Montag, 21. August 2017

Eine denkwürdige "Begegnung" mit Brian Aldiss

Lese auf Twitter, dass Brian Aldiss gestorben ist. Dabei fällt mir prompt wieder ein, wie ich ihm einmal begegnet bin.

Im Traum.

Muss mindestens zwanzig Jahre her sein, da gestattete mir dieser subversive Gentleman während eines Schreibseminars irgendwo auf dem Land, in seinem aktuellen Tagebuch zu blättern.

Es war berauschend und inspirierend: ein A4-großes Journal, angefüllt mit unzähligen Absätzen in einer schönen Handschrift, illustriert mit locker hingeworfenen Skizzen und Zeichnungen - Landschaften, Ideen, Konzepte in wilder Mischung.

Ich fühlte mich geehrt.

Diese kleine persönliche Erinnerung will ich gerade mit euch teilen, da lese ich in einem Portrait des Telegraph, dass Brian Aldiss tatsächlich sein Leben lang ein solches Journal geführt hat und in seinem Haus viel eigene Kunst hängen hatte.

Schon seltsam, wie Leben und Traum manchmal spielen!

Samstag, 12. August 2017

Tee mit der Liebesmaschine

Hier kommt das Lustigste, was uns dieses Jahr auf dem Burg-Herzberg-Festival passiert ist:

Wir sitzen im Chai-Zelt, was ein schöner Ort zum zwischendurch Ausspannen ist. Am selben Tisch rauchen eine Frau und ein Mann, beide vielleicht dreißig, eine Shisha. Sie, Typ gepflegte Hardrock-Braut, sitzt neben meinem großen Sohn; er, Typ Wilder Mann mit langen Haaren und Rauschebart und mehr oder weniger freiem Oberkörper, sitzt neben mir. Wir hängen da so nebeneinander ab in friedlicher Koexistenz.

Plötzlich drückt sich mir eine Handkante an den Oberarm, und der Typ dröhnt mich an, mit einer vollen, warmen Stimme:

"HEY, DU MUSST RAUS AUS DEINEM GEFÄNGNIS! DU MUSST DICH VON DEINEM SELBST BEFREIEN!"

Das Folgende bekomme ich nicht mit, aber mein Sohn erzählt es mir später: Er und die Frau zucken voll zusammen und sehen einander unsicher an.

Ich habe mich schon während der Berührung am Arm zu dem Wilden Mann umgedreht, lege ihm eine Hand auf den Unterarm, und von irgendwo tief aus dem Bauch kommt ein Lachen, und ich sage:

"Ja, aber wir alle sind doch unser Selbst."

Worauf er mit dem Oberkörper ein bisschen nach hinten geht und weich wie ein Kind sagt:

"Och ... Und ich dachte, du kriegst jetzt einen Schreck."

***

Herrliche Szene. Natürlich unterhielten wir uns dann ein bisschen, und die Frau erzählte uns, dass er der Sänger einer Band namens Love Machine sei und die auf der Mental Stage auftreten würden.

Da mussten wir natürlich hin!

Eine wunderbare Liveband. Ihre Musik erinnert an die Doors, nur nicht düster, sondern voller Sonne und Honig. Die bis jetzt vorhandenen Youtube-Videos werden der souligen Kraft des Frontmanns nicht gerecht - auf dem Herzberg tanzte er wie ein Derwisch, trommelte in den Instrumentalpassagen auf einer Bongo, um das Energielevel zu halten, und warf zwischen den Songs Blumen ins Publikum.

Wilder Mann und kleener Junge zugleich - unwiderstehlich. Und getragen wird er von einer kompakten, locker aufspielenden Band.

Wenn aus denen nicht mindestens ein heißgefragter Festival-Act wird, versteh ich die Welt nicht mehr!




Freitag, 4. August 2017

Operation Act of Grace

My award-winning science fiction story "Operation Gnadenakt" now is available in an English translation, and you can read it for free! Just download Andromeda SF Magazin 155 over there.


And so my story begins:

One fine day early in the autumn of 2033, the president suggested to his defence minister that they conclude the weekly homeland security meeting with a private discussion at the picnic table on the South Lawn in front of the Oval Office.

The general, although he looked puzzled, simply replied, "Of course, sir."

A little later, they were seated opposite one another at the heavy wooden table. The Dyson dome held back the drizzle, and a multitude of anti-spying measures were in place. "Yes, Mr President? How may I be of assistance?"

"No need for such formality, please. Call me Liam."

"Of course, sir. How may I be of assistance, Liam? Would you like to hear my personal appraisal of the warm standby option?"

"Ah ... no," said the president, laughing briefly. It was not a positive laugh. "No, no. Nothing like that." He breathed in deeply. "Noah, I would like you to tell me about Operation Act of Grace."

"Forgive me for saying so, sir, but I don't think that's a good idea. Even the commander-in-chief of the armed forces himself doesn't need to know everything."

The president wagged his index finger. "Noah, Noah, Noah. I won't take that as an answer. This is the ..." He reached into the breast pocket of his jacket, pulled out a hand-written letter with the White House letterhead, and unfolded it. "This is the handover letter from my predecessor in office. It says here, and I quote word-for-word, "If you, my dear Liam, should ever find that continually staring into the abyss becomes too dark for you, and nothing seems to put things back into perspective, then ask your defence minister about Operation Act of Grace."" The president looked at him expectantly.

"I suppose it also says something along the lines of only considering it as a last resort. And I may add, sir, that your predecessor never even considered this last resort."

"He simply lived in less interesting times."

The general nodded and stood up. "We have to fly, Mr President."

For reading further, just download Andromeda SF Magazin 155! You will get a whole bunch of stories and essays from all around the contemporary German sf field, too.


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(English story translation by Richard Marsh)

Dienstag, 18. Juli 2017

Vor vierzig Jahren: Meine ersten ernsthaften Geschichten

Ich war fünfzehn, ging aufs Gymnasium und teilte mit meinem Schulfreund H. die Leidenschaft für fantastische Literatur in all ihren Ausformungen. Während H. sich vor allem in die große Welle von Marvel- und DC-Comics stürzte, mit der Williams damals den deutschen Markt überschwemmte, las ich alles an Science Fiction, was ich in Romantauschläden zusammenkratzen konnte: die schwarzen Heyne-Taschenbücher, Terra-Sonderhefte, Terra Astra, Utopia-Großband ... Hauptsache Abenteuer und Hauptsache, ich konnte jeden Tag eins runterschnurren.

In den Pausen und wenn wir in Sport gerade auf der Bank saßen, amüsierten wir einander mit Nacherzählungen der tollsten Geschichten, die wir gerade gelesen hatten. Das trug uns mit unserer überdrehten Fantasie dann durch die nächste langweilige Unterrichtsstunde.

Ich hatte früher schon gern bei Familientreffen meinen Cousinen und Cousins spontan erfundene Gruselgeschichten erzählt, hatte auch in der Grundschule ein selbstgezeichnetes Comic "herausgegeben": ein auf A5 gefaltetes A4-Blatt mit Titelcover und drei Fortsetzungsgeschichten von je einer Seite drin; eine Art selbstgemachtes Zack-Heft also, Auflage 2 oder 3 Exemplare.

Aber das war alles noch unter Spielen gelaufen.

Nun, 1977, mit fünfzehn, setzte ich mich erstmals an die hellblaue mechanische Reiseschreibmaschine meines Vater, um eine Geschichte zu schreiben, die ich tatsächlich an einen Verlag schicken wollte - wie ein richtiger Schriftsteller.

Damals erschien, witzigerweise in einem Kampfsportverlag, das SF-Magazin 2001, und die druckten in jeder Ausgabe Lesergeschichten ab.



Wie Kampfsport kommt mir Rückblick auch das Schreiben auf einer mechanischen Schreibmaschine vor: das kräftige Schlagen auf die Tasten (mit dem ich heute noch meine Laptoptastaturen strapaziere), das Zurückschieben des Schlittens am Ende jeder Zeile mit diesem dicken blanken Hebel. Tacktacktakakakakakakakakaklack ping tackaklackklackklack srrrrrrrrrrrt! Und dann wieder tackaklack klack!

Das war der Klang des Schreibens damals. Das Pingglöckchen zeigte dir an, wann du dich dem Zeilenende nähertest, damit du rechtzeitig eine Worttrennung anpeilen konntest.

Zwei Einseiter schrieb ich so, und als ich damit fertig war, tippte ich sie noch mal sauber ab, denn so machte man das damals, wenn eine Seite ordentlich aussehen sollte, und damit ich von der Geschichte noch ein Exemplar behielt, tippte ich sie "mit Durchschlag" ab, sprich: zwischen zwei Blätter Schreibmaschinenpapier kam ein Blaubogen, der bei jedem Anschlag auf das untere Blatt seine trockene Farbe stempelte. Da musstest du dann noch doller in die Tasten hauen.

Die erste Geschichte hieß "Monster", die zweite hieß "Frühling", und ich war so aufgeregt über das Einschicken, dass ich niemandem davon erzählte, nicht mal meinem Schulfreund H., der 2001 natürlich auch las.

Ich behielt diesen ersten Versuch, eine eigene Geschichte zu verkaufen, komplett für mich. Höchstens haben das, weil ich ja einen Briefumschlag und eine Briefmarke brauchte (zusätzlich zur Schreibmaschine und zum Papier und zum Blaubogen meines Vaters), noch meine Eltern mitbekommen. Aber beschwören würde ich es nicht.

Mittwoch, 12. Juli 2017

Lesetipps in Sachen aktuelle Science Fiction

Karl Nagel bedankte sich neulich für ein geschenktes Belegexemplar von Daryl Gregorys AFTERPARTY in meiner Übersetzung und fügte hinzu:

Noch was: Ich bin für Lesetipps immer dankbar. Wenn ich vor dem SF-Regal meiner Buchhandlung stehe, bin ich meist ziemlich ratlos. Das meiste interessiert mich nicht. Ein Blick auf den Klappentext, und ... NEEE! Sternenreiche, monströse Raumschiffe, Reihen, Fantasy, geht mir alles am Arsch vorbei. Deshalb greife ich immer wieder auf altes Zeugs zurück. Zuletzt "Es stirbt in mir" von Silverberg. Ich weiß, daß vieles in kleineren Verlagen erscheint, aber da fehlt mir der Überblick.

Bevor ich diese Frage an euch weitergebe, damit ihr in den Kommentaren euren Senf dazugeben könnt, spaziere ich kurz mal durch meine Handbibliothek und präsentiere die Höhepunkte der letzten Jahre:

  • SOMETHING COMING THROUGH von Paul McAuley habe ich inzwischen zum zweiten Mal gelesen, und der knackige britische SF-Krimi aus dem Jahr 2015 gefällt mir immer noch sehr gut: Aliens sind zur Erde gekommen und haben der gebeutelten Menschheit Zugang zu fünfzehn Welten geschenkt, damit sie ihr Potenzial ausschöpfen kann. Sehr freundlich, sehr hilfreich, doch erstens nehmen die Menschen ihre ganze fehlerbehaftete Geschichte mit, und zweitens "dringt etwas durch", sprich: Alien-Meme verwirren zusätzlich. Inzwischen hat McAuley einen weiteren Roman um diese Aliens folgen lassen; den habe ich aber noch nicht gelesen, und er scheint nur locker mit SOMETHING verknüpft zu sein. Eine deutsche Übersetzung ist nicht in Sicht.
  • THE DISESTABLISHMENT OF PARADISE von Phillip Mann erschien 2013, und ich habe den neuseeländischen Roman ebenfalls bereits zum zweiten Mal mit Genuss gelesen. Einer der schönsten und am besten konstruierten SF-Romane, die ich kenne! Ein Planet wird von Siedlern wieder aufgegeben, weil seine Fauna beständig feindseliger und giftiger wird. Nicht alle sind mit diesem "Rückbau des Paradieses" einverstanden, und so unternehmen wir eine immer schamanischere Züge annehmende Reise durch eine wieder menschenleere Welt. Ein Reiseroman, eine Liebesgeschichte, eine politische Erzählung. Komplex erdacht, mit leichter Hand erzählt. Für mich ein völlig unterschätztes Meisterwerk.
  • DAS UNIVERSUM NACH LANDAU von Karsten Kruschel, erschienen 2016 bei Wurdack, bündelt Kurzgeschichten vor gleichem Hintergrund. Kruschel ist für mich innerhalb der SF der einzige DDR-Autor, der erst nach dem Mauerfall seine richtig guten Sachen geschrieben hat. An den SF-Klassikern geschult, erzählt er straff und knackig seine Geschichten, mit einem Herz für Außenseiter, mit Lust an Pointen, ohne die Psychologie und Soziologie zu vergessen, mit Bildgewalt. Da spüre ich beim Lesen mein zwölfjähriges Herz wieder, ohne mich mit Nostalgie selbst verarschen zu müssen. Auch unser Vierzehnjähriger war davon sehr angetan. Drei in demselben Universum angesiedelte Romane liegen bereits vor.
  • Becky Chambers gab mit DER LANGE WEG ZU EINEM KLEINEN ZORNIGEN PLANETEN (USA 2014) eine Star-Trek-Variante zum Besten, die jemandem wie mir, dem Star Trek immer zu brav und angepasst und politisch korrekt war, großen Spaß gemacht hat: Wir begleiten eine multikulturelle Crew auf ihrem Flug in einer, hm, ich nenn's mal: bewohnbaren Bohrmaschine durchs All. Es gibt in der SF-Literatur wenige Welten, in die ich sofort würde reisen wollen: Das hier ist eine davon. Dabei geht es für jede Figur irgendwann ans Eingemachte, und doch ist es unterm Strich sogar ein heiterer Roman. Ein weiteres Buch aus diesem Universum liegt vor, hat aber andere Hauptfiguren.
  • Sylvain Neuvels GIANTS - SIE SIND ERWACHT (CAN 2016) dreht sich um einen irren archäologischen Fund, nämlich die seit sechstausend Jahren in der Erde liegende Hand eines Riesenroboters. Diese Mischung zwischen wissenschaftlichem Rätsel und Polit-Thriller besteht komplett aus Gesprächsprotokollen, was einen ganz eigenen Sog und einen befremdlichen Eindruck von Auslassungen erzeugt. Faszinierend! Eine Fortsetzung ist inzwischen erschienen, die habe ich mir aber verkniffen, weil ich mir davon nichts mehr verspreche.

Soweit mal meine fünf Lesehöhepunkte aktueller SF.

Jetzt gebe ich Karls Frage an euch weiter: Welche Tipps habt ihr auf Lager? Bitte daran denken: keine Sternenreiche, Riesenraumschiffe, Reihen, Fantasy - eher etwas, was neben Klassikern wie Robert Silverberg bestehen kann ...

Dienstag, 4. Juli 2017

London, 1984: Wie ich das erste Mal im Freien schlief



Ich weiß nicht mehr, in welchem Park die Jugendherberge lag, in der meine beiden westdeutschen Freunde aufschlagen wollten, sobald sie den Weg per Fähre und Bahn nach London geschafft hatten. Als Westberliner mit ordentlich Ersparnissen aus anderthalb Jahren Vollzeit-Bürojob gönnte ich mir jedenfalls einen Flug und kam einige Stunden früher bei der Jugendherberge an.

Zum ersten Mal in London, und dann zockelte ich gleich allein durch die Straßen! Ein herrliches Gefühl von Freiheit, wie überhaupt das ganze Jahr schon ein freies gewesen war. Nach Schule, Berufsausbildung und Angestelltendasein hatte ich zum Ende des vergangenen Jahres meinen Job gekündigt und lebte von den 14.000 DM, die ich angespart hatte. Ich war anderthalb Monate auf Sri Lanka gewesen, war dabei, mit einem Freund eine WG zu gründen, schrieb Kurzgeschichten und reiste viel durch Deutschland.

Als Peter und Viktor bei der Jugendherberge ankamen, hatte ich mich schon schlau gemacht: "Ist alles ausgebucht."

"Wir haben reserviert", sagten sie.

Allerdings nur für zwei, wie sich heraussstellte. Heute finde ich das komisch, wie auch die beiden sich wahrscheinlich darüber wundern dürften, aber damals war ich Anfang zwanzig, waren sie sogar noch Teenager, und in dem Alter ist man noch nicht so fit, was Logistik und Für-andere-mitdenken angeht. Zum Glück, manchmal.

"Was machst du denn jetzt? Willst du's noch woanders probieren?"

"Da isses bestimmt auch voll. Ich schlaf einfach gegenüber von der Herberge im Park. Hab mir schon eine Stelle ausgeguckt."

Ich zeigte sie ihnen. Auf der anderen Seite des asphaltierten Parkwegs kam, hinter einer niedrigen Wegbegrenzung, ein kleines Gehölz. Irgendwelche Nadelbäume, niedrige Büsche davor und innendrin ein efeuüberwuchertes Fleckchen, auf das bequem ein Schlafsack passte.

"Okay", sagten sie und nickten. Es klang leicht skeptisch, aber vielleicht bildete ich mir das auch nur ein, denn ich war durchaus nervös.

Die britische Großstadtnatur machte mir dabei wenig Angst. Ich war ja wie gesagt gerade erst auf Sri Lanka gewesen, und dort hatte es von ganz anderen Viechern gewimmelt als von Spinnen, Ratten und Tauben und vielleicht einem gelegentlichen Fuchs. Einmal war ich dort einem psychedelisch bunten Hundertfüßler begegnet, dem giftigsten Tier der ceylonesischen Fauna. Ein andermal hatte bei den Gastgebern ein hässliches Insekt neben einem gerahmten Bild an der Wand gesessen, und dann war hinter dem Bild ein noch hässlicheres Insekt hervorgekrabbelt und hatte das andere gefressen. In dieser Hinsicht war ich also abgehärtet.

Vor der Welt hatte ich nie besonders viel Angst gehabt, hatte mich im Gegenteil fast immer in ihr aufgehoben gefühlt, wohl aber vor den Menschen. Menschen, Fremde zumal, waren unberechenbar und wurden von den merkwürdigsten Leidenschaften angetrieben.

Deshalb wollte ich nicht auf einem Wiesenstück lagern, obwohl mir das von der Natur her viel besser gepasst hätte, sondern in diesem schlecht einsehbaren Gehölz.

Irgendwann wurde es dunkel, und ich verabschiedete mich für die Nacht von meinen Freunden und der hellen, trockenen Jugendherberge und richtete mich in meinem Versteck ein. Natürlich war ich für Nächte im Freien gar nicht gerüstet; waren wir alle drei nicht. Ich hatte einen Schlafsack und einen Seesack dabei, beides aus Bundeswehrbeständen gebraucht gekauft und nicht auch nur für eine Minute wasserdicht. Kein Tarp zum Biwakieren, nicht mal ein Stück Plastikplane. So weit hatte ich einfach nicht gedacht.

Nun lag ich da in meinem Schlafsack direkt auf dem Efeu, ein Stück des Seesacks zum Kopfkissen zurechtgeknautscht, und wartete darauf, dass ich einschlief. Ich war mir der riesigen fremden Stadt, die erkundet werden wollte, sehr bewusst, lauschte auf ihre fernen Geräusche, sah zum Himmel hoch, den ich nur vage zwischen den Bäumen ausmachen konnte, eine graue Fläche.

Ein paar Mücken nervten, ab und zu pitschte ein Tropfen auf ein Blatt oder auf meinen Schlafsack, doch es fing nie richtig an zu regnen.

Manchmal schreckte ich hoch, meist wenn Leute fünf Meter von mir entfernt auf dem Parkweg vorbeigingen. Niemand bemerkte mich dort in meinem Gehölz, davor schützte mich wohl auch das Licht der Jugendherberge, das die Leute nachtblind machte.

Irgendwann kehrte Ruhe ein, draußen im Park und drinnen in mir, und ich schlief. Flach zwar nur, wie ein Tier wohl, weil es irgendwann klamm wurde und kühl, doch es war ein unglaubliches Gefühl von Freiheit und In-der-Welt-sein statt in irgendeiner Blase.

Sehr früh wachte ich auf, es war kaum hell, und als ich mich aufsetzte, sah ich nicht nur den glänzenden Morgentau überall um mich herum, sondern auch, was in der Nacht immer wieder so gepitscht hatte.

Nicht Regentropfen.

Ich hatte mein Lager unter einem Baum aufgeschlagen, der von Vögeln bewohnt war: Sie hatten mir das Fußende des Schlafsacks vollgekackt.

Und das war auch schon alles, was mir in meiner ersten Nacht allein im Freien in einer fremden Stadt im Park an "Schlechtem" passiert war.

Paar Mückenstiche, bisschen Vogelkacke.

Ich saß dort still und friedlich auf meinem Schlafsack und genoss das Gefühl, ein Teil des Parks zu sein, genauso unbemerkt und dampfend feucht wie die Pflanzen und die kleinen Viecher um mich herum, und irgendwann ging ich rüber in die Jugendherberge, um mal zu schauen, ob schon ein Frühstück zu bekommen war.

(Ein anderes Gehölz, eine ähnliche Stimmung. Foto: Peter Müller oder Viktor Pavel - wenn ich das noch wüsste!)

***

Nachtrag vom 05.07. - Mal wieder ein Beispiel, warum manche Leute so gern von morphischen Feldern sprechen: Einen Tag nach dem Schreiben des Blogeintrags stoße ich auf folgendes Zitat von Robert Jungk.

Ich gehe in dem Versuch, dieses Ursprüngliche wiederzufinden, gelegentlich, wenn es Nacht ist, in solche Kulturlandschaften, in Wälder hinein. Da sind dann keine Menschen mehr. Da kriegt man die Angst wieder. Da muß man genau hören, denn da sind die Tiere wieder, die sich in der Nacht hervorwagen. Es gibt auch ein völlig anderes Gefühl, z. B. auf der Haut. Man spürt den Wind und am Morgen den Tau.

Quelle unbekannt, hier zitiert nach Toubab Pippa (Hg.), "ES IST ZWEIFELHAFT, OB ES ÜBERHAUPT FEINDE GIBT!" (Der Grüne Zweig 269), Seite 17

Dienstag, 27. Juni 2017

In eigenem Auftrag

Weil es jetzt schon die zweite Person wissen wollte:

Was schreibst du gerade?

Wieder einmal weiter an meinem Krimi.

Wer meinen Blog schon länger verfolgt, weiß ja: Ich lese deutlich mehr Krimis als Science Fiction, und mein absoluter Lieblingsautor ist Robert B. Parker mit seinen Spenser-Romanen. Entsprechend versuche ich mich schon seit Jahren schubweise an der Böhmertschen Variante eines Privatdetektivromans, so richtig mit Ich-Erzähler und Milieugenauigkeit und allem Drum und Dran.

Kommerziell mal wieder völlig uninteressant, aber hey: In eigenem Auftrag schreibe ich natürlich Bücher, wie ich sie gern lese, und wenn ich irgendwann ins Grab falle, möchte ich, dass genau solche Bücher von mir übrigbleiben und nicht irgendein wenig persönlicher Kram, der so auch hätte von vielen anderen Autoren stammen können ...