Dienstag, 2. August 2011

Gelesen: Lewis Shiner, SCHATTENKLÄNGE (USA 1993)

Worum geht's?

Ein Althippie kann auf seiner Stereoanlage legendäre verschollene oder nie vollendete Schallplatten hörbar machen. Als es ihm nicht nur gelingt, sie mitzuschneiden, sondern sogar selbst in die Zeit der Aufnahmen zurückgehen, beschließt er, die Geschichte der 1960er Jahre zu ändern.

Wie ist das Buch geschrieben?

In Ich-Form aus der Sicht des Hippies.

Was gefiel nicht so?

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Was gefiel?

Die Musik. Die teilweise schmerzhafte Genauigkeit, mit der der Ich-Erzähler seine Geschichte erzählt: Er will begreifen, warum ihm sein Leben so entglitten ist, und es neu anpacken. Außerdem gefiel mir der liebevolle, aber nichts weichzeichnende Blick auf die Hippiekultur.

Gute Stelle?

Seite 331. In einer Londoner Kneipe mit Jimi Hendrix:

Wir traten durch eine Feuertür in eine Gasse hinter dem Klub. Sie war rotgemauert und finster, und die Nacht war frisch geworden. "Uuuuuh, Mann", sagte Jimi. "Ich weiß nicht, ob ich mich jemals an das Wetter hier drüben gewöhnen werde. Das soll September sein, kannst du das glauben?"


Ich nickte. "Paß auf, es wird sich für dich seltsam anhören, egal, wie ich es sage. Ich weiß keine andere Möglichkeit, als einfach damit rauszuplatzen, okay?"


"Ja, okay. Wie du meinst."


Ich hockte mich hin, und Jimi hockte sich neben mich, die riesigen Hände unter seine Achseln geklemmt. Ich sah auf die Steine zu meinen Füßen und sagte: "Ich weiß, du bist für mehr Dinge offen als die meisten Menschen. UFOs und Magie und spirituelle Sachen. Wenn ich in deinen Ohren verrückt klinge, könntest du mir vielleicht, ich weiß nicht, trotzdem eine Chance geben, dich zu überzeugen."


Ich wußte, daß ich loslegen und es sagen mußte, sonst würde ich seine Aufmerksamkeit verlieren. "Ich komme aus der Zukunft, und ich kann es beweisen."


"O Mann."


"Ich weiß Dinge, die absolut niemand wissen kann. Ich weiß, daß du wieder mit Chas Chandler arbeiten willst. Ich weiß, daß du nach dem Gerichtstermin am Freitag nach New York fliegen willst, um die Bänder von First Rays of the New Rising Sun zu holen und sie herzubringen, damit du mit Chas daran arbeiten kannst, um die Platte fertigzustellen und dann mit Miles Davis spielen zu können."


Jimi sah mich entsetzt an. Ich erschreckte ihn nicht gerne, haßte es, wie ein Besessener zu klingen. "Wer bist du?", fragte er.


"Mein Name ist Ray Shackleford. Ich komme aus dem Jahr 1989. Ich will dir das Leben retten."

Zu empfehlen?

Aber ja. Ich habe es gerade zum fünften Mal gelesen, angeregt durch Amy Winehouses Tod. Es ist ein wunderbares Buch über Musik, übers Erwachsenwerden, übers Nüchternwerden. Und gleichzeitig eine der tollsten Liebesgeschichten, die ich kenne, mit einer unglaublich starken Frauenfigur: Missbrauchsopfer, trockene Alkoholikerin; eine Frau, die absolut weiß, was sie will und was sie nicht will.

Das Buch hat sehr viel gemeinsam mit einem weiteren meiner Lieblingsbücher, ARMAGEDDON ROCK von George R.R. Martin, nur dass es im besten Sinne erwachsener ist.

Wo aufgestöbert?

Jörn Ingwersen hat es übersetzt und mir damals ein Belegexemplar geschenkt. Da ich schon Shiners VERLASSENE STÄDTE DES HERZENS gelesen und gar nicht schlecht gefunden hatte, wollte ich auch SCHATTENKLÄNGE probieren. Und habe damit ein Meisterwerk gefunden.

Jörn war, da selbst Musiker (hier könnt ihr ihn mit One Trick Pony sehen), übrigens genau der Richtige für die Übersetzung!

Etwas Besonderes aus der Lektüre mitgenommen?

Bücher, in denen die Helden etwas Grundlegendes über sich selbst kapieren, sind das Größte.

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar)

1 Kommentar:

Viktor hat gesagt…

"Bücher, in denen die Helden etwas Grundlegendes über sich selbst kapieren, sind das Größte". Wohl wahr! Leben auch - und sogar noch mehr. (Nicht eitel gemeint)
Morrisons jam session Aufnahme mit Hendrix ging mir, einmal gehört, nie aus dem Kopf. Traurig, ohne Schönheit.
Hm, erwachsener als das wunderbare, großartige, fabelhafte "Armaggedon Rock"? Ob ich da noch Zielgruppe bin?

Kaputten lieben Gruß von nebenan.