Dienstag, 10. Juni 2014

Kurd-Laßwitz-Preis: Warum an den Hörspielregeln geschraubt werden sollte

Vor zwei Monaten habe ich ganz schön über die Hörspieljury des deutschen Science-Fiction-Preises der Profis geätzt:

Abschaffen! Das ist doch bloß noch ein Zirkel, der sich einen darauf runterholt, persönlichen Umgang mit den Hörspielmachern des öffentlichen Rundfunks zu pflegen - mehr nicht

schrieb ich Ende März hier im Blog, und Preis-Treuhänder Udo Klotz verwehrte sich verständlicherweise dagegen. Die Antwort bin ich ihm noch schuldig.


Also: Ich halte die Argumentation pro Hörspieljury, die inzwischen seit Jahren verwendet wird, als Mantra geradezu, aus mehreren Gründen für falsch. Sowohl inhaltlich, als auch von der Wirkung her.

Vorab eine Klärung der Parteilichkeit.

Aus einer E-Mail, die ich nach meiner Ätzerei erhielt:

Vergleiche mal die Preisträger mit den heutigen Verlagshörspielen, hör sie Dir wirklich an (soweit zugänglich), dann kannst Du vielleicht nachvollziehen, was die Jury bei den kommerziellen Hörspielen vermisst. Oder lies die Hörspielrezensionen im Heyne SF Jahrbuch, da schreiben einige der Juroren mit.

Dazu kann ich sagen, dass ich das überhaupt nicht will. Ich höre nämlich gar keine Hörspiele.

Deshalb bin ich vielleicht auch genau der Richtige, um eine Kritik an der Struktur anzubringen - ich gehöre weder der einen noch der anderen Hörspielhörer-Schule an; mir geht diese Erzählform völlig am Allerwertesten vorbei.


Ansonsten ist das natürlich der arg bequeme Vorwurf, dass die Kritiker keine Ahnung haben. Wie gesagt, den Schuh ziehe ich persönlich mir gerne an, siehe oben.

Allerdings gibt es auch Kritiker, die nachweislich Ahnung haben, Markus "Pogopuschel" Mäurer zum Beispiel.

Und dann gibt es ja gelegentlich auch den märchenhaften völlig schimmerlosen Knaben, der als Einziger sieht, dass der Kaiser nackig ist, während die Ahnunghaber eifrig dessen neuen Kleider bewundern.


Soviel zum Vorgeplänkel. Jetzt zur Sache. Seit mindestens vier Jahren läuft die Argumentationslinie wie folgt; ich zitiere Udo Klotz, wie er sich 2010 im SF-Forum geäußert hat:

Die Statuten werden sofort angepasst, wenn mal ein Hörspiel auftaucht, dass sich mit den bisherigen Preisträgern messen kann und nicht über einen Rundfunk produziert und ausgestrahlt wurde. Es ist und war nie das Ziel des KLP, hier was aus formalen Gründen auszuschließen. Aber "Verlags-Hörspiele" sind leider sehr kommerzielle Produkte. Das heißt, zwar handwerklich gut gemacht, aber ohne das Besondere, Herausragende, manchmal Experimentelle und den Hörer fordernde, das im Rundfunk (früher mehr als heute) gemacht wird, und das die Hörspiel-Fans am Radio erwarten. Sorry, das klingt vielleicht überheblich, aber es liegen zwischen den CDs im Buchhandel und den prämierten Austrahlungen im Rundfunk noch Welten.
Wer letzteres noch nie gehört hat, wird das nicht nachvollziehen können. Interessanterweise [zählen] fast alle, die das Einbeziehen der Verlags-Hörspiele anmahnen, zu diesen "Nicht-Hörern".

Durchgelesen? Sacken gelassen?

Gut. Jetzt ich.


Erstens - An den Hörspielregeln sollte geschraubt werden, weil auch sogenannte nichtkommerzielle Kunst bestimmten Marktvorgaben gehorcht.

Es ist halt nur ein anderer Markt - und ich kenne ihn gut. In meinem Fall das Segment der ernsthaften Literatur, hier: Stipendien, Literaturpreise etc.

In den 1990er Jahren gab es hier in Berlin einen Kollegen, mir persönlich bekannt, der hat Stipendiumsanträge aufgemotzt. Du wirst immer abgelehnt? Dann geh doch zu X.! Er hat dann oft was gerissen, gegen zehn Prozent von der Förderungssumme als Erfolgsbeteiligung.

Hat er den Text, das Kunstwerk verbessert?

Nein. Er hat einfach bloß den eigentlichen Antrag so formuliert, dass die richtigen Reizwörter für die Jury dringewesen sind.

Er hat sich darauf verstanden, den armen, von Finanznöten geplagten, anstragstellenden Künstler gut zu verkaufen.

Ich würde so etwas durchaus unter dem Aspekt kommerziell verbuchen.

Neulich war ich auf einem Konzert. E-Musik. Für mich lebenslangen Rockmusik-, also U-Musikhörer, ganz normale Kost: ein Sänger, ein Cellist, ein paar Klangschalen. Hätte man auch als Folk verkaufen können, als Weltmusik. Aber es war ja wie gesagt eine E-Veranstaltung. Also hat der Sänger ab und zu mit einem Abakus geklappert. Das war dann "das Besondere, [...], manchmal Experimentelle und den Hörer [F]ordernde", das klarmachte: Hier nix Kommerz, Kumpel. Hier Kunst!

Hätte glatt ein taktischer Vorschlag dieses Stipendiumsanträge frisierenden Berliner Künstlerkollegen sein können.


Zweitens - An den Hörspielregeln sollte geschraubt werden, weil abgeschottete Gruppen zwangsläufig, systembedingt, an Wahrnehmungsverzerrungen leiden.

Darüber können Sozialpsychologen viel erzählen, Stichwort Gruppendenken, ein wirklich hochinteressantes Phänomen, das besonders die Amerikaner erforscht haben, und unter anderem zum Ausgleich dieser Problematik sind in demokratische Strukturen immer die berühmten checks and balances eingebaut.

Das fehlt mir beim Kurd-Laßwitz-Preis. Die Jury ist allmächtig und keiner Kontrolle unterworfen.

Ihr wird seit Jahren vorgeworfen, sowohl aus dem Kreis der Abstimmungsberechtigten als auch des allgemeinen Publikums, nicht mehr zwischen Kunst und, ich sag's mal auf meine scharmante Berliner Art, Kunstkacke unterscheiden zu können.

Und tut mir leid, jede einzelne Reaktion aus dem Dunstkreis der Jury bestätigt diesen Eindruck.

So macht es zum Beispiel diebisch Spaß, im Kopf einmal einen der üblichen Sekten-Checks auf diese Jury umzuformulieren; viele Punkte wären erfüllt. Und, wie es für Sekten immer so schön heißt, schon ein einzelner erfüllter Punkt ist bedenklich.


Drittens - An den Hörspielregeln sollte geschraubt werden, weil der Kurd-Laßwitz-Preis insgesamt in eine Schieflage geraten ist.

In sämtlichen anderen Kategorien besteht keine solche kategorische Unterscheidung zwischen ignorierenswertem Kommerz und hehrer Kunst oder, um die Worte der Jury-Verteidiger abzuwandeln, zwischen dem "zwar handwerklich gut [G]emacht[en]" und dem "Besondere[n], Herausragende[n], manchmal Experimentelle[n] und den [Leser] [F]ordernde[n], das [...] die [Literatur]-Fans [vom Buch] erwarten".

Bei den Büchern gewinnt mal ein Intellektueller, ein Kunstmacher wie Dietmar Dath und mal ein Handwerker, ein Bestsellerautor wie Andreas Eschbach.

Was haben die armen "kommerziellen" Hörspielmacher bloß verbrochen, dass sie von den Preis-Statuten dermaßen abgestraft werden?

Kommentare:

Pogopuschel hat gesagt…

"In sämtlichen anderen Kategorien besteht keine solche kategorische Unterscheidung zwischen ignorierenswertem Kommerz und hehrer Kunst oder, um die Worte der Jury-Verteidiger abzuwandeln, zwischen dem "zwar handwerklich gut [G]emacht[en]" und dem "Besondere[n], Herausragende[n], manchmal Experimentelle[n] und den [Leser] [F]ordernde[n], das [...] die [Literatur]-Fans [vom Buch] erwarten"."

Das ist für mich der entscheidende Punkt. Warum werden diese anspruchsvollen Kriterien dann nicht auf die Bücher angewendet. Schaut man sich die Nominierten (und auch einige der Preisträger) an, findet sich doch einiges darunter, was die Hörspieljjury als kommerzielle Belanglosigkeit abtun würde. In diesem Jahr werden sehr viel mehr SF-Hörspiele (auch außerhalb von Serien wie Mark Brandis und Star Wars) erscheinen, als im Vorjahr. Da ist viel Potential vorhanden.

lapismont hat gesagt…

Zusätzlich werden auch die Hörer von SF-Hörspielen diskreditiert. Mögen sie doch alle offenbar nur den Dreck und meiden die Perlen.

Frank Böhmert hat gesagt…

Ich habe unter Zweitens noch das Stichwort "Gruppendenken" ergänzt - musste ich während der Mittagspause erst mal in meiner Handbibliothek wiederfinden ...