Dienstag, 18. Juli 2017

Vor vierzig Jahren: Meine ersten ernsthaften Geschichten

Ich war fünfzehn, ging aufs Gymnasium und teilte mit meinem Schulfreund H. die Leidenschaft für fantastische Literatur in all ihren Ausformungen. Während H. sich vor allem in die große Welle von Marvel- und DC-Comics stürzte, mit der Williams damals den deutschen Markt überschwemmte, las ich alles an Science Fiction, was ich in Romantauschläden zusammenkratzen konnte: die schwarzen Heyne-Taschenbücher, Terra-Sonderhefte, Terra Astra, Utopia-Großband ... Hauptsache Abenteuer und Hauptsache, ich konnte jeden Tag eins runterschnurren.

In den Pausen und wenn wir in Sport gerade auf der Bank saßen, amüsierten wir einander mit Nacherzählungen der tollsten Geschichten, die wir gerade gelesen hatten. Das trug uns mit unserer überdrehten Fantasie dann durch die nächste langweilige Unterrichtsstunde.

Ich hatte früher schon gern bei Familientreffen meinen Cousinen und Cousins spontan erfundene Gruselgeschichten erzählt, hatte auch in der Grundschule ein selbstgezeichnetes Comic "herausgegeben": ein auf A5 gefaltetes A4-Blatt mit Titelcover und drei Fortsetzungsgeschichten von je einer Seite drin; eine Art selbstgemachtes Zack-Heft also, Auflage 2 oder 3 Exemplare.

Aber das war alles noch unter Spielen gelaufen.

Nun, 1977, mit fünfzehn, setzte ich mich erstmals an die hellblaue mechanische Reiseschreibmaschine meines Vater, um eine Geschichte zu schreiben, die ich tatsächlich an einen Verlag schicken wollte - wie ein richtiger Schriftsteller.

Damals erschien, witzigerweise in einem Kampfsportverlag, das SF-Magazin 2001, und die druckten in jeder Ausgabe Lesergeschichten ab.



Wie Kampfsport kommt mir Rückblick auch das Schreiben auf einer mechanischen Schreibmaschine vor: das kräftige Schlagen auf die Tasten (mit dem ich heute noch meine Laptoptastaturen strapaziere), das Zurückschieben des Schlittens am Ende jeder Zeile mit diesem dicken blanken Hebel. Tacktacktakakakakakakakakaklack srrrrrrrrrrrt! Und dann wieder tackaklack klack!

Das war der Klang des Schreibens damals.

Zwei Einseiter schrieb ich so, und als ich damit fertig war, tippte ich sie noch mal sauber ab, denn so machte man das damals, wenn eine Seite ordentlich aussehen sollte, und damit ich von der Geschichte noch ein Exemplar behielt, tippte ich sie "mit Durchschlag" ab, sprich: zwischen zwei Blätter Schreibmaschinenpapier kam ein Blaubogen, der bei jedem Anschlag auf das untere Blatt seine trockene Farbe stempelte. Da musstest du dann noch doller in die Tasten hauen.

Die erste Geschichte hieß "Monster", die zweite hieß "Frühling", und ich war so aufgeregt über das Einschicken, dass ich niemandem davon erzählte, nicht mal meinem Schulfreund H., der 2001 natürlich auch las.

Ich behielt diesen ersten Versuch, eine eigene Geschichte zu verkaufen, komplett für mich. Höchstens haben das, weil ich ja einen Briefumschlag und eine Briefmarke brauchte (zusätzlich zur Schreibmaschine und zum Papier und zum Blaubogen meines Vaters), noch meine Eltern mitbekommen. Aber beschwören würde ich es nicht.

Mittwoch, 12. Juli 2017

Lesetipps in Sachen aktuelle Science Fiction

Karl Nagel bedankte sich neulich für ein geschenktes Belegexemplar von Daryl Gregorys AFTERPARTY in meiner Übersetzung und fügte hinzu:

Noch was: Ich bin für Lesetipps immer dankbar. Wenn ich vor dem SF-Regal meiner Buchhandlung stehe, bin ich meist ziemlich ratlos. Das meiste interessiert mich nicht. Ein Blick auf den Klappentext, und ... NEEE! Sternenreiche, monströse Raumschiffe, Reihen, Fantasy, geht mir alles am Arsch vorbei. Deshalb greife ich immer wieder auf altes Zeugs zurück. Zuletzt "Es stirbt in mir" von Silverberg. Ich weiß, daß vieles in kleineren Verlagen erscheint, aber da fehlt mir der Überblick.

Bevor ich diese Frage an euch weitergebe, damit ihr in den Kommentaren euren Senf dazugeben könnt, spaziere ich kurz mal durch meine Handbibliothek und präsentiere die Höhepunkte der letzten Jahre:

  • SOMETHING COMING THROUGH von Paul McAuley habe ich inzwischen zum zweiten Mal gelesen, und der knackige britische SF-Krimi aus dem Jahr 2015 gefällt mir immer noch sehr gut: Aliens sind zur Erde gekommen und haben der gebeutelten Menschheit Zugang zu fünfzehn Welten geschenkt, damit sie ihr Potenzial ausschöpfen kann. Sehr freundlich, sehr hilfreich, doch erstens nehmen die Menschen ihre ganze fehlerbehaftete Geschichte mit, und zweitens "dringt etwas durch", sprich: Alien-Meme verwirren zusätzlich. Inzwischen hat McAuley einen weiteren Roman um diese Aliens folgen lassen; den habe ich aber noch nicht gelesen, und er scheint nur locker mit SOMETHING verknüpft zu sein. Eine deutsche Übersetzung ist nicht in Sicht.
  • THE DISESTABLISHMENT OF PARADISE von Phillip Mann erschien 2013, und ich habe den neuseeländischen Roman ebenfalls bereits zum zweiten Mal mit Genuss gelesen. Einer der schönsten und am besten konstruierten SF-Romane, die ich kenne! Ein Planet wird von Siedlern wieder aufgegeben, weil seine Fauna beständig feindseliger und giftiger wird. Nicht alle sind mit diesem "Rückbau des Paradieses" einverstanden, und so unternehmen wir eine immer schamanischere Züge annehmende Reise durch eine wieder menschenleere Welt. Ein Reiseroman, eine Liebesgeschichte, eine politische Erzählung. Komplex erdacht, mit leichter Hand erzählt. Für mich ein völlig unterschätztes Meisterwerk.
  • DAS UNIVERSUM NACH LANDAU von Karsten Kruschel, erschienen 2016 bei Wurdack, bündelt Kurzgeschichten vor gleichem Hintergrund. Kruschel ist für mich innerhalb der SF der einzige DDR-Autor, der erst nach dem Mauerfall seine richtig guten Sachen geschrieben hat. An den SF-Klassikern geschult, erzählt er straff und knackig seine Geschichten, mit einem Herz für Außenseiter, mit Lust an Pointen, ohne die Psychologie und Soziologie zu vergessen, mit Bildgewalt. Da spüre ich beim Lesen mein zwölfjähriges Herz wieder, ohne mich mit Nostalgie selbst verarschen zu müssen. Auch unser Vierzehnjähriger war davon sehr angetan. Drei in demselben Universum angesiedelte Romane liegen bereits vor.
  • Becky Chambers gab mit DER LANGE WEG ZU EINEM KLEINEN ZORNIGEN PLANETEN (USA 2014) eine Star-Trek-Variante zum Besten, die jemandem wie mir, dem Star Trek immer zu brav und angepasst und politisch korrekt war, großen Spaß gemacht hat: Wir begleiten eine multikulturelle Crew auf ihrem Flug in einer, hm, ich nenn's mal: bewohnbaren Bohrmaschine durchs All. Es gibt in der SF-Literatur wenige Welten, in die ich sofort würde reisen wollen: Das hier ist eine davon. Dabei geht es für jede Figur irgendwann ans Eingemachte, und doch ist es unterm Strich sogar ein heiterer Roman. Ein weiteres Buch aus diesem Universum liegt vor, hat aber andere Hauptfiguren.
  • Sylvain Neuvels GIANTS - SIE SIND ERWACHT (CAN 2016) dreht sich um einen irren archäologischen Fund, nämlich die seit sechstausend Jahren in der Erde liegende Hand eines Riesenroboters. Diese Mischung zwischen wissenschaftlichem Rätsel und Polit-Thriller besteht komplett aus Gesprächsprotokollen, was einen ganz eigenen Sog und einen befremdlichen Eindruck von Auslassungen erzeugt. Faszinierend! Eine Fortsetzung ist inzwischen erschienen, die habe ich mir aber verkniffen, weil ich mir davon nichts mehr verspreche.

Soweit mal meine fünf Lesehöhepunkte aktueller SF.

Jetzt gebe ich Karls Frage an euch weiter: Welche Tipps habt ihr auf Lager? Bitte daran denken: keine Sternenreiche, Riesenraumschiffe, Reihen, Fantasy - eher etwas, was neben Klassikern wie Robert Silverberg bestehen kann ...

Dienstag, 4. Juli 2017

London, 1984: Wie ich das erste Mal im Freien schlief



Ich weiß nicht mehr, in welchem Park die Jugendherberge lag, in der meine beiden westdeutschen Freunde aufschlagen wollten, sobald sie den Weg per Fähre und Bahn nach London geschafft hatten. Als Westberliner mit ordentlich Ersparnissen aus anderthalb Jahren Vollzeit-Bürojob gönnte ich mir jedenfalls einen Flug und kam einige Stunden früher bei der Jugendherberge an.

Zum ersten Mal in London, und dann zockelte ich gleich allein durch die Straßen! Ein herrliches Gefühl von Freiheit, wie überhaupt das ganze Jahr schon ein freies gewesen war. Nach Schule, Berufsausbildung und Angestelltendasein hatte ich zum Ende des vergangenen Jahres meinen Job gekündigt und lebte von den 14.000 DM, die ich angespart hatte. Ich war anderthalb Monate auf Sri Lanka gewesen, war dabei, mit einem Freund eine WG zu gründen, schrieb Kurzgeschichten und reiste viel durch Deutschland.

Als Peter und Viktor bei der Jugendherberge ankamen, hatte ich mich schon schlau gemacht: "Ist alles ausgebucht."

"Wir haben reserviert", sagten sie.

Allerdings nur für zwei, wie sich heraussstellte. Heute finde ich das komisch, wie auch die beiden sich wahrscheinlich darüber wundern dürften, aber damals war ich Anfang zwanzig, waren sie sogar noch Teenager, und in dem Alter ist man noch nicht so fit, was Logistik und Für-andere-mitdenken angeht. Zum Glück, manchmal.

"Was machst du denn jetzt? Willst du's noch woanders probieren?"

"Da isses bestimmt auch voll. Ich schlaf einfach gegenüber von der Herberge im Park. Hab mir schon eine Stelle ausgeguckt."

Ich zeigte sie ihnen. Auf der anderen Seite des asphaltierten Parkwegs kam, hinter einer niedrigen Wegbegrenzung, ein kleines Gehölz. Irgendwelche Nadelbäume, niedrige Büsche davor und innendrin ein efeuüberwuchertes Fleckchen, auf das bequem ein Schlafsack passte.

"Okay", sagten sie und nickten. Es klang leicht skeptisch, aber vielleicht bildete ich mir das auch nur ein, denn ich war durchaus nervös.

Die britische Großstadtnatur machte mir dabei wenig Angst. Ich war ja wie gesagt gerade erst auf Sri Lanka gewesen, und dort hatte es von ganz anderen Viechern gewimmelt als von Spinnen, Ratten und Tauben und vielleicht einem gelegentlichen Fuchs. Einmal war ich dort einem psychedelisch bunten Hundertfüßler begegnet, dem giftigsten Tier der ceylonesischen Fauna. Ein andermal hatte bei den Gastgebern ein hässliches Insekt neben einem gerahmten Bild an der Wand gesessen, und dann war hinter dem Bild ein noch hässlicheres Insekt hervorgekrabbelt und hatte das andere gefressen. In dieser Hinsicht war ich also abgehärtet.

Vor der Welt hatte ich nie besonders viel Angst gehabt, hatte mich im Gegenteil fast immer in ihr aufgehoben gefühlt, wohl aber vor den Menschen. Menschen, Fremde zumal, waren unberechenbar und wurden von den merkwürdigsten Leidenschaften angetrieben.

Deshalb wollte ich nicht auf einem Wiesenstück lagern, obwohl mir das von der Natur her viel besser gepasst hätte, sondern in diesem schlecht einsehbaren Gehölz.

Irgendwann wurde es dunkel, und ich verabschiedete mich für die Nacht von meinen Freunden und der hellen, trockenen Jugendherberge und richtete mich in meinem Versteck ein. Natürlich war ich für Nächte im Freien gar nicht gerüstet; waren wir alle drei nicht. Ich hatte einen Schlafsack und einen Seesack dabei, beides aus Bundeswehrbeständen gebraucht gekauft und nicht auch nur für eine Minute wasserdicht. Kein Tarp zum Biwakieren, nicht mal ein Stück Plastikplane. So weit hatte ich einfach nicht gedacht.

Nun lag ich da in meinem Schlafsack direkt auf dem Efeu, ein Stück des Seesacks zum Kopfkissen zurechtgeknautscht, und wartete darauf, dass ich einschlief. Ich war mir der riesigen fremden Stadt, die erkundet werden wollte, sehr bewusst, lauschte auf ihre fernen Geräusche, sah zum Himmel hoch, den ich nur vage zwischen den Bäumen ausmachen konnte, eine graue Fläche.

Ein paar Mücken nervten, ab und zu pitschte ein Tropfen auf ein Blatt oder auf meinen Schlafsack, doch es fing nie richtig an zu regnen.

Manchmal schreckte ich hoch, meist wenn Leute fünf Meter von mir entfernt auf dem Parkweg vorbeigingen. Niemand bemerkte mich dort in meinem Gehölz, davor schützte mich wohl auch das Licht der Jugendherberge, das die Leute nachtblind machte.

Irgendwann kehrte Ruhe ein, draußen im Park und drinnen in mir, und ich schlief. Flach zwar nur, wie ein Tier wohl, weil es irgendwann klamm wurde und kühl, doch es war ein unglaubliches Gefühl von Freiheit und In-der-Welt-sein statt in irgendeiner Blase.

Sehr früh wachte ich auf, es war kaum hell, und als ich mich aufsetzte, sah ich nicht nur den glänzenden Morgentau überall um mich herum, sondern auch, was in der Nacht immer wieder so gepitscht hatte.

Nicht Regentropfen.

Ich hatte mein Lager unter einem Baum aufgeschlagen, der von Vögeln bewohnt war: Sie hatten mir das Fußende des Schlafsacks vollgekackt.

Und das war auch schon alles, was mir in meiner ersten Nacht allein im Freien in einer fremden Stadt im Park an "Schlechtem" passiert war.

Paar Mückenstiche, bisschen Vogelkacke.

Ich saß dort still und friedlich auf meinem Schlafsack und genoss das Gefühl, ein Teil des Parks zu sein, genauso unbemerkt und dampfend feucht wie die Pflanzen und die kleinen Viecher um mich herum, und irgendwann ging ich rüber in die Jugendherberge, um mal zu schauen, ob schon ein Frühstück zu bekommen war.

(Ein anderes Gehölz, eine ähnliche Stimmung. Foto: Peter Müller oder Viktor Pavel - wenn ich das noch wüsste!)

***

Nachtrag vom 05.07. - Mal wieder ein Beispiel, warum manche Leute so gern von morphischen Feldern sprechen: Einen Tag nach dem Schreiben des Blogeintrags stoße ich auf folgendes Zitat von Robert Jungk.

Ich gehe in dem Versuch, dieses Ursprüngliche wiederzufinden, gelegentlich, wenn es Nacht ist, in solche Kulturlandschaften, in Wälder hinein. Da sind dann keine Menschen mehr. Da kriegt man die Angst wieder. Da muß man genau hören, denn da sind die Tiere wieder, die sich in der Nacht hervorwagen. Es gibt auch ein völlig anderes Gefühl, z. B. auf der Haut. Man spürt den Wind und am Morgen den Tau.

Quelle unbekannt, hier zitiert nach Toubab Pippa (Hg.), "ES IST ZWEIFELHAFT, OB ES ÜBERHAUPT FEINDE GIBT!" (Der Grüne Zweig 269), Seite 17

Dienstag, 27. Juni 2017

In eigenem Auftrag

Weil es jetzt schon die zweite Person wissen wollte:

Was schreibst du gerade?

Wieder einmal weiter an meinem Krimi.

Wer meinen Blog schon länger verfolgt, weiß ja: Ich lese deutlich mehr Krimis als Science Fiction, und mein absoluter Lieblingsautor ist Robert B. Parker mit seinen Spenser-Romanen. Entsprechend versuche ich mich schon seit Jahren schubweise an der Böhmertschen Variante eines Privatdetektivromans, so richtig mit Ich-Erzähler und Milieugenauigkeit und allem Drum und Dran.

Kommerziell mal wieder völlig uninteressant, aber hey: In eigenem Auftrag schreibe ich natürlich Bücher, wie ich sie gern lese, und wenn ich irgendwann ins Grab falle, möchte ich, dass genau solche Bücher von mir übrigbleiben und nicht irgendein wenig persönlicher Kram, der so auch hätte von vielen anderen Autoren stammen können ...

Montag, 12. Juni 2017

Fundstück: Der Altruist und der Egoist

"Wenn es zwei Menschen gäbe, die beide mit demselben Wissen, derselben Klugheit und demselben Können ihren Weg gehen, von denen aber der eine von ausschließlich selbstischen Motiven getrieben wird, während der andere von rein menschenfreundlichen Beweggründen ausgehen würde, so würde der eine Anderen durch seinen eigenen Selbstdienst, der andere aber sich selber dadurch dienen, daß er den Anderen einen Dienst erwiesen hat. Der Altruist würde es für nötig halten, sich selber im Interesse der anderen zu erhalten, der Egoist aber würde finden, daß er die anderen in seinem Interesse erhalten müsse."
Hudson Maxim, 1910

... sage ich seit vielen Jahren, und nun finde ich es morgens beim Frühstück unversehens in einem über hundert Jahre alten Buch.

Nämlich in: Arthur Brehmer (Hg.), DIE WELT IN 100 JAHREN

Unterhaltsame, gruselige und witzige Lektüre.



Dienstag, 16. Mai 2017

Der Nahe Osten, mit den Augen eines Kindes gesehen

Aus lauter Vorfreude auf den gerade erschienenen dritten und letzten Band von Riad Sattoufs DER ARABER VON MORGEN habe ich mir neulich gleich mal wieder die ersten beiden Teile dieser tollen Comicautobiografie durchgelesen.



Der französisch-syrische Künstler, der auch mal Pressezeichner bei Charlie Hebdo gewesen ist, erzählt uns "[e]ine Kindheit im Nahen Osten", zeitlich angesiedelt zwischen 1978 und dem Ende der 1980er.

Das macht er mit viel Witz und Wärme und erspart uns dabei auch verstörende Erfahrungen nicht. Er bleibt dicht an seinem kindlichen Ich, das die Umstände einfach als gegeben und normal hinnimmt, und führt uns auch immer wieder poetische Momente vor Augen, so zum Beispiel, wenn der kleine Riad in Syrien auf einem Hausdach steht und den Flug der allgegenwärtigen Plastiktüten bestaunt, die über den Himmel taumeln wie Quallen im Luftmeer.

Welche Befremdungen der Nahe Osten für europäische Erwachsene bereithält, vermittelt sich über Riads französische Mutter, die sich sehr am arabischen Nationalismus und Sozialismus sowie an den patriarchalischen Familienstrukturen abarbeitet, wähend der kleine Riad sich in der Schule und auf der Straße durchboxen muss, mit Begeisterung die hohe Kunst der abgestuften Beleidigung erlernt und sich fragt, was zum Geier denn Juden sind, von denen er nur mitbekommt, dass die beim Spielen mit Plastiksoldaten nie einer sein will.

Ab und zu geht es zurück nach Frankreich, das dem kindlichen Pendler zwischen den Kulturen allerdings auch nicht weniger verrückt vorkommt, nur anders.

Während der bewunderte syrische Vater, egal ob sich die Familie gerade in Frankreich oder im Nahen Osten aufhält, immer stiller wird. Für den erwachsenen Leser sind seine Entfremdung und Entwurzelung zunehmend offensichtlich; der kleine Riad hingegen wundert sich nur still.

Diese kindliche Perspektive ist also zugleich eng, weil nicht verstehend, und weit, weil offen für alle Kontraste und schroffen Unverständlichkeiten und die großen Momente im kleinen Alltag.

Herrliche Lektüre! Traurig, lustig, zum Haareraufen, zum Staunen.

Und sehr lebensnah - das lassen mich zumindest die Erzählungen meines zweitältesten Freundes A. vermuten, der ebenfalls, nur zehn Jahre früher und als deutsch-syrisches Kind, zwischen Orient und Okzident gependelt ist.

Die Wärme und runde Freundlichkeit seines Stils sowie sein sachlich-ruhiger Blick machen Riad Sattouf zu einem meiner liebsten Comickünstler.

Riad Sattouf, DER ARABER VON MORGEN 1 und 2 (F 2014 und 2015)
Mehr zu den Büchern, auch Leseproben, beim Knaus Verlag


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English summary for foreign readers: I really like Riad Sattouf's ARAB OF THE FUTURE - the French-Middle East comic artist always tells his partly grueling stories with a warm humour.

Mittwoch, 10. Mai 2017

Gelesen: Vonda McIntyre, AM HOFE DES SONNENKÖNIGS (US 1997)

Worum geht's?

Einem Jesuiten und Naturphilosophen gelingt es, ein Meeresungeheuer zu fangen - Ludwig XIV erhofft sich, dass dieser darin das alchimistische "Organ der Unsterblichkeit" findet und dem Sonnenkönig zum Wohle der Nation ewiges Leben verschaffen kann.

Wie ist das Buch geschrieben?

Einfache Vergangenheit, dritte Person, mehrere Perspektiven. Das Ganze wird auf dem Umschlag als "historische[r] Fantasy-Roman" beworben, aber eigentlich ist es von der Haltung her ein astreiner SF-Roman: Was wäre, wenn es Meermenschen wirklich gegeben hätte und sie nur (wie manche indigenen Stämme) binnen kürzester Zeit ausgerottet worden wären? Insofern wundert mich der Nebula Award nicht.

Was gefiel nicht so?

  • Das Fürstengedöns
  • Einige Bastei-typische Lektoratsschlampereien, die sich aber in Grenzen halten

Was gefiel?

  • Eva Eppers ist eine Meisterübersetzerin. Das Buch liest sich wie auf Deutsch verfasst.
  • Nie habe ich die Bedrohung im Absolutismus so deutlich gespürt - über lange Passagen hinweg passiert eigentlich wenig, und doch habe ich um jeden gebangt.
  • Cool und seltsam der Erzählrhythmus: Fast zeitlupenhaft geht es voran, und dann kommen plötzlich äußerst spröde vermittelte Wendungen.
  • Sämtliche wichtigen Figuren, erfundene wie historische, handeln nachvollziehbar. Das gilt besonders für unsere Heldin, die Schwester des Jesuiten.
  • Bei dem zwergenwüchsigen Atheisten Lucien de Barenton, Comte de Chrétien, ist es geradezu schade, dass er keine historische Gestalt, sondern nur Erfindung der Autorin ist.


Gute Stelle?

Ich habe mir keine markiert. Hier einfach ein paar Zeilen der einleitenden Szene:

"Démons!" rief der Ausguck.

Yves hielt Ausschau nach dem, was der Mann entdeckt haben mochte, aber die Sonne war zu grell, die Entfernung zu groß. Das Schiff pflügte voran, am Bug rauschte und schäumte das Wasser und der Horizont hob und senkte sich mit der Dünung.

"Dort!"

Voraus, wohin der Bugspriet wie ein Finger wies, schien das Meer zu kochen. Leiber schnellten aus den Fluten, tauchten wieder ein, geschmeidige Geschöpfe tummelten sich Delphinen gleich in der Gischt.

Das Flaggschiff hielt auf den brodelnden Hexenkessel zu. Sirenengesang erfüllte die Luft. Die Matrosen verstummten in abergläubischer Furcht.

Yves beherrschte seine Erregung. Er hatte gewusst, er würde sein Wild finden, an diesem Ort, an diesem Tag, nie hatte er im geringsten an der Richtigkeit seiner Hypothese gezweifelt. Nun mußte er nur noch Würde und Gelassenheit bewahren.

"Das Netz!" Die Stimme von Kapitän Desheureux übertönte den Gesang. "Das Netz, ihr Tagediebe!"


Zu empfehlen?

Definitiv. Dieser Roman ist einzigartig. Ich kenne nichts Vergleichbares.

Wo aufgestöbert?

Zufallsfund in der Verschenkekiste unserer Bofinger-Bibliothek. Da ich McIntyres TRAUMSCHLANGE aus den 1970ern in sehr guter Erinnerung hatte, habe ich ihn mitgenommen:

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar. Taschenbuch, 606 Seiten. Bastei Lübbe, Bergisch-Gladbach 1999)

Und sonst?

Die Übersetzung ist vor einiger Zeit in einer Neuausgabe unter dem deutlich besseren Titel DAS LIED VON MOND UND SONNE erschienen. Die Sonne, das ist natürlich Ludwig XIV; der Mond, da bietet allein schon der Text drei Interpretationsmöglichkeiten an: den Naturphilosophen, den königlichen Berater Lucien de Barenton und den tatsächlichen, von den Meerleuten verehrten Erdtrabanten.


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English summary for foreign readers: THE MOON AND THE SUN by Vonda McIntyre is a beauty of a science fiction novel, I never read something like this before.