Freitag, 9. Mai 2014

Gelesen: Tschingis Aitmatow, DER TAG ZIEHT DEN JAHRHUNDERTWEG (UdSSR 1981)

Worum geht's?

Die Erde bekommt erstmals Kontakt zu einer außerirdischen Zivilisation; Amis und Russen sind geschockt und wissen nicht, was sie machen sollen. Vor diesem Hintergrund wird die Lebensgeschichte eines kirgisischen Eisenbahnarbeiters erzählt, der einen Freund auf die althergebrachte Weise in der Steppe begraben will. An einem Kosmodrom laufen beide Handlungsfäden zusammen.

Wie ist das Buch geschrieben?

Kraft- und gefühlvolle Prosa, virtuos und elegant die Perspektiven wechselnd.

Was gefiel nicht so?

Die Konstruktion des Buches - die doch eigentlich große und bedeutsame Geschichte des Erstkontakts kommt nie recht voran und bleibt beständig im Hintergrund.

Was gefiel?

  • Schön umgesetzt ist allerdings die Idee, die ganze Lebensgeschichte dieses Mannes an diesen einen Tag der Beerdigung anzulagern - dieser Teil der Konstruktion funktioniert bestens.
  • Das Leben der einfachen Leute, die ein wichtiges Stück Schienenstrecke in der Steppe instandhalten, rückte mir unglaublich nahe.
  • Die Sprache
  • Der hintergründige, manchmal auch sehr derbe Humor
  • Die Lakonie, mit der die (mitunter auch großen politischen) Dramen erzählt werden

Gute Stelle?

Ich habe mir keine markiert. Ganz großartig fand ich die Passagen mit dem Kamel des Eisenbahnarbeiters! Er mag den Hengst nicht kastrieren und muss nun mit dessen wahrhaft anarchischen, alles verheerenden Brunftzeiten leben - das ist ebenso grotesk wie lustig. Hier das erste Auftauchen des Kamels im Text. Seite 34, deutsch von Charlotte Kossuth:

Er schritt zur Koppel, wo Schneesturm-Karanar, den er von der Weide hergetrieben hatte, an der Leine stand, böse aufbrüllend. Sah man davon ab, daß er zweimal wöchentlich mit der Herde zu dem Brunnen am Pumpenhaus kam, um sich satt zu trinken, so lief Karanar fast die ganze Woche Tag und Nacht frei herum. Er gehorchte nicht mehr, der Bösewicht, und jetzt verlieh er seiner Unzufriedenheit Ausdruck - wütend riß er das scharfzahnige Maul auf, wenn er losschrie von Zeit zu Zeit: es war die alte Geschichte - an Unfreiheit muß man sich erst wieder gewöhnen.

Edige trat zu ihm, verdrossen von dem Gespräch [...]. [...] Wütend fuhr Edige Karanar an: "Was brüllst du altes Krokodil? Warum brüllst du zum Himmel, als höre dich dort Gott höchstselbst?" Krokodil schimpfte Edige sein Kamel nur in den seltenen Momenten, da er völlig außer sich war. Auswärtige Streckenarbeiter hatten sich diesen Spitznamen für Schneesturm-Karanar ausgedacht - wegen seines scharfzahnigen Mauls und seines bösen Charakters. "Schrei dich nur heiser, Krokodil. Ich brech dir gleich alle Zähne aus!"

Aber Edige wird ihm weder die Zähne ausbrechen, noch wird er den Hengst kastrieren oder gar erschießen, wie manche, Tagesreisen entfernt wohnenden Besitzer von Kamelstuten fordern, wenn Schneesturm-Karanar einmal wieder alles überrollt, was zwischen ihn und seine Holden kommt.

Zu empfehlen?

Aber ja. Nicht als Science-Fiction-Roman, aber als Roman über eine fremde Kultur und Lebensweise. Welt-Literatur im besten Sinne.

Wo aufgestöbert?

Im März auf dem Verschenke-Fensterbrett und gleich drin festgelesen:

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar. Broschiert, 365 Seiten. Volk und Welt, Berlin, 5. Auflage 1984 [1. Auflage Broschur])

Und sonst?

Es gibt noch eine spätere, um ein Kapitel längere Fassung des Romans unter dem Titel EIN TAG LÄNGER ALS EIN LEBEN - aber ich weiß nicht, ob ich das Buch noch einmal lesen werde. Jetzt, unterm Schreiben der Lesenotiz, bekomme ich durchaus Lust darauf!

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