Montag, 28. Februar 2011

Jeden Tag eine halbe Stunde lang Schraffuren setzen. Über Leidenschaft

Freitagabend hatte ich ein gutes Gespräch mit unserem Dreizehnjährigen am Küchentisch. Er zeichnet zur Zeit gern Schriftzüge, und ich zeigte ihm einen einfachen, aber wirkungsvollen 3-D-Effekt. Darüber kamen wir darauf, dass ich vor vielen Jahren auch mal kräftig gezeichnet habe und mich eigentlich lange Zeit hinweg nicht entscheiden konnte, ob ich lieber Comiczeichner oder Schriftsteller werden wollte.

Die meisten dieser Zeichnungen sind längst verlorengegangen. Einige Dutzend Blätter liegen vielleicht noch im Archiv irgendwelcher Fanzine-Herausgeber herum; als ich meine Mappe auflöste, habe ich brauchbare Schwarzweiß-Sachen damals verschenkt, das muss so Mitte bis Ende der 1980er Jahre gewesen.

Aber, fiel mir ein, auf dem Arbeitsregal im Flur müsste die alte Mappe aus Grundschultagen noch liegen, mit einigen wenigen Resten, von denen ich mich nicht hatte trennen können.

Wir holten die runter und sahen uns die Sachen an, und mein großer Sohn fuhr auf einige Blätter voll ab. Was mich nicht wundert: Sie sind nicht schlecht für mein damaliges Alter, und ein Dreizehnjähriger kann mit dem, was ein Fünfzehn-, Sechzehn-, Siebzehnjähriger sich so ausdenkt, in der Regel schon etwas anfangen; er dringt ja gerade in diese Lebenswelt vor.



Wir schwelgten also in diesen alten Sachen, und irgendwann fragte er mich, warum ich denn bloß damals mit dem Zeichnen aufgehört hätte?

Naja, sagte ich, das entscheidet sich halt irgendwann von alleine, also wo die Leidenschaft wirklich steckt.

Fragender Blick.

Ich beantwortete ihn mit einem Schwank aus dem Leben. Als ich ungefähr zwanzig war, besuchte ich einmal ein paar Tage lang einen Kumpel in Westdeutschland, der war einer der in meinen Augen besten Zeichner, die die damalige Fanzine-Szene zu bieten hatte. Er setzte jeden Tag eine halbe Stunde lang Schraffuren. Zum Warmwerden. Um seinen Strich flüssig zu halten. Egal wozu: Jeden Tag eine halbe Stunde lang Schraffuren.

Unser Großer riss die Augen auf. Langweilig!

Naja, sagte ich, für mich auch. Aber wenn man die entsprechende Leidenschaft hat, dann macht man das. Dann stellt man sich als Kindergartenkind hin und übt jeden Tag Bälle auftrumpfen. Jeden Tag. Als Kitakind. Bis man es raus hat. Und man findet es überhaupt nicht langweilig.

Das leuchtete ihm ein; er war dieses Kind gewesen.

Jedenfalls, sagte ich, hat mir das damals klargemacht, dass ich kein Zeichner werden würde. Weil ich nicht jeden Tag eine halbe Stunde lang Schraffuren setzen konnte. Ich würde auch kein Musiker werden, denn ein Bluesmann, den ich einige Jahre später gut kannte, saß jeden Morgen mit dem ersten Kaffee des Tages in der Küche und spielte Griffe auf seiner Gitarre. Jeden Morgen. Ob er verkatert war, ob ein dröger Arbeitstag wartete -- egal. Jeden Morgen kam schwupp die Gitarre auf den Schoß. Kaffee, Zigarette gedreht und gespielt. Im Schlafanzug. Dann konnte der Tag kommen. Der Alltag.

Es war wie Atmen für ihn. Es war etwas, das man einfach machte.

Nur dass es für die meisten anderen damals Panne wirkte am WG-Tisch. Spiel doch mal was, du kannst doch was spielen, einen richtigen Song! Jaja, später. Plink-plink-plinkerkading. Später ...

Leidenschaft.

Durch solche Begegnungen wie mit diesem Zeichner, mit diesem Bluesmusiker, wurde mir klar, wo ich hingehöre. Dass ich zwar ein Talent zum Zeichnen hatte, aber nicht genug Leidenschaft.

Die floss in das Schreiben. Genauso mühelos und selbstverständlich machte ich nämlich schon seit vielen Jahren etwas, das für Außenstehende immer ebenso Panne wirkte: Ich schrieb meine Geschichten wieder und wieder um. Weil ich sehen wollte, was sich dann veränderte, welche andere Wirkung ich dann erzielte. Ich erstellte fünf, ach was, zehn Fassungen ein- und derselben Geschichte.

So zum Beispiel -- mal kurz aus dem Handgelenk:

Peter erwartete Besuch, auf den er sich freute; darum sah er nicht erst durch den Spion. Er machte sofort auf. Der Typ draußen legte prompt seine Pranke auf die Tür.

Er grinste. "Hallo, Peter."

"Wer ... wer sind Sie?"

Egal, ob ich das gut fand oder nicht, es war Arbeitsmaterial. Denn jetzt ging der Spaß erst los. Wie wäre es, dieselbe Szene aus der Sicht des Typs draußen zu schreiben?

Anscheinend hatte der Bursche Besuch erwartet, denn er sah er nicht erst durch den Spion. Er machte sofort auf. Ich legte prompt eine Hand auf die Tür. Der Typ war ein Hemd gegen mich.

Ich grinste. "Hallo, Peter."

"Wer ... wer sind Sie?"

Oder was, wenn Peter eine Petra wäre?

Sie erwartete Besuch, auf den sie sich freute; darum sah sie nicht erst durch den Spion. Sie machte sofort auf. Der Mann draußen legte sofort seine Pranke auf die Tür.

Er grinste. "Hallo, Petra."

"Wer ... wer sind Sie?"


Uh. Ganz anderer Unterton. Lässt sich das steigern durch Gegenwartsform?

Sie erwartet Besuch, auf den sie sich freut; darum sieht sie nicht erst durch den Spion. Sie macht sofort auf. Der Mann draußen legt sofort seine Pranke auf die Tür.

Er grinst. "Hallo, Petra."

"Wer ... wer sind Sie?"


Unangenehm nah dran. Jetzt aus der Sicht des Mannes.

Anscheinend hatte sie Besuch erwartet, denn sie sah nicht erst durch den Spion. Sie machte sofort auf. Ich legte rasch eine Hand auf die Tür.

Ich grinste. "Hallo, Petra."

"Wer ... wer sind Sie?"

So machte ich das, und immer, wenn ich den Eindruck hatte, einer interessanten Wirkung auf der Spur zu sein, schrieb ich die Geschichte komplett nochmal durch. Fünf Seiten, zehn Seiten; immer wieder. Auf der Schreibmaschine. Nicht auf dem Computer, damals noch nicht.

Du erwartest Besuch, auf den du dich freust; darum siehst du nicht erst durch den Spion. Du machst sofort auf. Ich, draußen, lege sofort meine Hand auf die Tür.

Ich grinse. "Hallo, Peter."

"Wer ... wer sind Sie?"

Oder wie wäre es mit Schachtelsätzen?

Er erwartete Besuch, darum sah er nicht erst durch den Spion, sondern machte sofort auf, worauf der Typ draußen prompt seine Hand auf die Tür legte und ein "Hallo, Peter" grinste, was diesen zu einem "Wer ... wer sind Sie?" veranlasste.

Ich entwickelte den Ehrgeiz, Sätze über zwei, drei Seiten hinweg fließen zu lassen. Oder wie wäre es mit ganz kurzen?

Er erwartete Besuch. Er sah nicht erst durch den Spion. Er machte sofort auf.

Draußen stand ein Typ. Legte seine Hand auf die Tür. Grinste.

"Hallo, Peter."

"Wer ... wer sind Sie?"

Und so weiter. Und so weiter. Es war wie Atmen für mich. Ich konnte das stundenlang machen, über Tage hinweg.

Meine Art, Schraffuren zu setzen.

Und darum gibt es heutzutage Geschichten von mir zu lesen, aber keine Comics. Es ist so folgerichtig wie nur irgendwas.

Über so etwas denkt man oft erst nach, wenn die Kinder einen fragen.


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Am Rande bemerkt: Unter dem schönen Titel "24 mal vertrautes Neuland" hat Rainer Stache den ABEND BEIM CHINESEN schon im Januar in der Sol besprochen. Der für mich erfreulichste Satz daraus:


Man könnte Böhmert mit dem Filmregisseur David Lynch vergleichen, doch es gibt einen Unterschied: Bei Lynch lässt einen das Szenario des Un­wirklichen am Ende ratlos zurück, während Böhmert uns auf immer neuen Wegen zu intensiven Aha-Erlebnissen führt - und da­bei bisweilen auch vor derben Pointen nicht zurückschreckt.

Die vollständige Rezension lässt sich leider nur im gedruckten Magazin lesen.

Kommentare:

Karl Nagel hat gesagt…

Ja, Deine ollen Bilder haben tatsächlich was. Nicht phänomenal gut für 15, aber die Dinger haben ne intensive Ausstrahlung. Da hättest Du drauf bauen können.
Aber es stimmt schon, was Du weiter ausführst ... ohne Leidenschaft kannst Du's vergessen. Habe es immer immer wieder mal mit purer Gewalt versucht. WIL-LENS-KRAFT! Wurde aber nur zur Qual. Also weg damit.
Wie da gerade drauf komme? Ach - bin gerade in einer Phase der Neuorientierung, und irgendwie lief mir da der Böhmert über den Weg. Immerhin, ein paar Ähnlichkeiten im Profil haben wir ja. Und da gerade heute der CHINESE in der Post war, stöbere ich nun ein bißchen bei Dir rum und buddel nach Anregungen.

Frank Böhmert hat gesagt…

Ja, Leidenschaft ist was ganz anderes als WIL-LENS-KRAFT. Aber manchmal, selten, braucht es auch letztere. Viele gute Entdeckungen beim Buddeln wünsche ich dir!