Freitag, 15. August 2014

Gelesen: Neal Barrett jr., DEAD DOG BLUES (USA 1994)

Worum geht's?

Um einen toten, bellenden Hund. Wenig später um sein totes, laufendes Herrchen. Das war millionenschwer, und nun fallen Presse und Fernsehen in das kleine texanische Städtchen ein. Außerdem ist es heiß. Verdammt heiß.

Wie ist das Buch geschrieben?

Klassischer Detektivroman: Ich-Form, einfache Vergangenheit, lakonisch, spöttisch, gern mal sentimal.

Was gefiel nicht so?

Entfällt. Ich habe das Buch im Mai zum fünften Mal genossen.

Was gefiel?

Ich liebe und bewundere Barretts Erzählkunst; die kommt dermaßen einfach und locker daher, aber es sitzt jeder Satz, jede Beschreibung.

Gute Stelle?

Ich habe mir keine markiert. Aber einen Spruch zitiere ich seit Jahren, wenn wir in Berlin mal wieder einen brutal heißen Sommertag haben: "Schatten, das ist etwas für Städter und Schwule." Barrett lässt das seinen Helden über den örtlichen Kleinstadtbullen sagen, der als harter Kerl natürlich die Sonne ignoriert.

Und der Anfang liefert euch einen Eindruck davon, wie Barrett seine Sätze fügt. Deutsch von Thomas Stegers, der wunderprächtig genau den Ton trifft:

Der Tag fing eigentlich sehr gut an, bis Henry D. wegen des toten elektrischen Hundes anrief. Er sagte, der Hund befinde sich im Garten der Coomers, er belle sich die Seele aus dem Leib, und Max Coomer behage das ganz und gar nicht, ob ich nicht vorbeikommen und mir das mal ansehen könne.

"Es ist sechs Uhr morgens", sagte ich. "Ich will nicht vorbeikommen. Ich will mir keinen blöden Köter ansehen."

"Das ist nicht irgendein Köter, Mr. Jack", sagte Henry. "Es handelt sich hier um einen toten elektrischen Hund."

Ich überlegte. Ich sah mir Cecily Benét, die Joghurt-Queen, an. Sie lag da wie ein dreijähriges Mädchen, das Kissen eng an die Brust gedrückt, die schlanken Beine im Laken verheddert, die Knie angezogen bis fast unters Kinn, die langen Haare wie dunkler Seetang um den Kopf geschlungen. In dem trüben Halbdunkel sah sie unendlich süß aus, sie war am ganzen Körper sonnengebräunt, und ich merkte, daß ich keine Lust hatte, in die Stadt zu fahren.

"Was ist denn mit dem Hund, Henry?" sagte ich. "Ist er auf ein Stromkabel getreten, oder was?"

"Nein Sir, ich glaube nicht", sagte Henry.

"Aber er ist tot, oder?"

"Ja Sir. Und wie."

"Und er bellt. Wie laut bellt er denn, Henry?"

"Er bellt sehr laut."

"Hör mal. Anscheinend kapierst du nicht. Unsere Kommunikation ist irgendwie gestört."

"Mr. Jack, ich glaube, es ist besser, wenn Sie mal herkommen", meinte Henry.

Zu empfehlen?

Aber ja! Barrett war einer von den Großen, Unterschätzten. Ein wunderbarer Krimiautor; auch seine Western und SF-Romane sollen toll sein, aber davon habe ich noch nichts gelesen.

Wo aufgestöbert?

Vor vielen Jahren habe ich im Ramsch mal einen Hardcover gefunden, PINK VODKA BLUES. Der war so schön gestaltet, dass ich ihn spontan mitgenommen habe - es sollte eines meiner Lieblingsbücher werden.

Neulich habe ich die JONAH-HEX-Comics von Joe Lansdale & Co. gelesen; darin kam ein beknackter Hufschmied namens Neal Barrett vor, ein kleiner, liebevoller Seitenhieb vom einen Texaner zum anderen, was mich auf die Idee brachte, diesen Roman hier mal wieder zu lesen:

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar. Taschenbuch, 383 Seiten. Heyne, München 1996)

Und sonst?

Barrett ist kürzlich verstorben. Habe ich erst bemerkt, als ich neulich seine Webseite besuchte.

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