Donnerstag, 3. März 2011

"Vielleicht das Buch, das von mir bleiben wird." Lose Gedanken zur Eschbach-Lesung in Berlin. Und ein Selbstvorwurf

Gesundheitlich angeschlagen war ich, demzufolge unter wachsendem Termindruck stand ich, aber wenn der große Kollege Andreas Eschbach endlich einmal wieder in Berlin las, moderiert noch dazu von meinem künftigen Verleger Hannes Riffel, wollte ich mir das nicht entgehen lassen! Nur das anschließende Beisammensein in einem Restaurant, das sicher noch stattgefunden hat, habe ich mir verkniffen. Es gibt also keinen Klatsch, den mir Nichteingeweihte jetzt neiden können. Bedauerlich. Ist aber so.

Eschbach las im rappelvollen Literaturforum im Brechthaus, und da er im Augenblick keine Reklame für eine Neuerscheinung machen muss ("Anfixen", nannte er das, "man liest einfach den Anfang und hört an einer spannenden Stelle auf, und ..." er machte eine gierig zugreifende Geste), gönnte er sich den Spaß, auch einmal wieder eine Szene aus seinem Erstling zu lesen, DIE HAARTEPPICHKNÜPFER. Was großartig für mich war, denn daraus hatte ich ihn noch nie lesen gehört, und es ist eines meiner drei Lieblingsbücher von ihm. (Die anderen beiden sind DER LETZTE SEINER ART und EINE BILLION DOLLAR.)

"Vielleicht das Buch, das von mir bleiben wird", sagte er im anschließenden Gespräch, und das kann ich mir gut vorstellen. "So ein Buch schreibt man nur einmal." Ja, auch das kann ich mir gut vorstellen, und es muss ein merkwürdiges Gefühl sein, das dann in einem pulst. Eine Melange aus Traurigkeit, weil ach, es ist ja schon geschrieben!, aus Staunen, weil man ein solches Buch draufgehabt hat, und aus Stolz natürlich, aber der ist brüchig, durchzogen und ausgehöhlt von der Wehmut und vom Staunen.

Über den Roman, den er gerade abgeliefert hat und der wohl im Herbst herauskommt, sagte er nichts.

Ansonsten ging's mal wieder, zum Glück nur kurz, um die leidige künstliche Trennung zwischen U- und E-Literatur.

E-Literatur, sagte Andreas unter anderem merksatzhaft, sei vor allem experimentelle Literatur.

Der Schlawiner!

Ich kenne keinen anderen erfolgreichen Unterhaltsschriftsteller in Deutschland, der so viel und fröhlich experimentiert. (Auch im Ausland fällt mir da nur Stephen King ein. Natürlich.) Im Grunde hat sich Andreas doch mit fast jedem Buch neu erfunden. Sicher, er kann wie wir alle nicht aus seiner Haut, aber im Ernst:

DIE HAARTEPPICHKNÜPFER -- eine melancholische, schreckliche Aneinanderreihung literarischer Bilder und Miniaturen

SOLARSTATION -- wie wäre STIRB LANGSAM eigentlich im Weltall? Aber mit Ich-Erzähler, bittschön! (Wenn ich mich recht entsinne.)

DAS JESUS-VIDEO -- ist noch jemandem außer mir aufgefallen, dass es sich las wie eine schlechte Übersetzung? Als hätte Andreas sich gesagt: Jetzt mache ich alles ganz genau wie in den Thrillern von Stephen King und Michael Crichton und wie sie alle heißen, aber auch ganz genau, bis in die kleinsten Redewendungen!

KELWITTS TRAUM -- der perfekte Science-Fiction-Roman für Leute, die sonst immer sagen:"Ich lese ja so etwas nicht"!

EINE BILLION DOLLAR -- wie muss man ein Buch bauen, um damit eine geballte Ladung Wissenschaft rüberzubringen?

DER NOBELPREIS -- jaha. Nun. Das ist ja wohl das Eschbachsche Experiment schlechthin. Wer es gelesen hat, wird wissen, was ich meine. Äußerst ausgebuffte Erzählerhaltung. So radikal, dass sie dem Buch nach Meinung vieler Leser, mit denen ich gesprochen habe, das Kreuz bricht.

Andreas Eschbach ist bei aller schwäbischen Unauffälligkeit, die ihm anhaftet, in meinen Augen nie auf Nummer sicher gegangen. Nie. Er begann mit einem hochliterarischen Stück SF, das in Amerika oder England von einem Robert Silverberg oder Ray Bradbury verfasst worden wäre. Dann machte er den Schlenker hinüber zum schnellen, kleinen Hard-SF-Thriller. Aber ist er da geblieben? Nein. Er ist später nochmal dahin zurückgekehrt, mit DER LETZTE SEINER ART, aber davor kam unter anderem DAS JESUS-VIDEO, sein erster -- ich nenn's mal: Breitwand-SF-Thriller. Sein bis dahin größter Erfolg, und was macht er? Schreibt als nächstes einen heiteren Roman. Und so weiter.

Und so weiter.

Gefragt, ob er denn auf Trends achtgeben würde bei der Auswahl seiner Stoffe, sagte er denn auch sinngemäß: Nein, das lohne sich nicht. Er schreibe immer das Buch, das ihm gerade am meisten fehle in der Buchhandlung, und er sei überdies ein so langsamer Autor, dass der Trend schon immer vorbei sein dürfte, bis er mit seinem Buch fertig sei.

Er schreibe immer das Buch, das ihm gerade am meisten fehle.

Eine großartige Haltung.

Und eine Haltung, die ich über Jahre hinweg, wie ich vor einigen Jahren im Rückblick feststellen musste, nicht ernst genug nahm.

Okay, liebe Leute. Themenwechsel. Über Andreas Eschbach werdet ihr in diesem Eintrag nichts mehr erfahren. Wer den Spuren meines großen Kollegen durchs Internet folgt, kann jetzt gehen.

Der Rest darf mich gern bei einem Selbstvorwurf begleiten.


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Es muss so 1993, 1994 gewesen sein, da hatte ich eine Idee für eine Krimireihe im Kinder- und Jugendbuch.

Wie wäre es denn, sagte ich mir, wenn man zwar einen durchgehenden Helden hätte, der aber in jedem Buch ein Jahr älter werden würde?

Und wenn die "Fälle", die dieser "Detektiv" löst, ganz eng mit der Lebenswelt und vor allem den realen Ängsten der Kinder und Jugendlichen verbunden wären? Wenn sie sich um Entführung drehen würden, um Bandengewalt, um Missbrauch, Drogenhandel, Mobbing, Verabredungen zum Selbstmord und weiß der Geier was noch alles?

Das wäre doch mal was!

Ich erstellte ein Konzept, Handlungsabrisse und eine Textprobe und schickte das Ganze an Verlage und Agenturen.

Manche reagierten gar nicht, aber die meisten reagierten wie folgt:

Hey, Sie schreiben ja richtig gut! Aber, hm, wenn der Held in jedem Buch ein Jahr älter wird, hm, dann kriegen die Buchhändler aber Probleme mit dem Einsortieren. Und diese Fälle, hm, also jetzt mal im Ernst, also im ersten Roman über eine Kindesentführung zu schreiben, das geht nicht, das geht schon mal überhaupt gar nicht! Das ist außerhalb jeder Diskussion.

Sie wollten TKKG. Oder den neuen deutschen KALLE BLOMQUIST. Gerne auch von mir.

Wenige Jahre später dann, das wissen wir alle, kam eine britische Autorin mit einem Helden raus, der in jedem Buch ein Jahr älter wurde. Riesenerfolg. Der Bestseller schlechthin.

Und seit zwei, drei Jahren wimmeln die Programme der Kinder- und Jugendbuchverlage, das wissen zumindest alle in der Branche, von Büchern, die richtig harte Themen abarbeiten, immer an der Kante entlang, wo es weh tut. Manche entwickelten sich zu Bestsellern.

Was mich, wie man sich denken kann, schmerzt. Mich ohne jede Missgunst schmerzt.

Weil ich diese Bücher, die mir damals fehlten auf dem Markt, nie geschrieben habe. Ich habe andere Exposés erstellt, andere Textproben geschrieben. Was natürlich dazu führte, dass es diese meine tolle Krimireihe vor einigen Jahren, als die Welle plötzlich spürbar wurde, schlicht nicht gab. Ich konnte nicht einfach rasch die fertigen Manuskripte aus der Schublade holen und neu anbieten.

Der Zug war abgefahren. Für mich. (Auch ich bin, wie alle wissen, die regelmäßig meine Arbeit verfolgen, ein langsamer Autor. Außerdem fehlen mir, wo die heutigen Jugendbücher teils dermaßen finster und verstörend geworden sind, inzwischen ganz andere Bücher in der Buchhandlung.)

Das war einmal etwas, das ich richtig schön verkackt habe. Aber so richtig schön.

Darum, liebe Nachwuchskollegen, die ihr vielleicht das Blog dieses weisen alten ewigen Geheimtipps hier lest: Nehmt euch kein Beispiel an mir (indem ihr mit immer neuen Exposés irgendwelchen Verträgen hinterherhechelt, die dann doch nie kommen), sondern nehmt euch ein Beispiel am großen Kollegen Andreas Eschbach und schreibt schlicht das Buch, das euch fehlt.

Es wird nicht zu eurem Schaden sein.


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Leserpost von strega, gefunden im Perry-Rhodan-Forum:

Eigentlich wollte ich zum Beitrag "Jeden Tag eine halbe Stunde lang Schraffuren setzen. Über Leidenschaft" einen Kommentar schreiben, kann aber keinen Link zum Commentbereich finden. [...] Dann also hier. [...]

"Die Geschichte ist in dreierlei Hinsicht herausragend
1) sie liest sich wunderbar
2) sie ist lehrreich, das Spiel mit den Perspektiven fasziniert
3) die frühen Böhmerts aus den 80ern sind prima, soweit ich das aus dem Foto erkennen kann

Ich ersuche höflichst um Hochladung ausgewählter Grafiken im Blog in unregelmäßigen Abständen. [...]"

P.S.: Du bist also auch ein Tablettenvitaminist? [...]

Dass du keinen Kommentar-Link finden konntest, lieber strega, ist nicht dein Fehler. Ich habe kürzlich einmal wieder das Blog verschlankt; dabei ist, wie auch schon andere gemerkt haben, auch die Kommentarfunktion rausgeflogen. Ich möchte für dieses mein öffentliches Tagebuch hier zum guten alten Leserbrief zurückkehren. Wer mir etwas schreiben möchte, maile an frankboehmert bei web.de -- die Anschrift steht natürlich auch rechts im Impressum. Ich freue mich jederzeit über freundliche Worte, und Fragen und Anregungen greife ich gern auf, wenn es passt. [EDIT: Ich habe mich überzeugen lassen, dass das keine gute Entscheidung war. Die jüngsten Blogeinträge werden um die Kommentarfunktion ergänzt.]

Ob ich einmal ein paar von den alten Zeichnungen hier einstelle? Hm. Eigentlich nicht. Aber ich will es mir, so geschmeichelt, wie ich ob deiner Worte bin, gern durch den Kopf gehen lassen.

P.S. Nee, auf Vitamintabletten stehe ich nicht so. Aber ich kränkele, und da muss doch das eine oder andere Pillchen sein.

So. Und jetzt ruft erst der Arzt und dann die Brotarbeit.

Gehabt euch wohl!

Kommentare:

Stefan Hoffmann hat gesagt…

Hi Frank, diesem ja doch recht nachdenklichen Eintrag möchte ich einfach mal einen freundlichen digitalen Gruß hinzufügen. Hat mich sehr gefreut, dass wir uns nochmal wieder begegnet sind. Vielleicht dauerts ja diesmal keine drei Jahre, ehe man sich mal wieder über den Weg läuft. Oh, und mit deinem neuen Buch drücke ich dir und deinem zukünftigen Verleger feste die Daumen!

P.S.: Und du hast mich nicht angesteckt, das hat mich auch sehr gefreut. ;)

Frank Böhmert hat gesagt…

Ja, Stefan, das war eine sehr schöne Überraschung, dir da vor der Kasse in die Arme zu laufen! Wir sehen uns.

Peter hat gesagt…

Mh ... also wenn ich die Zeichnung sehe, dann stimmt es also doch: Philip K. Dick lebt!