Mittwoch, 6. August 2014

Gelesen: Steven Pinker, THE BETTER ANGELS OF OUR NATURE (USA 2011)

Worum geht's?

Steven Pinker, ein Psychologe und Linguist, schreibt über die, wie Abraham Lincoln das einmal genannt hat, "besseren Engel unserer Natur", die für Pinker der Grund sind, "warum Gewalt" entgegen der allgemeinen Wahrnehmung "abgenommen hat", wie es im Untertitel heißt.

Wie ist das Buch geschrieben?

Wie es sich für ein populärwissenschaftliches Buch gehört: Ausführlich, aber sehr gut verständlich. Das Buch hat einen klaren Aufbau, und der Autor nimmt einen auch immer wieder an die Hand und erklärt einem den Weg.

Was gefiel nicht so?

Entfällt.

Was gefiel?

  • Ich kannte schon einige Thesen und Fakten aus verstreuten Quellen, zum Beispiel die erheblichen Differenzen zwischen Polizeistatistiken und öffentlicher Wahrnehmung von Verbrechen. Aber das einmal so gebündelt und geballt serviert zu bekommen, war immer wieder augenöffnend.
  • Außerdem gefiel mir der umfangreiche Anmerkungsapparat. Es lassen sich alle Quellen nachvollziehen und nachverfolgen.
  • Zu guter Letzt mochte ich die diversen Schlenker, die Pinker sich in seinem Wälzer gestattet. Da lernt man auch nebenbei noch viel - ich habe zum Beispiel die perfekte These gefunden, wieso sich Bestseller nicht machen lassen.

Gute Stelle?

Oh je. Dieses Buch hat ein Dutzend Book Darts verschluckt, und ich habe mich noch zurückgehalten!

Nehmen wir der Einfachheit halber die erste Stelle. Seite 23. Sie zeigt, wie gern Pinker sein Buch mit Bonmots spickt. Übersetzung aus dem Stegreif von mir:

[...] honor, the strange commodity that exists because everyone believes that everyone else believes that it exists.

[...] Ehre, die seltsame Handelsware, die existiert, weil jeder glaubt, dass alle anderen glauben, dass sie existiert.

Er führt das im Laufe des Buches noch aus und kann es auch belegen - es ist also nicht nur hübsch dahergeredet.

Zu empfehlen?

Aber hallo! Eines der wichtigsten, befreiendsten Bücher, die ich in meinen vierunddreißig Erwachsenenjahren gelesen habe! Heißer Anwärter auf mein Buch des Jahres!

Wo aufgestöbert?

Letzten Sommer beim Antiquariatsstöbern im Kisch & Co. nach einem späten Frühstück im Tiki Heart:

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar. Broschiert, 802 Seiten. Penguin, New York 2011)

Von ungefähr Dezember bis Mai habe ich es dann gelesen, in kleinen Portionen zumeist beim zweiten Frühstück.

Und sonst?

Das Buch ist auch auf Deutsch erschienen, allerdings unter einem wenig attraktiven, wieder einmal geradezu irreführenden Titel, wie es bei frechen, vom Mainstream abweichenden Sachbüchern in Deutschland leider immer wieder geschieht; meine regelmäßigen Blogleser wissen das.

Es heißt, haltet euch fest, GEWALT: EINE NEUE GESCHICHTE DER MENSCHHEIT. Na, dann.

Die Übersetzung von Sebastian Vogel ist aber bestimmt gut, der kann was.

Kommentare:

Dirk Steinke hat gesagt…

Steven Pinker's Buecher sind wirklich alle durch die Bank weg lesenswert. Sein neuestes Werk "Writing in the 21st Century" in dem es wie der Titel verraet um das Schreiben geht. Hier gibt es ein Video in dem er sich selbst dazu aeussert: http://edge.org/conversation/writing-in-the-21st-century
Sehens- und Lesenswert :-)

Frank Böhmert hat gesagt…

Danke für den Hinweis, Dirk! Mich interessiert im Moment THE BLANK SLATE am meisten; mal sehen, wann ich dazu komme.