Donnerstag, 15. Mai 2014

Gelesen: Till Raether, TREIBLAND (D 2014)

Worum geht's?

Im Hamburger Hafen läuft ein Kreuzfahrtschiff ein, auf dem jemand an einer tödlichen Viruserkrankung gestorben ist. Draußen Quarantänemaßnahmen und Panik, drinnen nackte Angst. Aber manche Leute müssen da rein; es ist ihr Job. So auch ein Kriminalkommissar - reine Routine, man braucht ja einen Aktenvermerk, dass es keinerlei Hinweise auf ein Verbrechen gibt. Leider ist sein Schutzanzug dann leck.

Wie ist das Buch geschrieben?

Dritte Person, einfache Vergangenheit, hauptsächlich aus der Perspektive des Kommissars. Raether neigt zu schönen, gern auch schrägen Bildern und Wortbildungen, die sich aber immer gut ins Erzählen einfügen; es wirkt nicht aufgesetzt, sondern einfach nur lebendig.

Was gefiel nicht so?

Ich hatte zwischendurch ein paar Kapitel lang den Eindruck, dass Raether nicht recht wusste, wie es weitergehen, sprich: wie er den Bogen hin zur Auflösung kriegen soll.

Was gefiel?

  • Die Hypersensibilität des Kommissars - diese "Macke" macht ihm nicht nur im Kollegenkreis und auf dem Schiff das Leben schwer; sie sorgt auch dafür, dass er bestimmte Dinge nicht ignorieren kann.
  • Raethers Sprache
  • Manche Figuren wuchsen mir sehr ans Herz. Schnüff.
  • Die eindringliche Atmosphäre

Gute Stelle?

Als ich diesen Satz hier in meiner ersten Begeisterung meiner Liebsten vorlas, sagte sie, das Gefühl kenne jeder. Seite 20, der Kommissar hat einen schweren Gang vor sich:

Er schloss die Augen, fasste das Geländer und ging die Treppe hinab, als stiege er in ein Schwimmbecken, das kälter war als erwartet.

Zu empfehlen?

Aber ja. Ich freue mich schon darauf, das Buch zum zweiten Mal zu lesen - Hauptfigur Danowski und Tills Erzählton geben genug her.

Wo aufgestöbert?

Vor ein paar Wochen schrieb mir Till hier einen Kommentar ins Blog. Hoppla! Wir kannten uns oberflächlich von früher, er hatte mich in jungen Jahren mal zusammen mit Carsten Scheibe in meiner WG besucht, lange bevor dieser dann bei uns einzog. Ich schaute mir an, was Till heutzutage so macht, dort, und stellte fest, dass er gerade seinen ersten Krimi draußen hat. Jawohl, auf dem Umschlag steht wirklich "Kriminalroman" und nicht "Thriller". Löblich!

Gesehen, gekauft:

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar. Klappenbroschur, 495 Seiten. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, März 2014)

Und sonst?

Es ist schon lustig, wer aus unserer damaligen Szene alles in irgendwelchen kreativen Zusammenhängen wieder auftaucht! Ganz viele von den jungen Hunden mit der übersprudelnden Fantasie sind noch da - Klaus Frick, Achim Mehnert, Carsten Scheibe, Michael Haitel, Peter Müller, Viktor Pavel und und und. Älter geworden, weiser hoffentlich, und still crazy after all those years.

Und dann habe ich hier noch, gefunden auf Tills Homepage, den abgelehnten Entwurf eines Werbefilms zum Buch - scharmant!


Der "Treibland"-Trailer, den es nicht geben wird from Till Raether on Vimeo.

Kommentare:

tillraether hat gesagt…

Lieber Frank,
vielen Dank, fühle mich geehrt durch die tolle Rezension. Als relativer Anfänger muss ich immer den Impuls niederkämpfen, auf die Kritik zu antworten und mich zu rechtfertigen ... Ächz. Aber du legst den Finger zu recht in die Wunde, auch aus meiner Sicht hängt das Buch ein paar Kapitel ein bisschen durch, aber nicht, weil ich nicht wusste, wohin und wie, sondern weil ich im Gegenteil das Gefühl hatte, noch mehr anbieten zu müssen, um die Auflösung plausibel und den Weg dahin nicht zu direkt zu machen. Aber ich lern draus, der zweite Band soll etwas straffer werden.
Ich erinnere mich noch gut an die ein, zwei Besuche mit Carsten bei dir in der WG. Ich war ja damals noch richtig klein, darum hat sich das mir sehr viel eindrücklicher eingeprägt. Zum Beispiel, dass du dich zu recht über meine pubertäre Ballard-Besessenheit lustig gemacht hast (buchstäblich pubertär, ich war 15).
Übrigens bewundere ich deine Angewohnheit, Bücher mehrmals zu lesen. Gelingt mir leider zu selten, ist aber immer aufschlussreicher, als man vorher dachte. Hoffentlich hält "Treibland" das aus ...

Frank Böhmert hat gesagt…

Bücher mehrmals zu lesen, das kommt mir immer ganz natürlich vor. So wie Platten mehrmals zu hören oder mehrmals mit derselben Frau eine Nacht zu verbringen oder mehrmals das gleiche Gericht zu essen ... Ich kann mir das gar nicht anders vorstellen. Das ist also Wesenszug und nicht Leistung, lieber Till - so gern ich es auch sehe, wie jemand mein Tun bewundert :-D