Freitag, 12. August 2011

Gelesen: Andreas Steinhöfel, RICO, OSKAR UND DIE TIEFERSCHATTEN (D 2008)

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar)

Worum geht's?

Um die Ferienabenteuer eines Kreuzberger Jungen. Als dessen Kumpel entführt wird, geht es ans Eingemachte.

Wie ist das Buch geschrieben?

Aus der Sicht des "tiefbegabten" Rico und in Form eines Ferientagebuchs. Nicht ganz einfach zu lesen, weil Rico die Wörter nicht immer so verwendet, wie es NormalMittelbegabte in der Schule lernen, und außerdem gern abschweift. Aber dadurch ist das Buch unglaublich witzig und atmosphärisch dicht.

Was hat nicht so gefallen?

Der Kriminalfall taugt nicht so wirklich. Kommissar Zufall hat viel zu tun.

Was hat gefallen?

Mit welcher Unbekümmertheit sich Andreas Steinhöfel der seltsamen oder "asozialen" Lebensformen annimmt, die in Kreuzberg kreuchen und fleuchen. Das ist Kiezliteratur im besten Sinne!

Und natürlich die brillant durchgezogene Erzählperspektive. Respekt!

Gute Stelle?

Seite 10 ff. gibt einen guten Einblick:

[...] ich klopfte bei Fitzke. Man muss immer bei Fitzke klopfen, seine Klingel ist nämlich kaputt, vermutlich schon seit 1910, als das Haus gebaut wurde.

Warten, warten, warten.

Schlurf, schlurf, schlurf hinter der dicken Altbautür.

Dann endlich Fitzke in Person, wie üblich in seinem dunkelblauen Schlafanzug mit den grauen Längsstreifen. Sein Knittergesicht war voller Bartstoppeln und in alle Richtungen standen ihm die strähnigen grauen Haare vom Kopf ab.

Echt, so was Ungepflegtes!

Ein dumpfer, muffiger Geruch schlug mir entgegen. Wer weiß, was der Fitzke da drin lagert. In seiner Wohnung, meine ich jetzt, nicht in seinem Kopf. Ich versuchte, unauffällig an ihm vorbeizugucken, aber er versperrte die Sicht. Mit Absicht! Ich war schon in jeder Wohnung im Haus, nur in Fitzkes nicht. Er lässt mich nicht rein, weil er mich nicht leiden kann.

"Ah, der kleine Schwachknopf", knurrte er.

Ich sollte an dieser Stelle wohl erklären, dass ich Rico heiße und ein tiefbegabtes Kind bin. Das bedeutet, ich kann zwar sehr viel denken, aber das dauert meistens etwas länger als bei anderen Leuten. An meinem Gehirn liegt es nicht, das ist ganz normal groß. Aber manchmal fallen ein paar Sachen raus, und leider weiß ich nie vorher, an welcher Stelle. Außerdem kann ich mich nicht immer gut konzentrieren wenn ich etwas erzähle. Meistens verliere ich dann den roten Faden, jedenfalls glaube ich, dass er rot ist, er könnte aber auch grün oder blau sein, und genau das ist das Problem.

In meinem Kopf geht es manchmal so durcheinander wie in einer Bingotrommel. Bingo spiele ich jeden Dienstag mit Mama im Rentnerclub Graue Hummeln. Die Hummeln haben sich in den Gemeinderäumen der Kirche eingemietet. Ich hab keine Ahnung, warum Mama so gern dorthin geht, da treiben sich nämlich wirklich fast nur Rentner herum. Manche gehen, glaube ich, nie nach Hause, denn sie haben jeden Dienstag dieselben Klamotten an, so wie der Fitzke seinen einzigen Schlafanzug, und ein paar von ihnen riechen komisch. Vielleicht findet Mama es einfach nur toll, dass sie beim Bingo so oft gewinnt. Jedes Mal strahlt sie, wenn sie auf die Bühne geht und zum Beispiel so eine billige Plastikhandtasche abholt -- eigentlich sind es fast immer billige Plastikhandtaschen.

Die Rentner kriegen das selten mit, viele von denen pennen nämlich irgendwann über ihren Bingokärtchen ein oder sind sonst wie nicht richtig bei der Sache. Erst vor ein paar Wochen saß einer von ihnen ganz ruhig am Tisch, bis die letzten Zahlen durch waren. Als die anderen gingen, stand er nicht auf, und als schließlich die Putzfrau ihn zu wecken versucht hat, war er tot. Mama hat dann noch überlegt, ob er vielleicht schon den Dienstag zuvor gestorben war. Mir war er auch nicht aufgefallen.

"Tach, Herr Fitzke", sagte ich, "ich hoffe, ich habe Sie nicht geweckt."

Zu empfehlen?

 Und wie!

Wo aufgestöbert?

Das Buch hat mein jüngerer Sohn neulich mal geschenkt bekommen. Dann hat sich meine Liebste dermaßen lautstark darüber beömmelt, dass ich es auch lesen musste.

Etwas Besonderes aus der Lektüre mitgenommen?

Dass man immer einfach sein Zeug schreiben sollte.

In den 1990ern hatte ich auch mal ein Kinderbuch über eine Entführung schreiben wollen -- davon habe ich mich damals seitens zweier Verlage abbringen lassen. Weil niemand wollen würde, dass Kinder so etwas lesen. Tschä. Jetzt in den 2010er Jahren sind solche harten Themen gang und gäbe in der Kinderliteratur, und Steinhöfel hat seine Entführungsgeschichte nicht nur verlegt bekommen, sondern auch noch den Jugendliteraturpreis dafür kassiert. Zu Recht natürlich! Weil er eben einfach sein Zeug geschrieben hat.

(Wer mehr über meinen Selbstvorwurf lesen möchte, findet die Geschichte ausführlicher hier.)

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