Montag, 15. August 2011

Die Schwitzertonsur. DER ZOCKER, Kapitel 1

(Nachtrag 02.11.11 - Der nachträglich geschriebene Prolog findet sich hier.)


So, Herrschaften. Jetzt geht es los mit meinem nächsten Roman. Ich habe inzwischen knapp die ersten zwanzig Seiten beisammen, und das erste Kapitel ist durchgewalkt genug, um es hier live vom Schreibtisch zu präsentieren.

Ich hatte zunächst ein bisschen mit einem Ich-Erzähler rumgespielt, aber ein relativ kühler auktorialer Erzähler gefällt mir besser.

Es kann sein, dass die ersten drei, vier Kapitel der Rohfassung später noch rausfliegen, falls es gilt, Tempo zu machen, aber fürs Erste sind sie mir genau richtig zur Einführung in Milieu und Hauptfigur.

Aber jetzt viel Spaß damit! Bitteschön:

Vier Tage, bevor sie nach den mutmaßlichen Mördern des Christian E. (24) zu suchen begannen, also auch nach einem jungen, schwarz gekleideten Mann mit auffallenden Blutergüssen im Gesicht, also nach M.P., stand er in einer Szenekneipe nach Getränken an, und sein Gesicht war noch heil.

Er bezahlte und bahnte sich mit den beiden doppelten Whisky und dem Weizenbier einen Weg zur Kellertreppe. Um den Tresen herum lärmte und wogte die Freitagabendmeute. Heute war Country-Nacht, und viele der Frauen hatten pink- oder lilafarbene Cowboyhüte auf oder sich schwarzweiß gefleckte Kuhfellwesten über die knappen Trägershirts gezogen. Die beiden Bartender schossen nach jedem Song mit Spielzeugpistolen in Richtung Decke. Sie hatten anscheinend eine Großhandelspackung Knallplättchenringe hinter dem Tresen stehen.

Die Miezenbar in Berlin-Mitte hatte mit dem Rotlichtmilieu zwar überhaupt nichts zu tun und tat auch nur so, als gäbe es sie schon seit den frühen 1960ern, aber sie war eine Institution unter der englischsprachigen Bevölkerung der Stadt.

M.P. schätzte die Bar wegen ihres Peter-Stuyvesant-Designs und ihre Kundschaft wegen der dicken Portemonnaies. Work hard, party hard war deren Devise: Kräftig schuften, kräftig feiern. Die Ingenieure, Manager und Filmfritzen tranken gern und viel und hatten das Geld noch einigermaßen locker in der Tasche sitzen. Viel wert in diesen schlechten Zeiten, von denen sein Vater immer sprach.

Während er die Treppe hinunterging, war sein Gang noch recht sicher. Er blieb stehen, um eine pausbäckige Brünette mit vielen offenen Knöpfen an der Bluse durchzulassen. Sie lächelte im Vorbeigehen, aber ihr Blick war leer wie der einer Puppe und auf eine Stelle neben seiner Schläfe gerichtet.

Lag bloß an diesen Klamotten, zweifelsohne.

Statt seiner schwarzen Tuchhosen trug er Schlabberjeans und über seinem dunkelblauen Hemd mit den schmalen weinroten Streifen kein Jackett, sondern ein grünes Sweatshirt mit irgendeinem Pseudo-Jagdclubemblem auf der Brusttasche.

Er sah aus wie ein Idiot.

Was natürlich Absicht war, aber ihm trotzdem nicht gefiel. Als er noch nicht so bekannt gewesen war und die einschlägigen Läden einfach in seinem üblichen Outfit hatte abgrasen können, war das Leben schöner gewesen.

Und dazu noch dieser blöde Verband um seiner rechten Hand.

Er erreichte den Keller und fing an, leicht zu torkeln. Dazu setzte er ein dümmliches Grinsen auf.

Die Miezenbar verfügte über zwei Billardtische. Zum einen über den üblichen kleinen Kneipentisch, auf dessem roten Tuch die normalen Gäste herumpieksen und mit ihren Bieren kleckern durften, zum anderen über einen bildschönen Brunswick mit dickem Tuch aus 100 % Wolle, den die Betreiber persönlich aus den Staaten importiert hatten. Der Durchgang zu diesem Pooltisch war mit einer Absperrkordel verhängt, und an der Wand hing ein Schild: Members only. Nur für Mitglieder. Das klang exklusiver, als es war. Als Mitgliedsnachweis diente der mitgebrachte eigene Queue.

An diesem Tisch zockten Lulle und ein Amerikaner gerade 9-Ball.

M.P. warf einen Blick auf die Kugeln und hielt die Getränke hoch. „Nachschub, Leute.“

Lulle machte ihm auf, und M.P. hielt dem Amerikaner sein Aventinus hin.

Nach dem ersten bist du auf den Geschmack gekommen, nach dem zweiten geht’s dir richtig gut, nach dem dritten hast du Lust, die ganze Welt aufs Kreuz zu legen, nach dem vierten weißt du nicht mehr, wo du bist, und nach dem fünften weißt du nicht mehr, WER du bist!

So hatte es ihm der langhaarige Wirt vom Bermudadreieck einmal mit seinem Zahnlückengrinsen erklärt. Und M.P. hatte ihm nach einem Selbstversuch in Sachen Weizenbock rechtgeben müssen.

Das Bier, das der Amerikaner ihm gerade abnahm, war dessen viertes.

Der Kerl war reif. Fällig war der.

I’m Finbar“, hatte er vor über dreieinhalb Stunden zu ihnen gesagt. „Irish name. Fin wie Finnland und Bar wie Kneipe, haha.“

M.P. nahm eines der beiden Whiskygläser, die er in der verbundenen Hand getragen hatte, und gab es Lulle. Lulle trug zwar eines dieser Klobrillenbärtchen zu seiner fast echten Glatze, war aber trotzdem cool. Er sah nach weniger Geld und mehr Arbeit aus, als er hatte. Und im Gegensatz zu M.P. quälte er sich längst nicht mehr mit dem Gymnasium herum, sondern hatte sich vor Jahren für BWL eingeschrieben, um in Ruhe zocken zu können. Er lebte davon.

„Der Kerl macht mich fertig“, sagte er mit leicht hysterisch klingender Stimme und wies mit dem Glas auf Finbar. „Der stampft mich in Grund und Boden, stampft der mich.“

Finbars Grinsen spaltete seinen rötlichblonden Vollbart. Der Amerikaner, klein und zur Rundlichkeit neigend, trug khakifarbene Arbeitshosen mit Bügelfalte und ein dunkelbraunes Flanellhemd. Die Ärmel hatte er halb auf die behaarten Unterarme hochgerollt, so dass seine feiste Rolex zu sehen war. Das locker sitzende Metallarmband hatte eine haarlose Zone um sein Handgelenk rasiert. Die Schwitzertonsur.

Country-Nacht bei den Miezen, dachte M.P. Hey-di-ho.

Er prostete Finbar zu.

Skol!“, machte der Amerikaner und trank.

Sie hatten ihn geduldig aufgebaut, zunächst mit kleinen Beträgen und langen Sätzen. Er beugte sich über den Tisch, pendelte mit dem Oberkörper hin und her, um die richtige Bahn zu finden, dann setzte er an und stieß.

Zufrieden richtete er sich wieder auf. „Ah, beauty in motion!“, sagte er. Wie schön das rollt.

Lulle fluchte und warf einen zerknitterten 50-Euro-Schein auf das grüne Tuch. Er begann, seinen Queue auseinanderzuschrauben.

„Hey, was ist los?“, fragte Finbar und kassierte den Schein ein. „Hast du die Hosen voll, was?“

„Gestrichen“, sagte Lulle und leerte seinen Southern. Er fingerte nach seinen Zigaretten, stellte umständlich fest, dass die Schachtel leer war, und sah sich mit glasigen Augen um.

Der Amerikaner hielt ihm sein weiches Päckchen hin. „Come on, man. Come on.“ Na komm, Mann. Mach schon.

Lulle nahm eine Zigarette, zündete sie an. Blies den Rauch aus. „Forget it.“ Auf gar keinen Fall.

„Hier.“ Finbar warf den zerknitterten Fünfziger wieder hin. Er wühlte in seiner Hosentasche. Die Geldklammer, die er hervorzog, ließ M.P. schlucken. Das mussten mindestens 1.000 Euro sein. Finbar zog einen Fünfziger von der Klammer und legte ihn auf Lulles zerknitterten. Der sauber gebogene Schein schimmerte wie frisch gedruckt im Licht der drei klassischen grünen Lampenschirme.

Come on, man. Have a try.“ Na komm, Mann. Trau dich.

„Um hundert?“ Lulle hielt inne, schien nachzudenken. Dann schüttelte er den Kopf und zog den Reißverschluss seiner schmalen braunen Queuetasche zu. „Nee. Dazu bin ich viel zu besoffen.“

Der Amerikaner stierte ihn an. Sein Gesicht war gerötet, seine Augen blitzten unternehmungslustig.

Die Nacht ist noch jung, dachte M.P. Er sagte: „Lulle, mach keinen Scheiß. Hol sie dir wieder, die Kohle. Du schaffst das. Das schaffst du doch mit links, schaffst du das.“

„Vergiss es. Der Kerl ist einfach zu gut.“

„Lulle“, sagte M.P. „Das kannst du nicht machen. Da steckt auch mein Geld mit drin.“

„Dann hol du’s uns doch wieder, Mann.“

„Ja, Mann“, sagte der Amerikaner. „Hol du’s dir doch wieder.“

M.P. stand da, leicht schwankend, und tat so, als müsse er es sich durch den Kopf gehen lassen. Dabei dachte er nur eines: Tausend Euren. Mindestens. Das war kein schlechter Verdienst für einen Abend, selbst durch zwei geteilt.

„Okay.“ Er nickte dümmlich, stellte seinen Southern Comfort, an dem er kaum genippt hatte, auf das schmale Bord, das knapp in Kopfhöhe an der Wand entlangführte, und knetete seine verbundene Hand. „Ich kann’s ja mal versuchen.“

Der Amerikaner grinste siegesgewiss. „Aber erst zeigen.“

M.P. beförderte mit vorgetäuschter Mühe etwas über sechzig Euro zutage. Er sah Lulle an.

Lulle machte ein böses Gesicht, ließ aber zwei Zwanziger aufblitzen. „Das ist mein letztes Geld, Mann.“

M.P. überlegte kurz. Er musste Finbar ausnehmen, bevor die Umdrehungen seiner Biere ihn aus den Halbschuhen fegten. Keine Siebenersätze mehr; die dauerten zu lange. Zumal die Hand wieder zu zecken anfing.

„Wie wär’s, wenn wir es ein bisschen spannender machen?“, fragte er.

„Noch spannender?“, sagte Finbar. „Ihr seid gleich pleite, Mann.“

„Ein Dreiersatz“, sagte M.P.

„Um die hundert?“ Der Amerikaner pfiff anerkennend. „Who are you? Blitzkrieg Boy?“

M.P. zuckte die Schultern und holte seinen Queue aus der Ecke, wo er ihn gegen den Feuerlöscher gelehnt hatte. Es handelte sich um einen Einteiler, der keine zwanzig Euro gekostet hatte; die meisten Spieler gaben schon mehr Geld für die Tasche aus. M.P. hingegen trug seinen Billigqueue in dem Kunststoffschlauch herum, in den er beim Kauf eingeschweißt gewesen war. Während er ihn umständlich aus der allmählich erblindenden Folie fummelte und mit der verbundenen Hand nachgriff, verzog er kurz das Gesicht. Vielleicht ein bisschen dick aufgetragen, aber was sollte es. Wenn der Kerl so zögerlich war …

Er ließ den Queue durch die verbundene Hand gleiten. „Also, wie sieht’s aus? Machst du uns nun pleite oder nicht?“

Finbar warf einen Blick auf M.P.s Verband und zwinkerte. „Okay. Meinetwegen. Ich bin nicht politically correct. Ich lasse auch Behinderte bluten …“ Er lachte auf. „Was hast du getan, kid? Zu viele Pornos geguckt, als Mom and Dad nicht zuhause waren?“

M.P. spürte, wie seine Wangen zu prickeln begannen.

Der Amerikaner hatte sogar noch die entsprechende Handbewegung dazu gemacht.

Fortsetzung folgt hier.


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(Dieser Roman entsteht derzeit in seiner Rohfassung und wird hier kapitelweise eingestellt. Kommentare, Verlinkungen, Weiterempfehlungen sowie private Kopien sind gern gesehen. Ansonsten gilt: Alle Rechte bei Frank Böhmert; über Nutzungsrechte können wir reden.)

Kommentare:

Frank W. hat gesagt…

Gefällt mir eigentlich gut als Einstieg, nur über den ersten Satz solltest Du nochmal nachdenken. Der ist zu lang und zu kompliziert, und außerdem ist "bevor sie zu ... suchen begannen" extrem unglücklich (wer "sie"?).

Frank Böhmert hat gesagt…

Da hast du recht, Frank W.! Inzwischen ist aus dem ersten Satz auch schon ein Prolog geworden, siehe den Update-Hinweis ganz oben. Ihr seid hier halt live auf der Baustelle dabei, mit Dreck und Graten und allem drum und dran. Aber solche Hinweise sind immer willkommen; unter anderem dafür mache ich das ja hier :-)