Mittwoch, 19. Oktober 2011

Abend mit Goldrand. Ginger im Duncker

... der Straßenmusiker in der S-Bahn ist ein Packer mit kurzgeschorenen Haaren und Basecap. Er spielt die schönste Akkustikversion von "Wish You Were Here", die ich je gehört habe, singt mit einer Zartheit und Inbrunst, die nicht zu fassen ist. Am Schluss applaudiert das ganze Abteil. Und er huscht so schnell durch mit seinem Sammelbecher, mit seinen knallroten Wangen, dass ich es gar nicht schaffe, ihn nach seinem Namen oder seiner Band oder seiner Myspace-Seite zu fragen. Danke, Mann! Du warst ein hero mit einem Batzen gold in der Stimme ...

... vorm Duncker regnet es immer doller, Einlass erst in einer halben Stunde. Wir flüchten in den Spätkauf gegenüber. Der wird von einer russischen Familie betrieben, die es sich nicht nehmen lässt, ihren Spätkauf-Kunden russische Spezialitäten zu kochen und zu backen. Eine Sorte Piroggen ist, man halte sich fest, mit Sauerkraut und Champignons gefüllt. Der Uhu und ich kaufen welche. "Sie können sich auch hintenrein setzen." Okay, danke. Wir rechnen mit einem Hinterzimmer voller Pappkartons, aber nee. "Hintendrin", das ist eine Mischung zwischen Esszimmer und Loungebar. Statt im Regen zu stehen, fläzen wir auf einem Sofa und futtern eine Sorte Piroggen, die wir vielleicht im Leben nie wieder bekommen, wer weiß ...

... der Eintritt wird direkt von Ginger kassiert, und der Stempel, den man kriegt, lautet "Ehrenmitglied". Ist das nicht scharmant? Die Band versammelt lauter Ehrenmitglieder um sich herum ...

... das Duncker, das wir beide noch nicht kennen, entpuppt sich als prächtiger kleiner intimer Club mit lustigem Kruscht an der Decke ...


... selig sind die beiden müden Herren drin, uff! ... von der Arbeit freugeschaufelt ...


... und da kommt auch schon die Vorband White Rabbit Dynamite ...


... ich denke gerade, hm, die Stimme der Sängerin kommt aber nicht so richtig raus, da zieht der Tonmann sie auch schon hoch ... aaah ...

... feine kleine Band übrigens, ich kannte sie noch nicht. Ab und zu hakt das Zusammenspiel noch ein bisschen, aber die können was ... und gerade, wenn es ein bisschen ruhiger zugeht, hat die Sängerin Gänsehautpotenzial ... check'em out!

... und dann Ginger ...


... sie liefern, die Bassistin mit schon sichtbarem Babybäuchlein überm Instrument, das schönste Konzert ab, das ich bisher von ihnen miterlebt habe ...

... ihre Spiellaune ist ohnehin immer groß ... aber wie diesmal alles ineinandergreift ... das hat etwas Magisches ... zum Beispiel, als sie mittendrin auf einmal ganz leise werden ... leiser ... und leiser ... und noch leiser ... nur ein paar hingetupfte Töne auf der einen Gitarre ... winzigste kleine Rasselgeräusche vom Schlagzeug ... da ist das Publikum mucksmäuschenstill ... alle, die eben noch geschrien und geklatscht und getanzt haben, stehen da und lauschen ... mucks-mäus-chen-still ... es hustet nicht mal einer ... und das Mitte Oktober ... magisch ...

... und die Musiker werden immer besser und besser und besser ... von Jahr zu Jahr zu Jahr ...

... also guckt auf ihre Homepage, ob sie in eure Stadt kommen, und dann geht da hin! Letzte Tour vor der Babypause!

***

... ein Abend mit Goldrand!

Jetzt kann wieder geackert werden.

Kommentare:

My. hat gesagt…

Eigentlich mag ich Berlin nicht. Nicht so richtig. Ich mag auch München nicht. Und Stuttgart. Und andere Städte. Außer Hamburg, Wismar und Schwerin mag ich, glaube ich, gar keine deutschen Städte.
Aber so ein Beitrag wie dieser macht Geschmack auf Berlin. Wenn ich mir überlege, was los wäre, wenn es so einen Russen-Spätkauf mit seltsamen Piroggen in Murnau am Staffelsee gäbe ... Ich glaube, dann hätten wir hier einen Ministerpräsidenten von den Piraten :)

My.

Uhu hat gesagt…

Hach ja, schön wars! Wirklich ein ganz exquisites Konzert. Macht Appetit auf mehr, gerade wieder Live-Konzerte in kleinen Clubs ...