Dienstag, 20. Mai 2014

Gelesen: Gecko Neumcke, EIN TOTES IM SEE'BOLO (D 2014)

Worum geht's?

Einige Jahrzehnte nach der Revolution wird in einem Altersheim ein toter Revoluzzer gefunden - ermordet, mit Geldscheinen in der Hand. Geld ist doch aber längst abgeschafft worden! Müllfrau Precious, die sich während ihrer Sozialstunden um die Alten kümmert, versucht die Sache aufzuklären - ganz wie zu Omas Zeiten die Privatdetektive.

Wie ist das Buch geschrieben?

Aus Precious' Sicht. Also in revolutioniertem Deutsch - gegendert, Kleinschreibung, durchsetzt von neuen Wörtern. Da las ich mich aber binnen weniger Seiten rein; das war überhaupt kein Problem, sondern Teil des Vergnügens.

Was gefiel nicht so?

Entfällt. Ich habe mich lange nicht so amüsiert.

Was gefiel?

  • Endlich einmal wieder ein Buch, das an die utopischen Traditionen der Science Fiction anknüpft, an Titel wie PLANET DER HABENICHTSE von Ursula K. LeGuin oder an DIE GROSSE EXPLOSION bzw. PLANET DES UNGEHORSAMS von Eric Frank Russell.
  • Dabei ist das Schöne, dass es in dieser Utopie auch mal regnet und die Leute immer noch schlechte Laune haben und mit der Gesellschaft unzufrieden sind.
  • Die Sprache! Der Humor!
  • Die Warmherzigkeit

Gute Stelle?

Seite 37. Precious unterhält sich mit jemandem über die Alten:

- [...] du hast erwähnt, dass die oldies immer mal drogen ausprobieren.

- kriegen die jetzt ärger? dafür will ich nicht verantwortlich sein.

- kein ärger. von mir aus können die alle nehmen, was sie wollen, so lange sie sich benehmen. aber es geht um den toten. karl. um welche art drogen handelt es sich? auch chemische von vor der trafo? und wenn ja, wo haben die sowas her?

- wenn ich es richtig verstanden habe, hat leo damals mit rosa abgemacht, dass sie, wenn sie über 90 sind, alle drogen ausprobieren wollen, die sie sich bis dahin nicht getraut haben. das war wohl so zwei, drei jahre nach der trafo. da gab es noch restbestände von allem. sie haben sich das irgendwie zusammengesammelt und letztes jahr angefangen, damit rumzuprobieren.

- was genau?

- kann ich nicht sagen. vor ein paar monaten haben sie kokain genommen. da haben sie auf trip die seilbahn hier gebaut. und sind den ganzen abend immer wieder zum see runter und rein. danach waren sie eine woche krank im bett und ich musste doppelschichten einlegen.

Herrlich.

Falls ihr noch eine ausführlichere Kostprobe wollt: Den Anfang gibt es online bei der Jungle World zu lesen.

Zu empfehlen?

Aber ja. Das Buch ist herzerwärmend, erfrischend, dabei ein wohltuend alltäglicher SF-Roman - die Alten tragen zum Beispiel Gehhilfen, bei denen es sich offensichtlich um Exoskelette handelt. Da wird aber nicht viel Beschreibungs-Wind drum gemacht, das ist einfach so.

Ein Kandidat für mein persönliches Buch des Jahres ist es nicht ganz; dafür kommt es mir zu fluffig vor, zu leicht. Aber ich werde es definitiv für den Kurd-Laßwitz-Preis vorschlagen, denn ein so vergnügliches Stück SF habe ich seit vielen Jahren nicht gelesen. Und in positivem Sinne anarchistisch geprägte SF kommt ja nun auch nicht gerade häufig vor.

Wo aufgestöbert?

Jakob Schmidt, einer der Verleger, hatte mich mit seiner Reklame dafür neugierig gemacht. Und dann hat es Ralf Steinberg sehr positiv besprochen. Also habe ich es mir im April zugelegt und auch gleich geschmökert:

(Quelle: Verlag)

Und sonst?

Der Autor ist nach eigenen Angaben "manchmal als Clown im Altenheim unterwegs" - genau so liest sich auch sein Buch!

Und am kommenden Samstag wird er den Berlinern was vorlesen:



Ich weiß, ist spät. Aber sehen wir uns da?

1 Kommentar:

Frank Böhmert hat gesagt…

Neulich per Mail eingetrudelt: "Schade übrigens, dass ich das mit der Lesung gestern leider zu spät gesehen habe. Das klang spannend. Wie wars denn?"

Ich bin leider nicht dabei gewesen - langer Tag, ich groggy, und niemand hatte sich gemeldet, so dass mein Verpflichtungsgefühl gegen Null tendierte ...

Da waren wir ja zwei Königskinder :-D