zugegebenermaßen etwas geographisch begrenzt. Dennoch habe ich einige Orte wiedererkannt (grins)...Nur das "Berlinern", der Dialekt,war nicht ganz echt, da wo der allgemeine, einfache Einwohner dargestellt wird, der sich nur um seinen Kram kümmert. Köstlich die Aussage des Schlangenarkoniden:; "ich hasse diese Stadt" oder so ähnlich... / War zwar der letzte NEO, den ich kaufte, aber die Rahmenhandlung war zu sehr an den Rand gedrängt, die Nebenhandlung der immerhin sehr interessanten Protagonisten zu sehr ausgebaut. Schade, dass [X.] draufging..." (Aarn Munro)

"Also mir hat er sehr gut gefallen. [...] / Ich habe es am Stück gelesen. / Weiter so!!" (Fireblade)

"Gut, etwas Lokalkolorit - aber nicht zuviel. / Die Handlung wechselt zwischen bekannten Figuren und dem "gewöhnlichen, unbekannten, zivilen Fußvolk". So etwas mag ich. / Die offenen Fragen (Imperatrice, Ferrol...) werden sich später klären (oder?)." (Onot)

"Mir kommt (sicher Geschmackssache) zu wenig Besatzungsatmosphäre rüber. [...] Und die Arkoniden wirken nicht gerade wie eine in Jahrtausenden gewachsene, erfahrene Eroberungs- und Besatzungsmacht. / Gut fand ich diese "Augmentationen", auch wenn der Begriff gefühlte tausend mal im Heft 76 erschien. Das scheint mir schon eine denkbare Entwicklung zu sein. Und dass die Hintergründe der Besatzung noch nicht erklärt werden, damit kann ich schon leben." (Spaceman Spiff)

"Unterhaltsam und spannend ABER nachdem Perry überraschend Thora angetroffen hat, habe ich erwartet, dass wir im vorliegenden Band etwas mehr darüber erfahren. Schade! Das gibt das Gefühl, dass die Handlung nicht vom Fleck kommt." (Grey)

"Boah! Was ne Schlaftablette! Der mit Abstand schlimmste Filler bislang! Das Schlusslicht unter allen bisherig veröffentlichten PRN-Romanen. Es passiert auch nichts relevantes zur Zyklus-Entwicklung. [...] Den Roman braucht man nicht zu lesen. Und kann es sein, dass Frank Böhmert zuviel Deus Ex Human Revolution gespielt hat? Wegen der ganzen Augment-Thematik und so." (Sly Boots)

Quelle: Perry-Rhodan-Forum (aber Achtung, falls ihr den Roman nicht gelesen habt und das noch tun wollt: Dort wird die Handlung diskutiert - damit könntet ihr euch den Spaß verderben)

Der einzige Schluss, den ich ziehen kann: Manche Leser wollen mehr Handlungsfortschritt; diese habe ich mit meinem Gastroman nicht erreicht.

Oder könnt ihr noch einen anderen ziehen?

Zwei Anmerkungen noch:

Aarn Munro - Lustig, wenn ein Berliner dem anderen attestiert, dass er nicht richtig berlinern kann ... Vielleicht hängt's von den bezirklichen Eigenarten ab? Die schöne Formulierung "Komm oben" etwa habe ich nur im Wedding gehört, nie in Kreuzberg.

Sly Boots - Ich spiele keine Computerspiele; sie langweilen mich ebenso tödlich wie dich offensichtlich meine Art zu schreiben, und von DEUS EX HUMAN REVOLUTION habe ich durch deinen Beitrag zum ersten Mal gehört. Die Augmentier-Thematik stammt vom Chefautor, dabei handelt es sich um einen Rückgriff auf den Anfang der Serie: In einem der ersten Bände kam ein augmentierter Motorradfahrer vor, der zur dort schon so genannten "Cyber-Community" gehörte. Ich habe da nur noch die "Cycos" draus gemacht, weil ich diese Eigenbezeichnung weniger sperrig fand, und das Ganze vertieft.

Und damit Ende der Mittagspause und zurück zur Brotarbeit ... Lasst's euch gutgehen!

Mittwoch, 3. September 2014

Gelesen: Graham Greene, DR. FISCHER AUS GENF, ODER: DIE BOMBEN-PARTY (GB 1980)

Worum geht's?

Ein Millionär feiert Dinnerpartys, auf denen er die Stammgäste endlos demütigt. Sie kommen trotzdem. Warum? Und wird sein erstmals eingeladener Schwiegersohn, der einzige nicht reiche Anwesende, die Sache sprengen?

Wie ist das Buch geschrieben?

Ich-Form aus der Sicht des Schwiegersohns, einfache Vergangenheit, ernster Grundton

Was gefiel nicht so?

Ich habe das Buch im Juni gelesen und schon so gut wie vergessen. Offensichtlich sind mir die Figuren und die Handlung also nicht erinnerungswürdig.

Was gefiel?

Es ließ sich, wie bisher jeder Roman von Greene, den ich probiert habe, gut runterschnurren.

Gute Stelle?

Ich habe mir keine markiert. Hier die ersten Sätze, Deutsch von Peter Michael und Hans W. Polak:

Ich glaube, ich habe nie einen Mann mehr gehaßt als Dr. Fischer, genauso, wie ich gewiß keine andere Frau mehr geliebt habe als seine Tochter. Wie sonderbar, daß sie und ich einander überhaupt begegneten, von Heirat gar nicht zu reden. Anna-Luise und ihr Millionärsvater lebten in Versoix bei Genf, in einer großen weißen Villa am See, während ich in Vevey als Übersetzer und Korrespondent bei einer riesigen gläsernen Schokoladenfabrik angestellt war.

Zu empfehlen?

Nö. Es gibt Bücher von Greene, die viel kompakter, fesselnder, erinnerungswürdiger sind - von Komödien wie DIE REISEN MIT MEINER TANTE, hier, bis hin zu seinem ernsten Meisterwerk EIN AUSGEBRANNTER FALL, hier.

Wo aufgestöbert?

Geschenk von Ralf Steinberg während eines SF-Dinner-Grillabends:

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar. Broschiert, 303 Seiten. Volk und Welt, Berlin 1984)

Und sonst?

Ich glaube, ich fand auch das Thema einfach öde. Wäre der Roman nicht von Graham Greene, ich hätte ihn in der Buchhandlung schon während der Lektüre des Klappentextes wieder weggestellt.

Als Komödie hätte mir das Ganze vermutlich mehr Spaß gemacht.

Montag, 1. September 2014

Wie man künstlerische Integrität auch dort wahrt, wo es wehtut

Liebe Verlage,

bevor ihr noch einmal an Kinderbuchklassikern wie PIPPI LANGSTRUMPF oder DIE KLEINE HEXE herumdoktert, nehmt euch ein Beispiel an Warner Bros., die ihren klassischen Zeichentrickfilmen heutzutage das hier voranstellen:

(Quelle: Best of Imgur, via Molosovsky)

StehgreifStegreif-Übersetzung von mir:

Die Trickfilme, die Sie gleich sehen werden, sind ein Produkt ihrer Zeit. Sie zeichnen mitunter ethnische und rassische Vorurteile nach, die in der amerikanischen Gesellschaft weitverbreitet gewesen sind. Diese Darstellungen waren damals ebenso falsch wie heute. Zwar repräsentiert das Folgende nicht die Sicht von Warner Bros. auf die heutige Gesellschaft, dennoch werden diese Trickfilme so gezeigt, wie sie ursprünglich geschaffen worden sind, weil jeder andere Umgang damit der Behauptung gleichkäme, solche Vorurteile hätten nie existiert.

So macht man das!

Eigentlich ganz einfach, oder?

Herzlichen Gruß,
Frank Böhmert

Gelesen: T.C. Boyle, GRÜN IST DIE HOFFNUNG (USA 1984)

Worum geht's?

Ein ehemaliger CIA-Agent heuert einen Botaniker und einen Hippie für den großflächigen Anbau von Marihuana in den Bergen von Kalifornien an; am Ende soll durch drei geteilt werden. Der Hippie will diese seine wohl letzte Chance, den amerikanischen Traum zu leben, unbedingt nutzen.

Wie ist das Buch geschrieben?

Der Hippie berichtet als Ich-Erzähler.

Was gefiel nicht so?

Boyle ist einer dieser Autoren, die einem ständig unter die Nase reiben müssen, wie toll sie schreiben können. Sie sind wie kleine Kinder, die schreien: "SCHAU, MAMA! OHNE HÄNDE! MAMA, SCHAU!" Das hat er hier zum Glück ziemlich im Griff, dank der einschränkenden Konstruktion mit dem Ich-Erzähler.

Was gefiel?

  • Das Buch ist zum Brüllen komisch, zudem aberwitzig.
  • Der CIA-Mann ist eine herrlich schräge Type, die ich abwechselnd gehasst habe und cool fand.
  • Ich mag Bücher von selbstkritischen, frechen Hippies, und so einer ist Boyle.

Gute Stelle?

Der Roman ist mit Boyle-typischen Bonmots durchsetzt, zum Beispiel auf Seite 30 dieses hier über einen Polizisten. Deutsch angemessen locker von Werner Richter:

[I]n seinen Augen funkelte der fanatische Schimmer der Rechtschaffenheit, den man sonst nur in den Augen islamischer Fundamentalisten sieht.

Und auf Seite 258, als das Anbauprojekt in einer tiefen Krise steckt:

[...] und wenn es scheiterte, nach all den Bächen von Schweiß, den Hoffnungen und Anstrengungen, die wir darin investiert hatten, dann war die Gesellschaft selbst ein Betrug, die Pioniere ein Riesenschwindel, dann waren Unternehmungsgeist, Wagemut und in die Hände spuckende Zuversicht genauso sinnlos wie die Mandeln oder der Blinddarm. Wir glaubten an Selfmademen wie P.T. Barnum, Ragged Dick, Diamond Jim Brady, an Andrew Carnegie, D.B. Cooper und Jackie Robinson. An die klassenlose Gesellschaft, an Mobilität nach oben, an das Gesetz des Dschungels. Wir hatten alle Filme darüber gesehen, all die Bücher gelesen. Wir zweifelten nie daran, daß wir es schaffen würden, daß wir eines Tages als reiche Säcke in einer Villa mit Blick über die Stadt sitzen würden. Niemals. Keinen Augenblick lang. Denn: was sollte sonst aus uns werden?

Ja, genau: "was sollte sonst aus uns werden?" Sehr schön erzählt, wie sich der Mut der Verzweiflung anfühlt.

Zu empfehlen?

Aber ja. Ich habe das Buch nach sieben Jahren im Juni zum zweiten Mal gelesen. Es ist eines der geradlinigsten von Boyle.

Wo aufgestöbert?

Eine Freundin meiner Liebsten hatte mir mal zum Geburtstag THE TORTILLA CURTAIN geschenkt; der Roman über Gutmenschen und Flüchtlinge hatte mich sehr beeindruckt, und so habe ich mir irgendwann mal ein Dutzend weitere Bücher von Boyle zugelegt, diese schönen grünen dtv-Ausgaben mit zeitgenössischen Gemälden drauf:

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar. Taschenbuch, 442 Seiten. dtv, München, 14. Auflage Dezember 2005)

Und sonst?

"Romane sind wie Rockkonzerte", hat Boyle mal gesagt. "Entweder bringst du die Leute zum Tanzen oder sie feuern dir Bierdosen an den Kopf."

Oder, möchte ich anmerken, sie verlassen zwischendurch die Konzerthalle und quatschen lieber draußen mit Freunden. Das ist mir mit Boyles Romanen schon öfters passiert; es gibt keinen Autor, von dem ich mehr Bücher mittendrin abgebrochen habe und trotzdem weiterhin jeden Roman ausprobiere. Dieser hier hat mich zum Tanzen gebracht.