Freitag, 26. August 2011

Gelesen: T.H. White, DAS BUCH MERLIN (GB 1977)

T. H. Whites Hauptwerk DER KÖNIG AUF CAMELOT, zwischen 1938 und 1958 in vier Einzelbänden erstmals erschienen, bleibt auch mit diesem noch während des Zweiten Weltkriegs verfassten, aber erst posthum verlegten Abschlussband ein sehr merkwürdiges Gebilde. "Merkwürdig" im Sinne von "eigentümlich".

Es passiert eigentlich gar nichts Neues, der alte König Arthur durchlebt dank Merlins Zauber im Rahmen einer Bildungsreise wieder verschiedene Tierexistenzen wie bereits im ersten Band, und das Ganze hat mehr von einem Traktat als von einem Roman. Es wird viel nachgedacht und geredet: "Das Thema heißt Krieg und wie er gestoppt werden kann", hat White es einmal trefflich zusammengefasst.

Dank der skurrilen Gesprächsrunde (greiser König; Zauberer, der rückwärts durch die Zeit lebt; diverse sprechende Tiere mit arttypischen Eigenheiten) ist die Lektüre aber vergnüglich und nicht etwa zäh.

Hier eine gute Stelle von Seite 159ff; als erstes spricht König Arthur, dann Merlin:

"Noch eine Frage, bevor wir aufbrechen. Ihr habt gesagt, daß Politik unzulässig sei, aber sie scheint so eng mit der Frage der Kriegsführung verbunden, daß sie in gewissem Maße berücksichtigt werden muß. Zu einem früheren Zeitpunkt habt Ihr behauptet, ein Kapitalist zu sein. Seid Ihr Euch da sicher?"


"Wenn ich es gesagt habe, Eure Majestät, dann habe ich es nicht gemeint. Der Dachs redete mit mir wie ein Kommunist aus den zwanziger Jahren, das hat mich gezwungen, zur Selbstverteidigung wie ein Kapitalist zu reden. Ich bin ein Anarchist wie jeder vernünftige Mensch. Tatsächlich wird die Menschheit feststellen, daß Kapitalisten und Kommunisten sich im Lauf der Zeit so modifizieren, daß man sie schließlich so wenig voneinander unterscheiden kann wie die Demokraten; und was das angeht, so werden auch die Faschisten sich modifizieren. Doch wie sich diese drei Zweige des Kollektivismus auch krümmen und drehen mögen und wie viele Jahrhunderte lang es ihnen gelingen mag, sich gegenseitig aus kindischer Wut abzuschlachten, es bleibt die Tatsache, daß alle Formen des Kollektivismus im Blick auf den menschlichen Schädel Irrwege sind. Das Schicksal des Menschen ist ein individualistisches Schicksal, und in diesem Sinn habe ich möglicherweise eingeschränkte Zustimmung zum Kapitalismus impliziert, falls ich das impliziert haben sollte. Der verhaßte viktorianische Kapitalist, der dem Individuum zumindest einen gewissen Spielraum einräumte, war in seiner Politik wahrscheinlich futuristischer als all die neuen Systeme, nach denen man im zwanzigsten Jahrhundert schrie. Er war ein Mann der Zukunft, weil der Individualismus in der Zukunft des menschlichen Gehirns liegt. Er war nicht so altmodisch wie die Faschisten und Kommunisten. Aber natürlich war er dennoch ziemlich altmodisch, und deshalb ziehe ich es vor, Anarchist zu sein: das heißt, ein Mann auf der Höhe der Zeit. Erinnert Euch, daß die Gänse Anarchisten sind. Sie erkennen, daß der sittliche Verstand von innen kommen muß, nicht von außen."


"Ich dachte", sagte der Dachs wehmütig, "daß Kommunismus ein Schritt zur Anarchie sein sollte. Ich dachte, wenn der Kommunismus richtig verwirklicht wäre, würde der Staat verfallen."


"Das hat man mir auch erzählt, aber ich bezweifle es. Ich verstehe nicht, wie man ein Individuum emanzipieren kann, indem man zuerst einen allmächtigen Staat schafft. In der Natur gibt es keine Staaten, außer bei Monstrositäten wie den Ameisen. Mir scheint, daß Menschen, die Staaten schaffen -- wie Mordred es mit seinen Schlägern versucht --, sich leicht mit ihnen identifizieren und deshalb nicht mehr herauskommen können. Aber vielleicht stimmt, was du sagst. Ich hoffe es. Jedenfalls sollten wir diese zweifelhaften Fragen der Politik den anrüchigen Despoten überlassen, die sich darum kümmern. In zehntausend Jahren mag die Zeit gekommen sein, daß die Gebildeten sich mit solchen Themen beschäftigen, doch unterdessen müssen sie abwarten, bis die Rasse erwachsen geworden ist. Wir haben heute abend als Schiedsrichter eine Lösung für das Spezialproblem der Gewalt angeboten: die offensichtliche Plattitüde, daß der Krieg auf das Nationaleigentum zurückgeht, mit dem Zusatz, daß er von bestimmten Drüsen stimuliert wird. Damit wollen wir es in Gottes Namen im Moment bewenden lassen."

Sehr sinnlich und kunstvoll übersetzt hat das Buch Irmela Brender, die sozusagen meine Lehrerin gewesen ist: Durch ein mehr oder weniger zufällig belegtes Seminar bei ihr ging Mitte der 1990er Jahre meine Übersetzerlaufbahn überhaupt erst los.

Diesen Fünfteiler lese ich bestimmt irgendwann noch mal!


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Weiterführende Links:

  • Die Vorbände habe ich hier und hier besprochen.
  • Der Wikipedia-Eintrag zu T.H. White ist hier zu finden.
  • Auch Irmela Brender hat einen Wikipedia-Eintrag, hier.
  • Dass "der Krieg ... von bestimmten Drüsen stimuliert wird", findet sich ganz aktuell bei Jane Goodall, zum Beispiel hier in einem Interview, wo sie über Kriegsführung und Völkermord unter Schimpansen berichtet. (Den Hinweis auf das Interview wiederum verdanke ich Zettels Raum, hier.)
(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar)

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