Freitag, 8. August 2014

Gelesen: Tom Sharpe, TRABBEL FÜR HENRY (UK 1979)

Worum geht's?

Bei den Wilts, bekannt aus PUPPENMORD, zieht eine attraktive junge Untermieterin ein, die sich dann als untergetauchte deutsche Terroristin entpuppt. Außerdem geht es um die Abgründe alternativer Lebensstile sowie die Späße, die sich die Vierlinge, alles Mädchen im Kindergartenalter, so leisten.

Wie ist das Buch geschrieben?

Mit viel Freude an Witzen aller möglichen Niveaus und hauptsächlich aus Henry Wilts Sicht.

Was gefiel nicht so?

Entfällt, ich habe das Buch im Mai zum vierten Mal genossen.

Was gefiel?

Ich mag Sharpes Tonfall sehr und wie er Klischees immer wieder kippen lässt.

Gute Stelle?

Sharpe geht gern dorthin, wo es wehtut. Manchmal buchstäblich. Seite 71; Henry hat sich betrunken, wankt nach Hause und erleichtert sich gelegentlich in einen Vorgarten. Deutsch von Benjamin Schwarz:

Beim zweiten Mal hielt er einen Rosenbusch irrtümlicherweise für eine Hortensie und holte sich einen ziemlich bösen Kratzer, und er saß gerade auf dem Rasenstreifen und versuchte, sein Taschentuch als Aderklemme zu benutzen, als ein Polizeiwagen neben ihm hielt. Wilt blinzelte in die Taschenlampe, die ihm ins Gesicht leuchtete, bevor sie zu dem blutverschmierten Taschentuch hinunterwanderte.

"Alles in Ordnung?" fragte die Stimme hinter der Taschenlampe, etwas zu freundlich für Wilts Geschmack.

"Sieht das so aus?" fragte er gereizt. "Sie sehen einen Menschen auf dem Bordstein sitzen und sein Taschentuch um die Reste seiner einstmals stolzen Männlichkeit knoten, und da stellen Sie mir so eine scheißdämliche Frage?"

"Wenn's Ihnen nichts ausmacht, Sir, würde ich an Ihrer Stelle den beleidigenden Ton abstellen", sagte der Polizist. "Es gibt ein Gesetz, das ihn auf öffentlichen Straßen verbietet."

"Es sollte ein Gesetz geben, das das Anpflanzen von verdammten Rosenbüschen gleich neben dem Scheiß Bürgersteig verbietet", sagte Wilt.

"Und darf man fragen, was Sie mit der Rose gemacht haben?"

"Man darf", sagte Wilt, "wenn man sich's verdammt nochmal nicht selber in seinem Scheiß Gehirn zusammenreimen kann, darf man wirklich."

"Was dagegen, es mir zu erzählen?" sagte der Polizist und holte sein Notizbuch raus. Wilt erzählte es ihm mit einer Detailfülle und einem Redefluß, daß in mehreren Häusern der Straße das Licht anging. Zehn Minuten später wurde er aus dem Polizeiwagen ins Revier verfrachtet. "Betrunken und aufsässig, führt beleidigende Reden, stört die Ruhe der Nacht ..."

Wilt unterbrach. "Scheiß Ruhe der Nacht am Arsch", schrie er. "Das war keine 'Ruhe der Nacht'. Wir haben eine 'Ruhe der Nacht' in unserem Vorgarten, und die hat keine ellenlangen Dornen. [...]"

Und so weiter. Eine Szene, die so nur in den grünen Hügeln Englands ablaufen kann. Ich beömmele mich jedes Mal wieder darüber, und ich weiß noch, wie mir bei der ersten Lektüre die Rippen wehgetan haben, weil das aberwitzige Grauen einfach kein Ende nehmen will ... Sharpe steigert das über Seiten hinweg.

Zu empfehlen?

Aber ja. Sofern ihr auf albernen Humor durchmischt mit gesellschaftspolitischen Frechheiten steht.

Wo aufgestöbert?

PUPPENMORD habe ich schon als Jugendlicher im Stern mitverfolgt, wo sie damals noch Fortsetzungsromane abgedruckt haben. Irgendwann hatte ich dann das Paperback so oft gelesen, dass ich doch einmal wissen wollte, wie es mit Henry weitergeht ...

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar. Taschenbuch, 287 Seiten. Ullstein Verlag, Frankfurt/M und Berlin, 13. Auflage Oktober 1990)

Und sonst?

Herrlich, wie Sharpe sich schon damals über die verklemmten, selbstgerechten Terror-Fuzzis der RAF lustig gemacht hat! Gab es Vergleichbares eigentlich auch in der deutschen Literatur?

Hier noch meine Lesenotiz von der dritten Lektüre.

Keine Kommentare: