Montag, 20. Oktober 2014

Gelesen: Fred Uhlman, DER WIEDERGEFUNDENE FREUND (GB 1971)

Worum geht's?

Deutschland 1932. Zwei 16jährige Jungen, die beide dasselbe Elitegymnasium besuchen und beide Außenseiter sind, freunden sich miteinander an. Der eine entstammt einer Adelsfamilie, die im März und November 1933 nationalsozialistisch wählen wird. Der andere? Ist Jude.

Wie ist das Buch geschrieben?

In Ich-Form als Bericht des erwachsenen Juden, verfasst aus dem Abstand von bald dreißig Jahren Exil

Was gefiel nicht so?

Entfällt. Das Buch ist eine vollendet durchgeformte Novelle.

Was gefiel?

  • Die Schilderung dieser intensiven geistig-seelischen Jungmännerfreundschaft
  • Die Heimatliebe, die immer wieder in den Natur- und Landschaftsbildern aufscheint. Sie zerreißt einem das Herz ebenso wie dem Exilanten.
  • Das Buch ist so still, so behutsam, so tastend - und zugleich so drastisch durch alles, was man weiß.

Gute Stelle?

Ich möchte einfach nur den Anfang zitieren; er zeigt schon alles, was ich an dem Buch bewundere. Deutsch von Felix Berner - ein ganz ausgezeichnetes, punktgenaues, virtuoses Deutsch übrigens, bestens zum Studium geeignet für Übersetzer und Autoren, die ihren Stil verbessern wollen. Da sitzt jedes Bild, jedes Wort und jedes Satzzeichen:

Er trat im Januar 1932 in mein Leben. Seither hat er daran teil. Mehr als ein Vierteljahrhundert ist verstrichen, mehr als neuntausend Tage gingen dahin, flüchtige, mühsame Tage, entleert durch das Gefühl hoffnungsloser Anstrengung, hoffnungsloser Arbeit - Tage und Jahre, die oft genauso tot waren wie dürre Blätter an einem abgestorbenen Baum.

Ich erinnere mich genau an den Tag und die Stunde, da ich diesen Jungen zum ersten Mal erblickte: Ursache meines größten Glücks und meiner größten Verzweiflung. Es war zwei Tage nach meinem sechzehnten Geburtstag, drei Uhr nachmittags an einem grauen, dunklen deutschen Wintertag, im Karl-Alexander-Gymnasium in Stuttgart, Württembergs berühmtester Lateinschule, gegründet 1521, in dem Jahr, da Luther Karl V. gegenüberstand, dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und König von Spanien.

Ich erinnere mich an jede Einzelheit: an das Klassenzimmer mit seinen schweren Bänken und Tischen, an den sauren, dumpfen Geruch von vierzig feuchten Wintermänteln, an die Pfützen aus geschmolzenem Schnee, an die braungelben Streifen an den grauen Wänden, wo vor der Revolution die Bilder Kaiser Wilhelms und des württembergischen Königs gehangen hatten. Ich brauche nur die Augen zu schließen, und schon sehe ich die Rücken meiner Schulkameraden vor mir, von denen viele in der Steppe Rußlands oder im Wüstensand von El Alamein zugrunde gingen. Noch immer höre ich die müde, enttäuschte Stimme von Herrn Zimmermann, der, lebenslänglich zum Lehren verurteilt, sein Schicksal in trauriger Ergebenheit trug - ein Mann mit bleichem Gesicht, ergrauendem Haar, ergrauendem Schnurr- und Spitzbart, der durch seinen auf der Nasenspitze sitzenden Zwicker in die Welt hineinblickte wie ein herrenloser Hund auf Futtersuche. Wahrscheinlich war er kaum älter als fünfzig Jahre, aber uns kam er vor wie ein Achtzigjähriger. Wir verachteten ihn, weil er freundlich und sanft war und nach armen Leuten roch - seine Zweizimmerwohnung war sicher ohne Bad - und weil er in einem oft geflickten, grünlich schillernden Anzug steckte, den er im Herbst und den ganzen langen Winter über trug (für Frühjahr und Sommer besaß er einen zweiten Anzug). Wir behandelten ihn verächtlich und mitunter grausam, mit jener feigen Grausamkeit, mit der viele gesunde Jungen die Schwachen, Alten und Wehrlosen abtun.

Es begann dunkel zu werden, doch noch nicht dunkel genug, um das Licht anzuknipsen.

Die Bühne ist bereitet, und jede der vielen Beschreibungen wird, spätestens, im Laufe des Buches einleuchten.

Zu empfehlen?

Aber ja. Ich kenne nur eine perfekte Novelle, und das ist Eduard Mörikes MOZART AUF DER REISE NACH PRAG von 1855, eines meiner Lieblingsbücher. Jetzt kenne ich vielleicht zwei.

Wo aufgestöbert?

Zufallsfund auf dem Verschenke-Fensterbrett bei uns im Treppenhaus, gelesen im Juli:

(Bildquelle: Amazon. Taschenbuch, 116 Seiten. Diogenes, Zürich 1998)


Und sonst?

Arthur Koestler in seinem ebenso knappen wie treffenden Vorwort:

Hunderte dicker Bände sind über die Jahre geschrieben worden, in denen die Herrenrasse ihre Reinheit wahren wollte, indem sie aus Leichen Seife machte. Ich bin jedoch überzeugt, daß gerade dieses kleine Buch sich auf die Dauer behaupten wird.

Es ist dem Buch, und uns, zu wünschen. Vierzig Jahre sind ja schon mal nicht schlecht.


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English summary for foreign readers: I've read Fred Uhlman's REUNION from 1971 about the friendship between two 16 year old boys in approaching Nazi Germany, one of them a Jew. It is a classical built novella, softspoken and moving, full of heartbreaking love for the German landscape and nature. A spooky read.

Freitag, 17. Oktober 2014

Ach, Lem! Lem, ach ... Ungeordnete Frühstücksnotizen zu einem Gesprächsabend im Otherland

Als ich in meinen Zwanzigern war, pflegte ein Kumpel, ich glaube, es war Freund und Nachbar Viktor Pavel, zu sagen, Stanislaw Lem, das sei doch ein Science-Fiction-Schriftsteller für Leute, die keine Ahnung von Science Fiction haben.

Da ist schon allein deshalb etwas dran, weil Lem mit seinem berühmt-berüchtigten Aufsatz "Science Fiction: Ein hoffnungsloser Fall mit Ausnahmen" selbst bewiesen hat, zu wenig Ahnung für ein so vernichtendes Urteil zu haben.

Andererseits zeigte gestern Abend das prallvolle Otherland, dass Lem von Leuten geschätzt wird, die nun eindeutig genrekundig sind.

Ich selbst habe mit ihm nie viel anfangen können. Einige Pirx-Geschichten haben mir Spaß gemacht, und ich erinnere mich an ein Hörspiel, "Gibt es Sie, Mr. Jones?", das ich ausnahmsweise einmal gern gehört habe, also mehrmals. Das war's dann schon und ist lange her.

Hinzu kam, dass ich Lem immer als autoritären Charakter wahrgenommen habe - ein gewichtiger persönlicher Grund, ihn links liegen zu lassen. Zumal er ja offensichtlich, sagen wir, wenig geplagt von Selbstzweifeln war. Keine gute Kombi.

Aus diversen Gesprächen baute ich mir über die Jahre folgende Einordnung Lems zusammen: Philosophisch orientierte Leser schätzen ihn für seinen naturwissenschaftlichen Ansatz; Naturwissenschaftler finden, er müsste erst mal seine Hausaufgaben machen.

Unterm Strich, das hat auch der gestrige, von Wolfgang Neuhaus und Peter Kempin hochkarätig moderierte, diskussionsstarke Abend gezeigt, haben wohl diejenigen die meiste Freude an Lem, die viel philosophisches Wissen mitbringen.

Und ein wenig Semiotik kann sicher auch nicht schaden; das ist mir am Wochenende während meines Besuchs bei Molosovsky deutlich geworden. Interessant wäre in diesem Zusammenhang, ob Umberto Eco je über Lem geschrieben hat. Weiß das jemand?

Ach so, und weil die Frage nach seiner Rezeption im englischsprachigen Raum aufkam: Darko Suvin hat Ende der 1960er, Anfang der 1970er natürlich über ihn geschrieben! Das fiel mir gestern bloß nicht ein.

Was habe ich mit nach Hause genommen? - Es war wieder einmal ein anregender Abend, und SOLARIS werde ich mir doch demnächst einmal vorknöpfen müssen! Über diesen Roman höre ich einfach zu viel Gutes, um bei meinen Vorurteilen in Sachen Lem zu bleiben.

Da ich mich andererseits weder für Sinnsuche noch für Semiotik großartig interessiere und durchaus damit leben kann, sterblich zu sein und ein begrenztes Weltwissen zu haben, gehöre ich definitiv nicht zur Lemschen Zielgruppe.


P. S. Ralf Steinberg, seit vielen Jahren Lem-Leser, hat auch was über den Abend geschrieben, dort.

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English summary for foreign readers: I don't like the writings of Stanislaw Lem, but Gatherland with Lem-aficionados Wolfgang Neuhaus and Peter Kempin was great! Perhaps I will give SOLARIS another try.

Donnerstag, 16. Oktober 2014

Diese Buchmesse war anders

Weil ich nämlich gar nicht auf der eigentlichen Messe war.

Zum ersten Mal hatte ich eine private Unterkunft in Frankfurt, beim guten Molosovsky, und da ich im Vorfeld den Kopf zu voll gehabt hatte, um Geschäftstermine abzumachen, saß ich am Donnerstagabend nach einem Besuch in der absolut genialen Steh-Pizzeria Nic Nac als wahrlich freier Schriftsteller bei Molo auf dem Sofa und stellte fest, dass ich eigentlich gar keine Lust hatte, mich am Freitag ins Messegewühl zu stürzen, sondern lieber mal ein bisschen was von Frankfurt sehen wollte. Das geht ja immer unter, wenn man da als so ein Messe-Kosmonaut rumdüst: Shuttle nach Frankfurt, Shuttle zur Messe, Shuttle zur Party, Shuttle zum Hotel - man fliegt immer bloß von einer Blase zur anderen.

Diesmal nicht. Wir spazierten durch den angenehmen kleinen Bezirk Griesheim, in den ich sofort ziehen könnte*), schlenderten am Mainufer entlang, wo ich wilde Brom- und Eibenbeeren fand, futterten fein Burger in der Kuh, die lacht, und besuchten die Comicbuchhandlung Terminal Entertainment. Ihr merkt schon: sehr entspannte Aktion im Gegensatz zu einem Messetag!

Und verpasst habe ich ja kaum etwas oder jemanden. Freitagabend auf der Perry-Party und Samstag auf dem Buchmessecon waren praktisch alle, die ich sehen und sprechen wollte.

Der Besuch klang dann mit einem gemeinsamen Sonntagsfrühstück von Molo, seinem zweiten Übernachtungsgast Raskolnik und mir aus, bei dem wir unter anderem wieder einmal viel Spaß mit John Carpenters Erstlingswerk DARK STAR hatten.

Ich glaube, ich mache das nächstes Jahr wieder so.

Vorausgesetzt natürlich, mir kommen keine Auftritte auf der Messe dazwischen - die würden vorgehen.


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*) Natürlich wieder so ein "sozialer Brennpunkt" (Wikipedia), wie ich im Nachhinein feststellte; an allen anders gelagerten Orten fühle ich mich als Kreuzberger Kellerkind anscheinend nie heimisch.


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English summary for foreign readers: Frankfurt Book Fair this year was easy-going fun. Because I wasn't at the Fair. Instead, I strolled around Griesheim with Molosovsky, wild reader of the fantastic extraordinaire.

Donnerstag, 9. Oktober 2014

Abgeliefert: Meine Übersetzung von Tim O'Rourke, FLASHES

(Quelle: Chicken House UK)

... der verflixt spannende und eindringliche parapsychologisch angehauchte Thriller eines britischen Polizisten, der als Selbstverleger schon über 300.000 E-Books verkauft hat, in nicht einmal vier Jahren.

Das hier ist sein erstes Printbuch.

Erscheint nächstes Jahr bei Chicken House Deutschland.

Dienstag, 7. Oktober 2014

Wahrscheinlich genau der Punkt, an dem sich die Menschheit scheidet

[Der] Hunger im Walde [ist] der Sclaverei in einem Fürstenschlosse vorzuziehen.

Victor Hugo, DER LACHENDE MANN (1869)
Erster Band, Deutsch von Georg Büchmann
Bei Golkonda als schöne Klappenbroschur-Ausgabe, aber auch geschenkt als PDF


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(Aktueller Stand der Lektüre: Seite 100)

Sonntag, 5. Oktober 2014

Hongkong. Weitere Links und Fundstücke

16. Das Hin und Her von Information und Desinformation:


15. Ein sehr kritischer Blick auf die Regenschirm-Bewegung in der Washington Post. Spannend auch wegen diverser Hintergrundinfos.

14. Und zur guten Nacht noch ein kleiner Spaß für alle Genrefreunde:

"Jeder könnte Batman sein." Begrüßt mit Riesenjubel.

13. Hier sieht man die rapide angestiegene Zensur des chinesischen Twitter-Äquivalents Weibo:


12. Spannend! Diese Reporterin berichtet wohl für Taiwan - in gelber Jacke wohlgemerkt:
Taiwan wird von China ja als abtrünnige Provinz betrachtet; da läuft ebenfalls so ein Ein-Land-zwei-Staaten-Konflikt. (Siehe auch hier unter 8.)

Geadelt von Mark Brandis

Das hat unseren Elfjährigen dann doch mal beeindruckt:

spannend und gut geworden!

lobten die Macher seiner heißgeliebten Mark-Brandis-Hörspiele meinen Neo-Roman BERLIN 2037.

Ansonsten interessiert einen in dem Alter ja nicht mehr so, was der Vater treibt; da ist man mit Abnabeln beschäftigt.