Sonntag, 14. August 2011

Gelesen: Stephen Vizinczey, WIE ICH LERNTE, DIE FRAUEN ZU LIEBEN (CAN 1965)

Worum geht's?

Um die Liebeleien eines Ungarn sowie um ein Flüchtlingsschicksal. Oder, um die einleitenden Sätze des Autors zu zitieren: "Dieses Buch ist für junge Männer geschrieben und älteren Frauen gewidmet -- und die Verbindung zwischen beiden ist mein Thema."

Wie ist das Buch geschrieben?

Als fiktive Memoiren. Also in Ich-Form.

Was gefiel nicht so?

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Was gefiel?

Die Warmherzigkeit. Die Klugheit. Die Selbstbespöttelung. Dass der Roman voll in die Zeitgeschichte eingebettet ist: Passagen über das Leben in einer Diktatur und als Flüchtling bilden einen scharfen Kontrast zur "Erziehung des Herzens". Oder der tiefer gelegenen Regionen.

Gute Stelle?

Aus der Einführung, "An junge Männer ohne Geliebte", S. 19ff. Der Ich-Erzähler hat sich einige Szenen lang bei Kindheitserinnerungen aufgehalten:

Wenn ich bei diesen immer noch funkelnden Bruchstücken meiner Erinnerung verweile, dann zum einen, weil ich es angenehm finde, an sie zu denken, aber auch, weil ich überzeugt bin, dass viele Jungen sich ihre besten Jahre -- und den Charakter -- durch die irrige Vorstellung verderben, man müsse ein hartgesottener Bursche sein, um ein richtiger Mann zu werden. Also gehen sie in den Fußballverein oder in eine Hockeymannschaft, um sich erwachsen zu fühlen, wo ihnen doch eine leere Kirche oder eine verlassene Landstraße weit mehr helfen könnte, ein Gespür für die Welt und für sich selbst zu entwickeln. Die Franziskanermönche mögen es mir nachsehen, wenn ich nun sage, dass ich nie in der Lage gewesen wäre, Frauen in dem Maße zu verstehen und zu genießen, wenn die Kirche mich nicht gelehrt hätte, erhebende Gefühle und Ehrfurcht zu empfinden.


[...]


Nach einer Weile begann ich die Nachmittage herbeizusehen, an denen die Freundinnen meiner Mutter kamen, meinen Kopf mit ihren warmen, weichen Händen umschlossen und mir sagten, was für dunkle Augen ich habe: Von ihnen berührt zu werden oder sie zu berühren, löste in mir einen freudigen Schwindel aus. Ich versuchte, es mit dem Mut der Märtyrer aufzunehmen, und hüpfte an ihnen hoch, um sie zur Begrüßung zu küssen oder zu umarmen. Die meisten von ihnen reagierten überrascht oder verwirrt. "Güter Himmel, Erzsi, ist dein Sohn ein nervöser Hüpfer!", meinten sie zu meiner Mutter. Die eine oder andere von ihnen wurde sogar misstrauisch, vor allem wenn ich es so einrichtete, dass meine Hände auf ihren Brüsten landeten -- was aus irgendeinem Grund aufregender war, als ihre Arme zu berühren. Trotzdem endeten solche Vorfälle immer in Gelächter. Ich kann mich nicht erinnern, dass die Frauen sich jemals lange mit etwas befassten. Ich liebte sie alle, aber am ungeduldigsten erwartete ich immer die Schwester meines Vaters, Tante Alice, eine etwas pummlige, vollbusige Blondine mit einem umwerfenden Parfum und einem runden, schönen Gesicht. Sie hob mich jedes Mal hoch, blickte mich mit einer Mischung aus gespieltem Ärger und, wie ich meine, Koketterie, in die Augen und tadelte mich mit streng-sanfter Stimme: "Du willst mir an den Busen, du Teufel!"


Tante Alice war die Einzige, die mir als gewichtiger Persönlichkeit den gebührenden Respekt zollte. Nachdem ich in meiner Phantasie der erste ungarische Papst geworden und den Tod eines Märtyrers gestorben war, sah ich mich selbst bereits als großen Heiligen, der vorübergehend in der Kindheit gestrandet war. Und obwohl mir Tante Alice eine andere Art von Größe zubilligte, indem sie mich einen Teufel nannte, spürte ich, dass wir im Innersten dasselbe meinten.


Um meine Mutter hin und wieder zu entlasten, nahmen ihre Freundinnen mich manchmal auf lange Spaziergänge oder gelegentlich ins Kino mit. Meine Tante war allerdings die einzige, die mich nicht einfach nur mitnahm, sondern mich um ein Rendezvous bat. "Na, mein hübscher Kavalier", sagte sie voller Vorfreude, "führst du mich ins Kino aus?" Ich erinnere mich noch deutlich an den Tag, an dem ich zum ersten Mal in langen Hosen mit ihr ausging. Es war ein sonniger Samstagnachmittag im späten Frühling oder Frühherbst -- kurz bevor die Amerikaner in den Krieg eintraten, denn wir wollten uns Der Zauberer von Oz ansehen. Ich hatte meinen Erwachsenenanzug erst ein paar Tage zuvor bekommen und brannte darauf, ihn Tante Alice vorzuführen, der er bestimmt gefallen würde. Als sie schließlich in einer Parfum- und Puderwolke eintraf, war sie so damit beschäftigt, meiner Mutter die Gründe für ihre Verspätung zu erklären, dass sie meine neuen Hosen gar nicht bemerkte. Erst als wir gehen wollten, stieß sie ein kehliges "Aaaahh!" aus und trat einen Schritt zurück, um mich mit den Augen zu verschlingen. Ich bot ihr meinen Arm an, und als sie sich unterhakte, sagte sie: "Ich habe heute den hübschesten Begleiter. Sieht er nicht wie sein Vater aus, Erzsi?"


Gerade gingen wir Arm in Arm wie ein glückliches Paar zur Tür, als ich plötzlich die Stimme meiner Mutter hörte: "András, hast du auch nicht vergessen, Pipi zu machen?"


Ich verließ die Wohnung mit Tante Alice und schwor mir, nie mehr zurückzukommen. Selbst die beschwichtigenden Worte meiner blonden Begleiterin klangen empörend herablassend, und während wir die Treppe hinuntergingen, überlegte ich, wie ich das alte Gleichgewicht in unserer Beziehung wiederherstellen könnte. Kurz bevor wir auf die Straße traten, kniff ich sie in den Hintern. Sie tat zwar so, als habe sie es nicht bemerkt, wurde aber knallrot. Da beschloss ich, Tante Alice zu heiraten, sobald ich erwachsen war, denn sie verstand mich.

Zu empfehlen?

Aber ja.

Wo aufgestöbert?

Bei Real im Ramsch.

Etwas Besonderes aus der Lektüre mitgenommen?

Höchstens das: Auch Bücher ohne starken Plot können fesselnd und vergnüglich sein.


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