Samstag, 30. April 2011

Gelesen: Sebastian Haffner, GERMANY: JEKYLL & HYDE (GB 1940)



Worum geht's?

Ein damals noch unbekannter Emigrant versucht dem Ausland zu erklären, wie Hitlerdeutschland wirklich funktioniert -- in der Hoffnung, es so schneller in die Knie zu zwingen und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass nach dem Krieg noch etwas von dem Deutschland übrig bleibt, das nicht der Naziideologie anhängt.

Wie ist das Buch geschrieben?

Engagiert, scharf, in klarer Argumentation.

Was gefiel nicht so?

Dass es beschämende 56 Jahre gedauert hat, bis das Buch auch mal auf Deutsch rausgekommen ist.

Und dass man das Buch dann um einige Abschnitte gekürzt hat, weil diese von der Zeit überholt worden seien. Was sollte denn der Quatsch? Es wäre doch höchst interessant gewesen, zu erfahren, wie Haffner sich die Beschaffenheit des deutschen Staats nach der Niederlage vorgestellt hat! Heute eben im Sinne eines Was-wäre-wenn?-Gedankenspiels, na und? Gerade so etwas eröffnet uns doch einen freien Blick auf das, was ist, und das, was sein könnte!

Was gefiel?

Alles, was das eigentliche Manuskript betrifft. Sehr erhellende Lektüre. Dankbar war ich auch für die Fußnoten des Übersetzers. (Das Buch musste aus dem Englischen zurückübersetzt werden, da die deutsche Originalfassung in den Kriegswirren verloren ging.)

Gute Stelle?

Ab Seite 99 lässt Haffner erahnen, wie es mit Nazideutschland weitergegangen wäre. Er beschreibt die jüngere Generation, die schon vollständig unter der Nazi-Ideologie aufgewachsen ist:

Diese Generation von Nazis kennt die patriotische Gefühlsduselei nicht, die Hitler immer noch so sehr liebt. Spricht man mit diesen jungen Leuten, könnte man zuerst glauben, sie seien knallharte Anhänger der Opposition, so geringschätzig sprechen sie vom "offiziellen Geschwafel" über "Blubo", "Führer und Volk", "Kraft durch Freude", "Winterhilfe", "die versklavten Sudetendeutschen" usw. In Wirklichkeit sind sie so gute Nazis, daß sie das Geschwafel nicht mehr brauchen. Bei ihnen hat der Nationalsozialismus seine pompösen Relikte aus den Tempeln von Wagner und Makart, in denen Hitler betet, hinausgeworfen und ist rationell geworden. Was sie inspiriert und begeistert, ist die schon gar nicht mehr verheimlichte Vision von jener riesigen, uniformen Einrichtung für Arbeit, Fortpflanzung und Erholung, zu der sie die eroberte Welt machen wollen: der Traum von der Tabula rasa. Die Intelligenten unter ihnen lesen Jünger und Niekisch, und der Ausspruch des sowjetischen Marschalls Tuchatschewskij "Die Welt muß wieder nackt werden" findet bei ihnen große Resonanz.

Diese Jungen neigen nicht zu heftigen Gefühlsaufwallungen wie die älteren Nazis, die sich damit zu berauschen pflegen. Ihr Stil ist fast trocken. Für sie bedeuten Mord, Folter und Zerstörung nicht mehr das wollüstige Chaos, sondern "die neue Ordnung". Das Leben in den Räumen des Wachpersonals der Konzentrationslager ist das einer flotten, sachlichen Kameradschaft. Der Apostel dieser Generation ist nicht der etwas langweilige Führer, den sie momentan unangetastet lassen, aber über den sie sich durchaus wie über einen leicht lächerlich wirkenden alten Pauker lustig machen, sondern Himmler, der Mann der pedantischen, methodischen Vernichtung, der nie erregte, schmallippige, lächelnde, ruhige Henker mit dem Kneifer auf der Nase. Rauschning findet, daß die deutlichen ästhetischen und persönlichen Unzulänglichkeiten, die die erste Generation der Nazis verkörperte, bei der zweiten Generation nicht so auffallend sind. Nun ja, das ist eine Geschmacksfrage. Ich persönlich fände, wenn ich eine Wahl treffen müßte, diese Hysteriker trotzdem nicht ganz so abstoßend wie diese Musterschüler der Unmenschlichkeit.

Zu empfehlen?

Absolut.

Wo aufgestöbert?

Weiß ich nicht mehr. Nach der Lektüre des Buches von Erika Mann über die Erziehung im Dritten Reich wollte ich den Haffner jedenfalls auch noch lesen -- um zu erfahren, was man damals als Zeitgenosse wirklich hatte wissen können.

Etwas Besonderes aus der Lektüre mitgenommen?

Einmal das Fazit: Man hat mehr als genug wissen können, das Meiste sogar.

Zum zweiten erklärt Haffners Buch in erschreckender Ausführlichkeit, wie grauenhaft wenig man aber innerhalb dieses gleichgeschalteten, auf durchgehende Überwachung aufgebauten Maximalstaats gegen diesen hat unternehmen können, warum es keine nennenswerte Opposition mehr gab, keinen mehr als punktuellen Widerstand. Die einzige Hoffnung war, so Haffner, der Krieg.

Und noch ein persönliches P.S.: Der gute Mann ist ins Ausland gegangen, weil er zu seiner jüdischen Liebsten gehalten hat. Das sind sie, die bürgerlichen Tugenden. Mehr braucht es nicht, um Unrecht zu erkennen. Und dann noch den Mumm zum richtigen Handeln natürlich.

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