Montag, 26. Mai 2014

Gelesen: Samuel R. Delany, DIE BEWEGUNG VON LICHT IN WASSER (USA 1993)

Worum geht's?

Das ist eine Autobiografie. Sie deckt im Wesentlichen die Jahre 1957 bis 1965 ab, als der junge Delany seine erste Handvoll Science-Fiction-Romane schrieb und die schwule Subkultur des Greenwich Village erkundete.

Wie ist das Buch geschrieben?

Wie immer bei Delany sehr dicht, sehr eindringlich, mit einer Art lockerem Ernst. Ab und zu verfällt er in für meinen Geschmack zu abgehobene Abstraktionen, meist aber ist er sehr nahe dran an Dingen, an Menschen, an der Welt.

Was gefiel nicht so?

Ich hätte mir doch ein Personenregister gewünscht - dann taugt so eine Autobiografie auch als Nachschlagewerk.

Was gefiel?

  • Die saubere, gefühlvolle Übersetzung. Jasper Nicolaisen hat es sogar gewagt, die vielen eingestreuten Gedichte von Delanys damaliger Frau Marilyn Hacker einzudeutschen, und zwar mit Reimen. Das ist akademisch vielleicht uncool, aber genau richtig für mich Otto Normalleser.
  • Die Einblicke in diverse fremde Welten - schwule Subkultur, schwarzer Alltag, das Leben als Fischer
  • Und Delanys Art zu beschreiben ist immer gut - klug und differenziert, aber geerdet.

Gute Stelle?

Es gibt, wie immer bei Delany, viele tolle Stellen in dem Buch. Diese hier ist eine der harmlosesten, aber sie hat mir auch gleich beim Entdecken so gut gefallen, dass ich sie unserem Elfjährigen vorgelesen habe. Das hätte ich mit den anderen Stellen nicht unbedingt gemacht :-D

Seite 59. Der zwölfjährige Delany ist mit seinem Vater und einem Freund seines Vaters am See des Central Park, wo sie ein selbstgebautes Modellboot zum ersten Mal fahren lassen wollen. Das Boot hat fürchterliche Schlagseite; die Erwachsenen fummeln daran rum und versuchen es irgendwie noch hinzukriegen:

Und in diesem Moment sah ich auf und bemerkte den älteren Mann, der uns aus ein paar Metern Entfernung zusah.

Er war gerade mal so groß wie ich, trug einen grauen Pullover, etwas ausgebeulte Hosen und Stoffschuhe. Das weiße Haar stand ihm zu beiden Seiten vom Kopf ab. Er hatte einen buschigen grauen Schnurrbart und presste sich im Stehen die Pfeife mit der recht zarten Hand an die Brust. Ich erkannte ihn sofort, schließlich hatte ich ihn schon auf endlos vielen Bildern in Life, Newsweek und Time gesehen. Jetzt kam er näher, und als er sprach, bestätigte der deutsche Akzent meine Vermutung. "Entschuldigung", sagte er. "Vielleicht kann ich Ihnen helfen?"

Ohne aufzusehen, setzte mein Vater zu einer Erklärung an, was er, wenn er bloß ... das Ding hier ... weiter nach da ... versuchte.

Bebe fragte: "Lassen Sie oft Schiffe fahren?"

Der Mann lächelte und nickte.

"Das da hat er selber gebaut", sagte ich. "Alles Handarbeit."

"Es ist wirklich schön", sagte der Mann mit offenkundiger Bewunderung.

"Ich habe es zum Geburtstag bekommen", fuhr ich fort. "Aber jetzt spielen sie die ganze Zeit damit."

"Ah!" Der Mann lachte. Er blickte meinem Vater über die Schulter. "Entschuldigen Sie", sagte er. "Wenn Sie das hintere Segel da etwas lockern, haben Sie weniger Probleme mit der Neigung ..."

Mein Vater sah auf.

"Darf ich ...?", fragte der Mann.

Ein wenig verwirrt antwortete mein Vater: "Na gut, also schön ... dann legen Sie mal los, wenn Sie unbedingt wollen."

Der Mann kniete sich neben das Schiff. Kaum hatte er es in die Hand genommen, runzelte er die Stirn. "Ach, da haben Sie aber wirklich ein Problem. Es ist einfach zu kopflastig." Er seufzte, lockerte das Segel aber trotzdem.

"Genau das Gleiche habe ich ihm auch gesagt", erwiderte Bebe - er meinte meinen Vater.

"Dann hilft das jetzt vermutlich auch nichts mehr", sagte der Mann, zurrte seinen Knoten fest und richtete sich auf, während das Schiff am Teichufer auf und nieder schaukelte. "Jedenfalls nicht viel. Aber schön aussehen tut es auf alle Fälle."

"Trotzdem vielen Dank", sagte ich und streckte die Hand aus. Ohne einen Händedruck würde ich unseren Besucher nicht davonkommen lassen. Fest nahm er meine Hand in seine. [...]

[...]

[...] Ich blickte dem Mann hinterher, der inzwischen schon gut dreißig Meter entfernt und in der Menge der sonntäglichen Parkspaziergänger kaum noch auszumachen war.

"Hey", sagte ich. "Wisst ihr, wer das war?"

"Hm?", machte Dad.

"Der Alte?", fragte Bebe.

"Das war Albert Einstein!"

Bebe sah auf und legte die Stirn in Falten. "Ach nee, das kann doch nicht ..." Dann spähte er angestrengt in die Menge. "Stimmt, er hat ihm wirklich ein bisschen ähnlich gesehen."

"Nicht ein bisschen", sagte ich. "Das war er!"

Jetzt runzelte auch mein Vater die Stirn. "Warum sollte sich Albert Einstein an einem Sonntagmorgen im Central Park rumtreiben und mit Schiffen spielen?"

"Ich mein's ernst", sagte ich. "Ich bin mir ganz sicher, dass er es war. Ich kenne ihn doch von den Bildern." Zwanzig Jahre später las ich zum ersten Mal vom Hobby des berühmten Physikers: Modellschifffahrt.

Zu empfehlen?

Auf jeden Fall! Delany war eine Zeitlang mein Lieblingsschriftsteller. Dann habe ich ihn aus den Augen verloren, wie das oft so ist. Nun, wo Golkonda seine "Gesammelten Werke in Einzelausgaben" verlegt, werde ich ihn mir ein zweites Mal vornehmen, und ich bin schon gespannt, wie ich heute als Anfangfünfzigjähriger die Romane finden werde, die den damaligen Zwanzigjährigen so beeindruckt haben.

Wo aufgestöbert?

Auf einem der monatlichen internen Verlagstreffen abgestaubt:

(Quelle: Verlag)

Und sonst?

Nicht, dass Delany es darauf angelegt hätte, aber für mich korrespondiert das Buch heftig mit Anatole Broyards VERRÜCKT NACH KAFKA. Broyard hat ebenfalls im Greenwich Village gelebt, aber zwanzig Jahre vorher und unter Verleugnung seiner schwarzen Herkunft. In meinem Kopf flogen ständig Echos zwischen den beiden Büchern hin und her; das war lustig. Wer sich fürs Village und die damalige New Yorker Kulturszene interessiert, sollte vielleicht beide Bücher im Bündel lesen.

Keine Kommentare: