Dienstag, 3. Juni 2014

Gelesen: Daniel Kehlmann, DIE VERMESSUNG DER WELT (D 2005)

Worum geht's?

Um die sehr unterschiedlichen Leben und Ansichten der beiden Wissenschaftler Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß, die Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts unser Weltwissen enorm erweitert haben.

Wie ist das Buch geschrieben?

Es ist ein Roman. Die Sprache ist knapp, dicht, mit winzigen barocken Schnörkeln, vermutlich wenn Kehlmann die Ausdrucksleidenschaft durchgeht. Sämtliche Dialoge sind in indirekte Rede aufgelöst. Das stört aber nicht weiter, sondern sorgt für ironische Distanz zu den Figuren, denen wir ansonsten sehr, sehr nahe sind.

Was gefiel nicht so?

Entfällt

Was gefiel?

  • Die würzige Kürze
  • Die köstliche Gegensätzlichkeit der beiden hochbegabten Helden
  • Das Buch ist lehrreich und lustig und stellenweise sogar spannend.

Gute Stelle?

Ich habe mir zwei markiert, einmal Gauß, einmal Humboldt.

Seite 82, Gauß hat sich gerade beim Barbier einen Zahn ziehen lassen:

Beim Heimgehen mußte er sich an Hauswände lehnen, seine Knie waren weich, seine Füße gehorchten ihm nicht, ihm war schwindlig. Schon in ein paar Jahren würde es Ärzte für das Gebiß geben, dann würde man diese Schmerzen heilen können und bräuchte nicht jeden entzündeten Zahn herauszureißen. Bald würde die Welt nicht mehr voller Zahnloser sein. Auch würde nicht mehr jedermann Pockennarben haben, und keiner würde mehr seine Haare verlieren. Es wunderte ihn, daß außer ihm niemand an diese Dinge dachte. Für die Leute war alles so, wie es gerade war, selbstverständlich.

Seite 109, Humboldt unterwegs, nach einer eindrücklichen Begegnung im Dschungel:

Humboldt fand lange keinen Schlaf. Die Ruderer hörten nicht auf, einander wirre Geschichten zuzuflüstern, die sich in seinem Bewußtsein festsetzten. Und jedesmal, wenn er es doch schaffte, die fliegenden Häuser, bedrohlichen Schlangenfrauen und Kämpfe um Leben und Tod beiseitezuschieben, sah er die Augen des Jaguars. Aufmerksam, klug und ohne Gnade. Dann kam er zu sich und hörte wieder den Regen, die Männer und das ängstliche Knurren des Hundes.

"Aufmerksam, klug und ohne Gnade" - diese Beschreibung eines Blicks wird sich als kleine Reminiszenz demnächst in meinem Roman für Perry Rhodan Neo wiederfinden.

Zu empfehlen?

Aber ja! Ich habe es im April nach sieben Jahren zum zweiten Mal gelesen.

Wo aufgestöbert?

Es war ein Bestseller, der so gar nichts von einem Bestseller hatte: schmales Bändchen, alte Männer in den einleitenden Szenen, indirekte Rede. Das hat mich damals neugierig gemacht.

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar. Gebunden mit Lesebändchen, 302 Seiten. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, 42. Auflage Juli 2007, 1023.-1042. Tausend)

Und sonst?

Merkwürdigerweise interessieren mich trotz meiner Begeisterung für die VERMESSUNG Kehlmanns andere Bücher überhaupt nicht.

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