Freitag, 8. April 2011

Gelesen: Pauls Toutonghi, DIE GESCHICHTE VON YURI BALODIS UND SEINEM VATER, DER EIGENTLICH COUNTRY-STAR WAR (USA 2006). Und ein Musiktipp: Nikka Costa

Lange keinen Lesetipp mehr eingestellt. Also los:



Worum geht's?

Um einen Sohn lettischer Einwanderer. Sie sind dem amerikanischen Traum gefolgt und schlagen sich nun seit zwanzig Jahren in der Brauereistadt Milwaukee durch. Der Sohn verliebt sich das erste Mal ernsthaft. Ausgerechnet in eine Kommunistin.

Wie ist das Buch geschrieben?

Sehr warmherzig, sehr aberwitzig, sehr traurig auch. Der Sohn ist der Ich-Erzähler.

Was gefiel nicht so?

Der Versuch der Übersetzerin, das Kauderwelsch der Eltern im Deutschen nachzuformen, macht die Dialoge zunächst sehr gewöhnungsbedürftig.

Was gefiel?

Dass die Übersetzerin recht daran getan hat! Man gewöhnt sich dran, und dann trägt das Kauderwelsch extrem zum Lesespaß bei. Ein wunderbares Buch über eine wunderbar menschliche Familie; es passieren schlimme und richtig blöde Sachen, es wird richtig Scheiße gebaut, aber man liebt sich und begreift das und geht da zusammen durch.

Gute Stelle?

Diese Frage will ich jetzt mal abändern. Ich suche mir nämlich meine Bücher oft so aus, dass ich den ersten und den letzten Absatz lese. Wenn sich da ein interessanter Bogen aufspannt, will ich es lesen. Bei diesem Buch war es so. Erster Absatz:


"Mein Dad ist wieder mal betrunken und singt."

Letzter Absatz:


"Nein? Tja, hätten Sie einen Moment Zeit? Ich könnte Ihnen ein Drink einschenken. Wir könnten noch einmal von vorn beginnen."

Und tatsächlich wollte ich das, als ich das Buch ausgelesen hatte: es gleich wieder von vorn beginnen.

Zu empfehlen?

Definitiv. Eines der warmherzigsten und witzigsten Bücher, die ich in den letzten Jahren gelesen. Es hat gute Chancen, ein persönlicher Klassiker zu werden. (Also ein Buch, das ich über Jahre hinweg immer wieder lese; fünf, sechs, sieben Mal.)

Wo aufgestöbert?

Im Ramsch. Bei Mäc-Geiz. Der Titel sprang mich sofort an. (Der Originaltitel lautet übrigens RED WEATHER; keine Ahnung, ob ich mir ein Buch angeguckt hätte, das "Rotes Wetter" heißt.) Und als ich es in die Hand nahm und sah, dass da Karl Marx mit einem Cowboyhut drauf versteckt ist, musste ich das erste Mal lachen.

Etwas Besonderes aus der Lektüre mitgenommen?

Weniger Krimis lesen! Mehr Einwanderergeschichten lesen! Vor allem aber mehr Bücher lesen, die das Leben der zähen, zerbrechlichen Viecher auf diesem Planeten hier feiern!

***

P.S. Ach, ich muss euch noch ein schönes Stück Musik mit ins Wochenende geben!

Es gibt so viel schöne Musik. Die hier zum Beispiel. Vorgestern entdeckt, als ich mich fragte, was eigentlich aus der kleenen Nikka Costa geworden ist seit ihrem umwerfenden "Debüt" 2001.



Ist es nicht auch prächtig anzuschauen, wie das kleine Temperamentbündel kaum sitzen bleiben kann auf seinem Stuhl?

Normalerweise macht sie richtig lekker Krach; das geht dann z.B. so:



Eigentlich gehört so ein Juwel auf die große Bühne vom Herzberg.

Und jetzt seht zu, dass ihr das prächtigste Wochenende genießt, wo geht. Irgendwas geht immer!

Kommentare:

Dirk Steinke hat gesagt…

Zum PS: Klasse Musik und wieder mal ein Beispiel, dass man nie auslernt. Ich kannte Nikka Costa ueberhaupt nicht und dabei hoere ich eine ganze Menge Musik.
Also - Mein Dank an Frank!

Frank Böhmert hat gesagt…

Die gute Nikka Costa ist ein Kinderstar gewesen. Der Vater war Musiker und Produzent, ihre Familie hatte gesellschaftliche Kontakte en masse, ihr Patenonkel zum Beispiel hieß Frank Sinatra. Irgendwann um die Volljährigkeit herum hat sie sich von den Businessleuten emanzipiert und macht seitdem einfach die Musik, die sie machen will. Und setzt auch mal ein paar Jahre aus, weil es das Töchterchen großzuziehen gilt. Diese stille Menschlichkeit und Unabhängigkeit merkt man ihrer Musik an, finde ich. Aber das führt gleichzeitig dazu, dass sie nie der ganz große Star sein kann, trotz des Talents einer Mariah Carey oder Beoncé Knowles und wie sie alle heißen. Macht nix. Ihr nicht und den Leuten, die ihre Musik kennen, auch nicht.

Jetzt kennt sie schon wieder einer mehr. Freut mich!

Dirk Steinke hat gesagt…

Macht in der Tat ueberhaupt nix. Im Gegenteil, es macht sie umso sympatischer. Wer so auf dem Boden bleiben kann, verdient allergroessten Respekt und wenn dazu noch so ein Talent kommt... Was will man mehr?