Donnerstag, 1. September 2011

Seine Tränensäcke sahen aus wie kleine kahle Tiere, die schon vor einiger Zeit gestorben waren. DER ZOCKER, Kapitel 4

Gewichtige Änderung: Ich bin jetzt doch zur Ich-Form übergegangen. Für einen traditionellen hartgesottenen Krimi gehört sich das einfach so!

Einen Satz später stand der Amerikaner da und starrte auf den grünen Tisch, den Queue auf den Boden gestützt wie einen Speer. „Shiiiit“, sagte er gedehnt und sah sich nach seinem Bier um. Er war inzwischen beim fünften angelangt.

Ich achtete jetzt nicht mehr auf meine Fassade und hielt mich an Milchkaffee. Der vertrug sich auch besser mit den Schmerzmitteln.

„Okay“, sagte ich. Die kranke Hand zog inzwischen scheußlich. „Und jetzt um vierhundert. Wie sieht’s aus?“

Als Finbar nicht sofort reagierte, ächzte Lulle rasch. „Oh nee, Mann, ohne mich! Du spinnst ja. Das ist meine Monatsmiete, Alter. Zahl mich aus.“

„Was denn? Ich bin doch total gut in Form.“

„Total gut in Form?! Du hättest den Satz beinahe verloren, Mann! Gib mir mein Geld.“

Ich begann, die einhundertsechzig Euro abzuzählen.

Finbar sah mir dabei zu. Die Wangen über seinem Bart waren gerötet, die Lockenhaare glänzten vom Schweiß.

Ich sagte: „Dann spielen wir noch einen Satz um die Zweihundertvierzig, okay?“

No way, Jose“, sagte Finbar. Kommt nicht in Frage. „Hat dein Kumpel keine cojones?“ Keinen Mumm?

Ich zuckte die Schultern. „Ist für manche Leute halt ein Haufen Geld.“

„Das? Das sind doch peanuts.“ Finbar holte seine Geldrolle hervor und blätterte vierhundert Euro auf den Tisch. „Los. Komm schon.“

„Ich hab nur die Zweihundertvierzig.“

„Vierhundert oder gar nichts.“

Ich sah Lulle an.

„Njet.“

„Ach, komm.“

„Auf gar keinen Fall. Du wirst so was von eingehen.“

„Dann leih’s mir wenigstens, ja? Komm schon. Ich kassier die Vierhundert, das hab ich im Urin.“

Lulle gab mir widerstrebend das Geld. „Aber nur geliehen. Das kriege ich auf jeden Fall wieder.“

„Klar.“ Ich legte die Scheine auf den Tisch. „Und zwar ohne einen einzigen Cent Gewinnbeteiligung.“

„Also da verzichte ich gern drauf“, sagte Lulle.

Finbar lachte. Er zog den Stapel Geldscheine glatt und klemmte ihn unter den schweren Glasascher auf dem Wandbrett. „Wie dein Kumpel hat gesagt – du wirst so was von eingehen.“

Lulle ächzte und stand auf. „Ich muss aufs Klo. Will jemand noch was zu trinken?“

Finbar grinste. „Nur, wenn du es von der Bar mitbringst.“

Lulle sah ihn nur an.

Der Amerikaner nickte. „Einen doppelten Espresso für mich.“

„Für mich auch“, sagte ich.

Lulle nickte und hatte etwas Mühe mit der Absperrkordel, dann war er verschwunden.

„Was hat dein Freund? Schwache Blase? Macht sich schnell in die Hosen?“

Ich zuckte nur die Schultern. Klar doch. Was ein ganzer Kerl war, der soff drei Liter und schwitzte sie einfach langsam wieder aus.

Ich stieß gerade an, da ging mein Handy wieder los. Als ich das Display ablas, schwoll mir der Hals. „Hey, ich hab doch gesagt, dass ich mitten in einem Billardspiel bin!“

„Hör mal“, drang Lulles Stimme an mein Ohr. „Das eben von wegen Kredit, das war natürlich nur Show, ja? Damit er anbeißt.“

„Was soll das denn jetzt?!“

„Na, nur damit es keine Missverständnisse gibt.“

„Das ist doch wohl sonnenklar!“, fauchte ich. Als ich Finbars neugierigen Blick bemerkte, fügte ich mit Mühe hinzu: „Bitte, Schwesterherz. Ruf mich jetzt nicht mehr an. Ich melde mich, wenn ich soweit bin. Ehrlich.“

„Mann, Alter!“, maulte Lulle mir ins Ohr. „Hätt doch sein können …“

„Ja, ja, ja.“

Der Amerikaner streckte die Hand aus. „Gib sie mir mal …“

Ich drehte mich rasch weg, „Tschüs!“, und steckte das Handy wieder ein.

Finbar lachte. „Wenn sie noch mal anruft, gib sie mir. Ich bring sie garantiert auf andere Gedanken.“

„Du? Du wirst nachher höchstens noch mit einer Wärmflasche ins Bett gehen wollen und dein Unglück beweinen.“

„Und wenn du ins Bett gehst nachher, pass auf, dass du dir die andere Hand nicht auch noch kaputt machst.“ Finbar machte wieder die Handbewegung.

Ich hätte ihm am liebsten eine gelangt. Viel zu verkrampft machte ich meinen nächsten Stoß.

Es sollte der letzte bleiben, der mir richtig danebenging. Während Finbar meinen Fehler ausnutzte und die erste Partie ausschoss, gelang es mir, meine Wut zu visualisieren. Sie war ein gewaltiger Treibstofftank, die Brennstufe einer Rakete, und ich, ich war die kleine Kommandokapsel, die auf der gewaltigen Flamme ritt, hoch oben im Orbit, im kalten All, und alles überschaute, alles sah, was unten auf dem Tisch geschah. Das grüne Tuch fing unter den hellen Lampen des Tisches zu leuchten an und verwandelte sich, als ich wieder am Zug war, in ein fluides Medium, in dem die Kugeln schwebten wie Elementarteilchen und der weißliche Schaft meines Queues ein Laserstrahl war, mit dem ich die kugelrunden, schimmernden Teilchen von einer Elektronenschale zur anderen schoss, in perfekt gezielten, perfekt bemessenen Aktionen.

Ab und zu sagten Lulle und der Ami etwas, aber ich verstand es kaum. Ihre Worte, die Musik, der Kneipenlärm vermengten sich zu einem Brei und traten in den Hintergrund. Klar und nah klang für mich nur noch das Klacken der Kugeln.

Irgendwann bildete ich mir sogar ein, das leise Summen der Leuchtkörper in den Lampen über mir hören zu können.

Als mir aufging, dass das nicht sein konnte, weil die Geräuschkulisse dafür viel zu laut war, schleuderte es mich aus meinem Trancezustand.

Aber da hatte ich den Satz schon gewonnen.

„So“, sagte ich und legte den Queue auf den Tisch. „Wie war das jetzt mit dem Telefonnummer-Drauflegen?“

Finbar schien mich nicht zu hören. Er stand schwankend da und rieb sich mit der Hand übers Gesicht, immer wieder. Die Spitze des teuren, intarsienverzierten Queues, den er mit der Linken hielt, berührte fast den orangen Linoleumboden.

Schließlich nahm er die Hand herunter. Seine Tränensäcke sahen aus wie kleine kahle Tiere, die schon vor einiger Zeit gestorben waren. „Need to piss“, sagte er tonlos und nahm die Queuespitze hoch. Er stapfte am Tisch vorbei zu der Metalltür, auf der PRIVAT stand. Davor blieb er stehen, als hätte ihn jemand auf Stand-by geschaltet.

„Andere Seite“, sagte ich. „Die Treppe hoch.“

Finbar machte schwerfällig kehrt. Er lehnte den Queue in die Ecke, fummelte mit der Absperrkordel herum und walzte am Kneipentisch und am Kicker vorbei nach oben.

Wir sahen ihm nach. Er hatte die Kordel nicht mehr eingehakt, sie hing zu Boden.

„Junge, ist der am Ende, ist der“, sagte Lulle.

„Irrtum. Das ist ein Steher, Mann. Ein Steher und ein echter Stilist.“ Ich zeigte zu der Queuetasche hinüber, die Platz für drei Unterteile und fünf Oberteile bot; keine Ahnung, ob es überhaupt irgendwo noch größere Taschen zu kaufen gab. In das dunkelgrüne Leder waren weiße „Brandmuster“ eingearbeitet: eine umlaufende Kette vierblättriger Kleeblätter, und auf der Rückseite prangte um ein 14/1-Logo herum in goldener Schreibschrift: Thank God I’m Irish. Ich bin Ire, Gott sei’s gedankt!

„Ob er mal richtig gut gewesen ist?“, fragte Lulle.

Ich zuckte die Schultern. „Garantiert nie so gut, wie er sich findet.“ Ich befühlte die kranke Hand.

„Alles okay?“

„Muss sie noch mal eincremen, bevor wir ihn alle machen.“

Lulle sah mich entgeistert an. „Was träumst du eigentlich nachts? Der zockt doch jetzt nicht mehr weiter, nachdem du ihn mal eben ausgeknockt hast. Was sollte das überhaupt?“

„Keine Ahnung. Er hat einfach genervt.“

„Ich fass es nicht. Da bauen wir diesen Typen richtig schön auf, und dann machst du alles mit einem einzigen Satz kaputt. Hast du nicht gesehen? Der Kerl läuft hier mit mindestens zweitausend Euren rum!“

„Tausend. Höchstens.“

„Zweitausend, Alter.“

„Tausend. Und seine letzten paar Fuffziger hol ich mir auch noch, wirst du sehen. Locker hol ich mir die. Dem lass ich nur das Kleingeld, dem Sack.“

Lulle blähte die Wangen und atmete schwer aus. „Alter. Der hat die Schnauze voll, glaub’s mir. Lass uns die Achthundert nehmen und verschwinden. Das wird hier nix mehr.“

Ich ging zu dem Barhocker, auf dem meine billige Gürteltasche lag. Sie gehörte auch zur Tarnung. Normalerweise trug ich so etwas nicht, sondern bewahrte meine Sachen in den Jackentaschen auf. Ich holte die Salbentube und eine frische Mullkompresse hervor und stopfte beides in die Hosentasche zu meinem Handy. „Bis gleich.“ Ich zwinkerte Lulle zu, dann ging ich nach draußen und hakte mit großer Geste die Absperrkordel wieder ein.

Im Kellergeschoss war kein Mensch, also rollte ich kurz mit den Schultern und ließ den Kopf kreisen, während ich zur Treppe ging. Jetzt merkte ich meine Müdigkeit.

Als ich ins Erdgeschoss hinauftrat, war es wie der Schritt in ein Tropenhaus. Rauch, heiße Luft, Schweiß und Dutzende von Parfümwolken: Dschungelluft. Zwar tanzte niemand mehr, aber der Laden wimmelte von Leuten, die quatschten, lachten, kreischten und vor allem tranken. Die kleine plüschverhangene Bühne war geräumt, und aus den Boxen drang kein Country & Western mehr, sondern irgendetwas, das klang, als hätten sich Barjazzer an harten Rockklassikern versucht. Motörhead als Mambo! Was die hier immer für ein Zeug spielten ... Aber der Erfolg gab ihnen recht: Die Frauenquote in der Miezenbar war nicht zu fassen. Die Partystimmung auch nicht.

An einem vollen Fenstertisch, an dem gerade jemand eine Geschichte zum Besten gab, die mit lautem Gelächter von einer Frau im Cocktailkleid quittiert wurde, lehnten zwei feiste Queuetaschen unter den Garderobenhaken. Ich checkte die Männer kurz. Ich kannte sie nicht – den einen höchstens, vom Sehen, aber der hatte ein Allerweltsgesicht. Hoffentlich kamen sie nicht noch runter und machten mir alles kaputt.

Amüsiert euch bitte noch eine halbe Stunde hier oben mit euren Frauen! Ich gähnte mit geschlossenem Mund und schlängelte mich durch das Gedränge am Tresen.

Von der netten Brünetten fehlte leider jede Spur. Ich hätte sie ja gern wenigstens noch mal beäugt, auch wenn ich mit meiner Tarnkleidung zu wenig hermachte.

Sieh an. Finbar war schon fertig mit Pullern. Er stand neben einer hübschen Frau und redete, schüttelte den Kopf. Er sah ganz zerknautscht aus.

Als ich auf seiner Höhe war, sagte ich im Vorbeigehen: „Bis gleich zur nächsten Runde.“

Der Blick, mit dem Finbar mich bedachte, hätte in Afrika glatt eine Dürrekatastrophe ausgelöst.

Hui-hui. Lulle lag völlig falsch. Richtig angepackt würde Finbar um seinen letzten Euro spielen.

Ich stieß mit der Handkante die Tür zu den Männertoiletten auf. Die beiden Klokabinen waren besetzt, also wusch ich mir noch kurz das Gesicht mit kaltem Wasser.

Einigermaßen erfrischt schloss ich mich in die freigewordene Kabine ein, klappte den Deckel runter und setzte mich. Ich klemmte die Oberschenkel zusammen und legte die offene Tube und die Kompresse darauf bereit.

Ich hatte gerade die ersten Lagen der Mullbinde abgewickelt, da klingelte wieder mein Handy.

„Lulle, verdammt! Was ist denn jetzt schon wieder los?“

„Hier sind gerade ein paar Zocker aufgekreuzt“, sagte er leise.

„Ja, und?“

„Ich hab ein ganz schlechtes Gefühl, MP.“

„Spinnst du?!“

„Ich mach mich vom Acker. Dein Zeug hab ich dabei. Sieh zu, dass du fertig wirst.“

„Nein, verdammt! Bleib da! Die Kohle liegt doch noch unterm Ascher!“

„Denkst du, die lass ich liegen, du Scherzkeks? Ich bringe gerade die Kugeln zurück. Wir treffen uns vorn am U-Bahn-Eingang.“

„Lulle! Was soll denn der Quatsch –“ Aber er hatte schon aufgelegt.

Ich rief ihn zurück.

„Mach hinne“, sagte Lulle bloß. „Mein Magen tanzt Pogo, Alter.“ Knack, war die Verbindung wieder unterbrochen.

Ich starrte das schimmernde Display an.

Dann ging vorn die Toilettentür, und ich zuckte so heftig zusammen, dass mir die Salbe auf die schmuddeligen Fliesen fiel.

Scheiße! Scheißdreck!

Ich steckte mein Handy weg und hob die Tube wieder auf. Ich checkte den Riegel der Kabinentür. Zugeschoben. Gut. Auf der anderen Seite der weiß beschichteten Tür war zu hören, wie sich jemand in eines der Stehbecken erleichterte. Dann das Rauschen der Wasserspülung, dann weiter weg der Wasserhahn.

Okay. Ich wickelte rasch die Binde ab. Ich hatte meiner Hand viel zu viel zugemutet heute Nacht. Es wurde höchste Zeit, dass ich frische Salbe auftrug. Das darin enthaltene Lokalanästhetikum war ein Segen.

Ich legte das weißliche Knäuel zu den Klammern auf meine Schenkel und griff nach der Tube.

Im Vorzimmer flog die Tür auf, krachte gegen die Wand.

Rasch klaubte ich die Sachen wieder aus meinem Schoß und zog die Füße auf die Kloschüssel hoch.

Schritte waren keine zu hören, aber plötzlich Finbars Stimme: „Fine, wanker! Get out!“ Na schön, du Wichser! Komm raus!

Mein Herz krampfte sich so fest zusammen, dass ich es hören konnte.

„Komm raus, hab ich gesagt!“ Finbar schlug wummernd gegen die Tür der Nachbarkabine.

„Also so schon mal gar nicht“, grollte es nebenan. „Bring dir halt nächstes Mal ein Töpfchen mit.“

Sorry, chap.“ Entschuldige, Kumpel.

Ich musste grinsen, verhielt mich aber still, atmete durch den Mund.

Oben über dem Rand der Kabine tauchten Finbars fleischige Finger auf. Offensichtlich versuchte er, sich hochzuziehen. Das Gestell, in dem die Platten aufgehängt waren, ächzte, und ich sah die ganze Chose schon nach außen wegbrechen. Aber sie hielt.

Dann verschwanden die Finger wieder.

Fucking damned shit“, drang Finbars Stimme durch den breiten Türspalt unten. Aber er ging mit dem Kopf nicht bis auf den Boden runter. Dann war ein Ächzen zu hören, als er sich wieder aufrichtete und noch einmal die Tür probierte. „He must have been here. Damned fucking wanker boy!“ Er ist hier gewesen, der verfluchte kleine Wichser. „A Backdoor perhaps?“ Durch die Hintertür vielleicht?

Ich hätte am liebsten tief durchgeatmet vor Erleichterung. Aber ich verkniff es mir. Noch ein paar Sekunden Stille, und ich hatte es geschafft.

Da fiel mir das Handy ein.

Oh nein. Nein, nein, nein. Warum hatte ich es nicht endlich stumm geschaltet? Wenn jetzt Lulle anrief …

Ich legte vorsichtig den Krempel wieder in meinen Schoß – dass jetzt bloß nichts runterfiel! – und schob die Hand in die Hosentasche. Meine Finger berührten gerade das glatte Metall, da ging der Standard-Klingelton los, den ich nie verändert hatte.

„Harr!“, grollte Finbar prompt. „Ich will mein Geld, du kleiner Wichser!“

Dein Geld?“, sagte ich. „Das hast du verloren, Mann! Lass mich in Ruhe!“ Es klang leider nicht annähernd so selbstbewusst, wie ich es gern gehabt hätte; meine Stimme schlug um dabei.

Finbar klatschte die flache Pranke gegen die Tür. „Das Geld her! Sofort! Hörst du!“ Immer wieder schlug er gegen die Tür, immer wieder klingelte das Handy.

Ich setzte die Füße auf den Boden. „Was soll der Quatsch? Bist du ein schlechter Verlierer oder was?“ Ich bekam die Salbe nicht zu, darum stopfte ich Deckel und Tube einfach so in die Hosentasche. „Spielschulden sind Ehrenschulden und so weiter – schon mal davon gehört?“ Ich versuchte, wenigstens rasch noch den Verband um die Hand zu wickeln.

„Ehre?“, brüllte Finbar. „Du erzählst mir was von Ehre? Ich wäre nie so hoch gegangen, wenn ich gewisst hätte, dass du der Boy in Black bist! Ihr Penner habt mich getrickt!“

Für einen Moment war ich trotz meiner Angst geschmeichelt. Der Junge in Schwarz? So nannten sie mich?

Auf einmal hörte das Wummern wieder auf, einen Moment später auch das Handyklingeln. Die Mailbox hatte übernommen.

„Kommst du jetzt raus oder muss ich zu dir reinkommen?“

„Ich hab das Geld doch gar nicht mehr, Mann! Das hat mein Kumpel. Und der ist schon weg!“

Endlich schaffte ich es, mir die ersten Lagen Mull um das Handgelenk zu wickeln.

No fucking college kids fuck around with Finbar P. Blaylock II.”, erklärte der Amerikaner vor der Tür. Es klang beängstigend ruhig.

Dann ertönte ein Urschrei, und dann barst die Klotür. Sie flog auf, knapp an meiner kranken Hand vorbei, knallte gegen die Kacheln und schlug den Papierhalter entzwei und prallte wieder zurück gegen den Amerikaner, der die geplatzte Faserplatte abfing und einen Schritt ins Klo machte und mich an der Front meines lächerlichen Pullovers hochzog.

„Ich mach dich so was von fertig, Freundchen!“, knurrte er und drehte sich, so dass ich mit dem Schulterblatt und dem Hinterkopf an der Türzarge entlangschrammte.

Ich versuchte, ihm das Knie in die Eier zu rammen, aber auf einmal baumelte ich in der Luft, gepackt an Pullover und Hosenbund, und krachte an der gegenüberliegenden Wand in ein Stehbecken. Ich bekam gerade noch die Unterarme nach vorn und konnte mein Gesicht schützen. Greller Schmerz schoss mir die Ellbogen rauf, meine Rippen bekamen auch etwas ab, und mein ganzer Kopf war auf einmal mit dem stechenden Parfüm des Klosteins erfüllt.

„Wenn dein Kumpel das Geld hat, dann zahlst du eben mit Blut“, sagte Finbar über mir.

Ich bekam einen Tritt in die Seite, der mich in den Durchgang zum Vorraum rutschen ließ. Ich versuchte, von Finbar wegzukommen, aber der packte mich am Kragen und hinten am Hosenbund und klaubte mich auf wie einen Müllsack.

„Für jeden einzelnen Euro wirst du zahlen.“

Er schleuderte mich Richtung Heizkörper, und diesmal bekam ich die Hände nicht mehr rechtzeitig nach vorn.

Das Letzte, was ich sah, waren die hellen Bodenfliesen mit den grauen Rillen dazwischen. An den Aufprall kann ich mich nicht erinnern. Da ist nur dieses riesige Gitter vor mir, dunkelgrau vor dem hellen, bezogenen Himmel. Es füllt mein ganzes Gesichtsfeld aus. Nichts bewegt sich. Diese Erinnerung ist eingefroren wie ein Standbild aus einem Film.


Fortsetzung folgt.

Und die Geschichte von Anfang an lesen kann man ab hier.


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(Dieser Roman entsteht derzeit in seiner Rohfassung und wird hier kapitelweise eingestellt. Kommentare, Verlinkungen, Weiterempfehlungen sowie private Kopien sind gern gesehen. Ansonsten gilt: Alle Rechte bei Frank Böhmert; über Nutzungsrechte können wir reden.)

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