Donnerstag, 1. März 2012

Gelesen: Neil Gaiman, NIEMALSLAND (GB 1996)

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar)

Worum geht's?

Unter allen Großstädten der Welt gibt es noch eine zweite Stadt, in die nicht nur Menschen absinken, die durch die Maschen gefallen sind, sondern auch Straßen, Gebäude, Bezirke. Dieses Buch spielt unter London; ein junger Manager wird dorthin verschlagen.

Wie ist das Buch geschrieben?

Eindringlich, mit betont einfacher Sprache und vielen bestens versteckten Anspielungen.

Was gefiel nicht so?

Der deutsche Titel. Welchem verzweifelten Brainstorming des Lektorats von Hoffmann und Campe "verdanken" wir die Eindeutschung des Begriffs NEVERWHERE für die Unterstädte zu einem Begriff, in dem das Wort "Land" vorkommt - bei einem Roman, der so ausdrücklich ein Großstadtroman ist, wie es überhaupt nur geht? So etwas läuft bei mir unter Griff ins Klo.

Was gefiel?

Die einfache, aber kunstvolle und poetische Sprache - Gaiman hält für mich, was Bradbury immer nur versprochen hat.

Die Fülle von lebendigen Details - alles wirkt echt, als gäbe es das seit Jahrhunderten oder als hätte Gaiman das Buch nicht einfach nur geschrieben, sondern seit seiner Kindheit geträumt.

Gute Stelle?

Ich mag besonders die einfachen, aber pointierten Dialoge, zum Beispiel den hier auf Seite 50:

"Darf ich etwas fragen?" fragte Richard.

"Aber nein", sagte der Marquis. "Sie stellen keine Fragen. Sie bekommen keine Antworten. Sie weichen nicht vom Wege ab. Sie denken noch nicht einmal über das nach, was Sie hier gerade erleben. Verstanden?"

"Aber -"

"Am wichtigsten: Kein Aber. [...]"

Und hier noch ein Beispiel für die hübschen Anspielungen. Dieser Satz findet sich ganz unauffällig auf Seite 331 zu Beginn des letzten Kapitels:

Der Himmel war von dem vollkommenen, ungetrübten Blau eines Fernsehbildschirms, der auf einen leeren Kanal eingestellt war.

Was für eine schöne Aktualisierung des Eröffnungssatzes eines stilbildenden Romans der 1980er Jahre!

Zu empfehlen?

Aber ja. Ich habe es gerade zum zweiten Mal gelesen, und es hat mir mehr Spaß gemacht als beim ersten Mal. (Wen der Vergleich interessiert: siehe hier.)

Wo aufgestöbert?

Ich habe schon ewig Gaimans Blog gelesen, hier. Als dann der gute Jakob Schmidt dieses Buch hier aussortierte, habe ich es gern in meine Obhut genommen.

Etwas Besonderes aus der Lektüre mitgenommen?

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Kommentare:

Enpunkt hat gesagt…

Schöne Rezension - ich fand das Buch anno dunnemals auch großartig (habe es während eines London-Trips gelesen ...); vielleicht sollte ich noch einmal reinschauen.

Frank Böhmert hat gesagt…

Während eines London-Trips ... Wow ... Besser geht's nicht, würde ich sagen!

Jakob hat gesagt…

Ich hab's auch nur deshalb aussortiert, weil ich mir derweil die Originalausgabe zugelegt habe, nicht, dass hier wer was Falsches denkt ;)

Anonym hat gesagt…

Ich habe das Buch dreimal gelesen und es gehört zu meinen Lieblingsbüchern ... Nach dem ersten Lesen besorgte ich mir Videos der mehrteiligen BBC-Fernsehserie. Ich habe vom Englisch nur wenig verstanden, aber die Personen und die Darstellung Unter-Londons waren gut gelungen.

Kürzlich las ich DER KRAKE von Mieville und fand, dass er in NIEMALSLAND einige Anleihen machte.

Überhaupt: Die beiden Killer Vandemar und Croup sind inzwischen mehrfach kopiert und tauchen mit anderen Namen in Büchern anderer Autoren auf. So auch in DER KRAKE.

Hast du FORTUNAS FLUG schon gelesen?

Susanne

Frank Böhmert hat gesagt…

Hey, Susanne! Schön, mal wieder von dir zu lesen! - Solche Anleihen und Querverweise finde ich immer spannend; mich haben Vandemar und Croup übrigens an die beiden "Penner" in Ian MacDonalds KÖNIG DER DÄMMERUNG, KÖNIGIN DES LICHTS erinnert. Wobei MacDonalds Paar natürlich deutlich heiterer angelegt ist. - FORTUNAS FLUG habe ich noch nicht gelesen, aber schön, wenn das jetzt endlich erschienen ist! Vielleicht knöpfe ich es mir während der Osterferien vor ...