Montag, 6. Juli 2015

Jetzt im Buchhandel: James Dawson, SAG NIE IHREN NAMEN

Neulich trudelte das erste Belegexemplar meiner aktuellen Übersetzung ein - ein waschechter kleiner Horrorroman:


Umschlagtext

"Bloody Mary." Sie sagten es zusammen.

Der Raum wurde dunkler, als würden alle Kerzen zugleich verlöschen.

Als Bobbie und ihre beste Freundin Naya an Halloween den legendären Geist Bloody Mary beschwören sollen, glaubt niemand, dass wirklich etwas passieren wird. Also vollziehen sie das Ritual: Vor einem mit Kerzen erleuchteten Spiegel sagen sie Marys Namen - und nichts regt sich. Oder doch?

Am nächsten Morgen findet Bobbie eine Botschaft auf dem Spiegel: fünf Tage ... Immer mehr merkwürdige, furchterregende Dinge geschehen und bald wird klar: Etwas wurde aus dem Jenseits gerufen. Etwas Dunkles, Grauenvolles. Sie ist ein böser Hauch. Sie lauert in Albträumen. Sie versteckt sich in den Schatten des Zimmers. Sie wartet in jedem Spiegel. Sie ist überall. Und sie plant ihre Rache.

Ich bin sehr gespannt, wie das Buch, das mir viel Spaß gemacht hat, ankommt!

Unser Zwölfjähriger ist jedenfalls schon heiß auf die Lektüre.

  • Mehr zum Buch, inklusive Leseprobe, dort,
  • mehr zur Arbeit an meiner Übersetzung hier


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English summary for foreign readers: Last week my translation of SAY HER NAME by James Dawson hit the German bookstores. Translating it was much fun! I really like some of the ghastly scenes and Bobbie is a great stumbling heroine.

Donnerstag, 2. Juli 2015

Endlich Sommer! [Letzter Aufruf]

Kaum ist der Sommer da, rums gammeln die Leute wieder auf Dächern und Brücken herum, gucken ins Lagerfeuer oder in den Sternenhimmel, lassen die Frisbees fliegen und die Gedanken ... und manchmal begeben sich sogar welche auf den Berliner Marsflug, inklusive Aliens und verzweifelte Rettungsaktionen.

Letzter Aufruf für diese drei Jahre alte Böhmertsche Sommergeschichte, die Anfang August aus dem Blog fliegen wird.

Eine wahre Geschichte, die natürlich jemand anders passiert ist.

Ihr findet sie hier. Kommentare, Weiterempfehlungen und Privatkopien wie immer gern gesehen. Viel Spaß!


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English summary for foreign readers: Summer finally arrived, and for the next four weeks you can still read my 2012 Summer story "Der Berliner Marsflug" (Berlin Mars Flight) for free. In German, that is. You can find it here.

Dienstag, 30. Juni 2015

Gelesen: Saladin Ahmed, THRONE OF THE CRESCENT MOON (USA 2012)

Worum geht's?

Um Zeiten des Umbruchs in einem Schmelztiegel des magischen Orients, wie wir ihn zum Teil aus TAUSENDUNDEINE NACHT kennen. Wir begleiten im Wesentlichen einen Magier, der auf das Jagen von Ungeheuern spezialisiert ist, aber langsam alt wird.

Es handelt sich um den ersten Band eines Zyklus - davon habe ich aber nichts gemerkt; das Buch taugt gut als Einzelroman.

Wie ist das Buch geschrieben?

Farbig, flüssig, mit souveräner Hand

Was gefiel nicht so?

Das Buch beginnt mit einer Folterszene.

Was gefiel?

  • die Vielfalt an Stimmungen
  • der traurige Grundton
  • der Witz
  • die Frische und Farbigkeit
  • die Modernität; das ist kein altertümelndes Buch, sondern der Autor ist sich sehr der heutigen Zeit bewusst
  • die würzige Kürze

Gute Stelle?

Ich habe mir keine markiert. Hier der Anfang des ersten Kapitels mit der Einführung des alternden Magiers:

Dhamsawaat, King of Cities, Jewel of Abassen
A thousand thousand men pass through and pass in
Packed patchwork of avenues, alleys, and walls
Such bookshops and brothels, such schools and such stalls
I've wed all your streets, made your night air my wife
For he who tires of Dhamsawaat tires of life

Doctor Adoulla Makhslood, the last real ghul hunter in the great city of Dhamsawaat, sighed as he read the lines. His own case, it seemed, was the opposite. He often felt tired of life, but he was not quite done with Dhamsawaat. After threescore and more years on God's great earth, Adoulla found that his beloved birth city was one of the few things he was not tired of. The poetry of Ismi Shihab was another.

Zu empfehlen?

Aber ja! Ich habe das Buch aus Recherche- bzw. Vergleichsgründen angefangen, weil ich ja selbst gerade mit unter anderem einer modernen Variante eines Motivs aus TAUSENDUNDEINE NACHT beschäftigt bin - aber ich habe sehr schnell aus purem Vergnügen weitergelesen.

Dichter hat mich schon lange kein Buch mehr an den knallbunten Spaß herangebracht, den mir als Teenager Fritz Leibers Geschichten um Fafhrd und den Grauen Mauser bereitet haben; zuletzt hatte das Barry Hughart mit DIE BRÜCKE DER VÖGEL geschafft. Ist verdammt lange her.

Wo aufgestöbert?

Während der letzten Frankfurter Buchmesse bei meinem Übernachtungsgastgeber Molosovsky, der mir eine seiner Ausgaben dann gleich geschenkt hat. Ich habe noch in Frankfurt mit der Lektüre angefangen und war binnen weniger Tage durch:

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar. Taschenbuch, 275 Seiten. Gollancz, London, 2013)

Und sonst?

Könnt ihr euch schon auf die Übersetzung freuen!

Ich hatte das Buch gleich nach der Lektüre dem Heyne-Verlag zur deutschen Veröffentlichung empfohlen und von dort die Rückmeldung bekommen, dass bereits ein Berliner Kollege an der Übersetzung sitzen würde.

Die Vorankündigung für das im Februar 2016 erscheinende, vom wortgewaltigen Simon Weinert ins Deutsche gebrachte Buch findet ihr dort.

(Bildquelle: Heyne)


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English summary for foreign readers: THRONE OF THE CRESCENT MOON by Saladin Ahmed is big fun! Colourful, fluent, written with a sure hand. It brought back the feeling of my teenage happy reading hours with Fritz Leiber's Fafhrd and, as a twen, Barry Hughart's Master Li.

Freitag, 26. Juni 2015

Kurd-Laßwitz-Preis 2015 - die Preisträger

Der Vollständigkeit halber hier auch noch die Ergebnisse des Science-Fiction-Preises der Profis, garniert mit einigen persönlichen Anmerkungen:

Bester Roman
Das wundert mich nicht; der war eigentlich gesetzt, auch wenn ich mich übers Jahr immer wieder mit Leuten unterhalten habe, denen wie mir so ein Near-Future-Krimi, auch wenn er gut geschrieben ist, nicht reichte.

Hier hatte ich mit "Kein Preis" gestimmt und Hillenbrand, Dath und Boldt gesondert als interessant erwähnt - das deckte sich dann doch wieder mit dem Mainstream; Hillenbrand hat gewonnen, Boldt hat den zweiten Platz gemacht und Dath kam, obwohl er einen so spröden Stil pflegt, immerhin noch auf Platz 4.

Interessant noch: In dieser Kategorie ging alles sehr, sehr knapp aus. Da hätten zwei, drei Abstimmende mehr das Bild schon verändern können.

Beste Erzählung
Bei der kurzen Form bin ich Ignorant und enthalte mich daher immer.

Bestes ausländisches Werk
Das hat mich verblüfft; hier war DER MARSIANER von Andy Weir, dem ich meine fünf Punkte gegeben hatte, für mich eigentlich gesetzt, auch wenn ich mich übers Jahr immer wieder mit Leuten unterhalten habe, denen im Gegensatz zu mir die Hauptfigur zu "oberflächlich" gezeichnet war, was ich immer noch nicht nachvollziehen kann, weil bei diesem augenscheinlich glasklaren Problemlös-Roman sehr viel zwischen den Zeilen stattfindet - man beachte mal einfach nur die vielen Lücken im Tagebuch. Egal, Weir kam dicht folgend auf den zweiten Platz.

Vier Punkte hatte ich Iain Banks gegeben, für DIE WASSERSTOFFSONATE. Der landete, mit gerade noch halb so viel Punkten wie die Preisträgerin, auf dem vierten Platz. Ist mir recht. Denn an dieser Stelle hatte ich einen Fehler gemacht und Punkte vergeben, obwohl ich das Buch noch nicht ausgelesen hatte. So etwas hatte ich bisher noch nie getan und werde es auch in Zukunft nicht mehr machen. Denn irgendwo nach Seite 220, beim gefühlt fuffzichsten witzig-banal-hintergründig ausschweifenden Dialog zwischen zwei Raumschiff-KIs, pfefferte ich das Buch auf die Aussortierstapel. Meine Lesegeduld reicht nicht für Banks' Romane - ich habe im Laufe der Jahre vier Stück probiert und viermal abgebrochen.

Also, Frank, merken: Wieder nur für Bücher abstimmen, deren Lektüre vollständig war und schon sacken konnte!

Beste Übersetzung
  • Justin Aardvark und Jürgen Zahn für die Übersetzung von Ian Doescher, WILLIAM SHAKESPEARES STAR WARS, punktgleich mit
  • Horst Illmer für die Übersetzung von Ursula K. LeGuin, VERLORENE PARADIESE
(Vergabe durch Jury)

Beste Graphik
Der war für mich gesetzt - aber so was von! Kein Wunder bei dem mächtigen Motiv.

(Bestes Hörspiel
Ergebnis liegt noch nicht vor)
(Oha! Ist die Jury-Sekte am Zerfallen? Sollten wir die Marines in den Dschungel schicken?)

Sonderpreis einmalige Leistungen
  • Bernd Kronsbein, Elisabeth Bösl, Christian Endres und Sebastian Pirling für ihre Arbeit als Redakteure von www.diezukunft.de
Ich bin nicht Zielgruppe, aber da haben die Webseitenmacher offenbar einen guten Start hingelegt.

Meine fünf Punkte gingen an die Macher der frisch gestarteten Werkausgabe von Herbert W. Franke, und sie kamen auf den zweiten Platz.

Vier meiner Punkte flossen bei "Kein Preis" mit ein; das wurde dann auch sozusagen Platz 4.

Sonderpreis langjährige Leistungen
  • René Moreau, Olaf Kemmler und Heinz Wipperfürth für die Herausgabe des SF-Magazins Exodus und die Förderung der SF-Kurzgeschichte
Schluchz! Mein Favorit Jürgen "Josefson" Doppler, der beste deutschsprachige SF-Rezensent aller Zeiten, abgeschlagen auf dem sechsten Platz. Hier bin ich offensichtlich so gar nicht Mainstream. Dringend geboten: mehr Josefson-Verehrung! Vielleicht Fan-T-Shirts wie bei Rockbands? Mit einem von Molosovsky gezeichneten Portrait? Oder müssen wir gar, Himmel hilf!, eine Sekte gründen?

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So, das war's für dieses Jahr. [Streckt sich und gähnt] Irgendwelche Anmerkungen eurerseits?


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English summary for foreign readers: The winners of this year's Kurd Laßwitz Preises. Plus remarks by yours truly.

Dienstag, 23. Juni 2015

Gelesen: Neil MacGregor, EINE GESCHICHTE DER WELT IN 100 OBJEKTEN (GB 2010)

Worum geht's?

Dies ist die Buchfassung einer Reihe von viertelstündigen Radiobeiträgen, in denen der Leiter des British Museum uns mit Hilfe seiner Experten anhand beispielhafter Objekte einmal quer durch die Weltgeschichte führt.

Wie ist das Buch geschrieben?

Sauber und elegant, also verständlich. Viele Zitate beziehungsweise O-Töne. Fotos von jedem Gegenstand. Ausführlicher Anmerkungs- und Übersichtsapparat.

Was gefiel nicht so?

Entfällt

Was gefiel?

  • Die Idee, eine Weltgeschichte in Schlaglichtern zu erzählen, die auf Gegenstände fallen, ist ebenso einleuchtend wie bestrickend.
  • Es wird nicht nur Geschichte anhand dieser Gegenstände erzählt, sondern auch die Geschichte der Gegenstände selbst - ihre Entdeckung, ihr Schicksal bis zu dem Zeitpunkt, wo sie im British Museum gelandet sind. So guckt man in jedem Kapitel zugleich zurück in ihre Entstehungszeit und in die Geschichte ihrer weiteren Nutzung oder Umformung oder Rezeption. Das ist spannend!
  • Sprachlich ist das Buch erste Sahne. Auch an der Übersetzung, an der immerhin drei Leute beteiligt gewesen sind, hatte ich während der Lektüre nie etwas auszusetzen.

Gute Stelle?

Einer der faszinierendsten Beiträge befasst sich mit der Indus-Kultur, von der ich bis dahin nicht einmal etwas gehört hatte! Seite 115ff, Deutsch von Andreas Wirthensohn:

Vor rund 5000 Jahren floss der Indus, wie er das bis heute tut, von der Hochebene Tibets bis ins Arabische Meer. In den üppigen, fruchtbaren Überschwemmungsebenen entwickelte sich die Indus-Kultur, die auf ihrem Höhepunkt rund eine halbe Million Quadratkilometer umfasste.

Ausgrabungen dort haben die Pläne ganzer Städte zutage gefördert, aber auch deutliche Hinweise auf ausgedehnte internationale Handelsstrukturen. [...]

[...]

Marshalls Team fand bei Harappa die Überreste einer riesigen Stadt und entdeckte anschließend in der Nähe noch viele weitere Städte, die sich alle auf die Zeit zwischen 3000 und 2000 v.Chr. datieren lassen. Damit reichte die indische Kultur viel weiter zurück, als man bislang angenommen hatte. Nach und nach wurde deutlich, dass es sich um ein Land mit hoch entwickelten urbanen Zentren, Handel, Industrie und sogar Schrift gehandelt hatte. Zeitlich und vom Entwicklungsstand her stand es auf einer Stufe mit dem alten Ägypten und Mesopotamien - und war vollkommen in Vergessenheit geraten.

Die größten Städte im Industal wie Harappa oder Mohenjo-Daro hatten zwischen 30 000 und 40 000 Einwohner. Sie waren streng nach schachbrettartigen Entwürfen angelegt und verfügten über sorgfältig ausgearbeitete Wohnungsbaupläne und fortgeschrittene Sanitärsysteme, zu denen sogar hauseigene Toiletten gehörten; für einen modernen Stadtplaner müssen sie ein Traum gewesen sein.

So weit erst einmal zur Übersicht - und jetzt kommt's! Behaltet dabei im Blick, dass wir hier über eine Gesellschaft reden, die vor vier- bis fünftausend Jahren existiert hat, also in der Bronzezeit:

Wie wir im Falle von Ägypten und Mesopotamien gesehen haben, bedurfte es für den Sprung vom Dorf zur Stadt gewöhnlich eines dominanten Herrschers, der Zwang ausüben und Ressourcen nutzen konnte. Unklar ist aber gerade, wer diese hochgradig organisierten Städte im Industal regierte. Es gibt keine Hinweise auf Könige oder Pharaonen - oder überhaupt auf irgendwelche Anführer. [...]

Die Überreste dieser großen Städte der Indus-Kultur liefern uns keine Anhaltspunkte dafür, dass wir es hier mit einer kriegführenden oder vom Krieg bedrohten Gesellschaft zu tun haben. Man hat nur wenige Waffen gefunden, und die Städte scheinen nicht befestigt gewesen zu sein. Es gibt große Gemeinschaftsgebäude, aber nichts, was wie ein Königspalast aussieht, und zwischen den Häusern der Reichen und denen der Armen bestanden offenbar keine großen Unterschiede. Wir haben es also, so scheint es, mit einem deutlich anderen Modell städtischer Zivilisation zu tun, das ohne die Verherrlichung von Gewalt oder eine extreme individuelle Machtkonzentration auskommt. Beruhten diese Gesellschaften also nicht auf Zwang, sondern auf Konsens?

Unglaublich, oder?

Man nimmt übrigens an, dass die Induskultur untergegangen ist, weil sie ökologische Fehler machte beziehungsweise mit einer Klimaveränderung Probleme hatte, und nicht etwa durch Eroberung.

Von dieser Kultur übriggebliebene Kunstwerke zeigen, sofern sie nicht geometrisch-ornamental sind, gepflegte bärtige Männer ohne Insignien der Macht, Tiere, Schamanen und tanzende Mädchen - ich will eine Zeitmaschine.

Zu empfehlen?

Aber ja! Eines der besten Bücher, die ich 2014 gelesen habe!

Wo aufgestöbert?

Ein Geschenk meiner Liebsten, entweder zu Weihnachten 2013 oder zum Geburtstag im Frühling 2014; das weiß ich nicht mehr. Ich habe mir jedenfalls mit der Lektüre viel Zeit gelassen und war im November dann leider doch schon damit durch.

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar. Gebunden mit Lesebändchen, 816 kurzweilige Seiten. C.H. Beck, Jubiläumsausgabe 2013)

Und sonst?

Die Welt erweist sich immer wieder als größer und weniger bekannt, als ich denke!


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English summary for foreign readers: A HISTORY OF THE WORLD IN 100 OBJECTS by Neil MacGregor is one of the best books I've read last year! And I'm totally fascinated of the Indus Valley Civilization ...

Mittwoch, 17. Juni 2015

Die Freuden der Flussnähe

Als gebürtiger Kreuzberger, der nie weiter als ein paar Kilometer von dem Kreißsaal weggezogen ist, in dem für ihn alles losging, habe ich immer in fußläufiger Nähe von Wasserwegen gewohnt. Mit denen ist Berlin ja auch gesegnet. Heute, in Alt-Treptow, schwelge ich gar richtig im Luxus: Gehe ich ein paar Minuten in nordöstlicher Richtung, lande ich an der Spree, noch dichter dran sind im Südwesten der Neuköllner Schifffahrtskanal und im Nordwesten der Landwehrkanal. Im Schnitt gucke ich wohl alle zwei, drei Tage müßig übers Wasser (oder jogge gemütlich die Ufer entlang); wenn das Glitzerspiel mal eine Woche lang ausfällt, fehlt mir richtig was.

Also zwangsläufig irgendwann im Winter.

Letzten Dezember habe ich mir darum die volle Ersatzpackung gegeben und zwei meiner Lieblingsbücher zum ersten Mal parallel gelesen: DREI MÄNNER IM BOOT (1889) von Jerome K. Jerome und DER WIND IN DEN WEIDEN (1908) von Kenneth Graham. Waren das eine Wohltat und ein Spaß! Da machten mieses Wetter und frühe Dunkelheit nix mehr aus.


Beiden Büchern gemeinsam ist, dass sie voller Lebenslust stecken, sich über alles Mögliche lustig machen und Hymnen an die englische Landschaft und das einfache, naturnahe Leben enthalten - die im nächsten Atemzug auch gleich wieder veralbert werden.

Herrlich. Gute Laune machend auf intelligente und geradezu übermütige Weise.

Jerome ist dabei immer wieder einmal für eine nachdenkliche Sentenz gut - diesmal habe ich mir diese hier markiert. Deutsch von Arnd Kösling:

Mir ist aufgefallen, dass es in dieser Welt nur wenige Dinge mit ihren Darstellungen aufnehmen können.

Und Graham feiert einfach richtig beim Erzählen. Deutsch von Harry Rowohlt selig (und das ist auch der Grund, warum ich heute, einen Tag nach seinem Tod, diesen Blogeintrag schreibe). Lest diese Stelle hier, dann wisst ihr, was von uns Übersetzern zu leisten ist, und zwar mit Schmackes und mit Spielfreude, um die Lücke zu füllen, die Rowohlts Tod hinterlassen hat:

Sein Glück schien vollkommen, als er nach langem ziellosen Umherstrolchen plötzlich einen randvoll mit Wasser gefüllten Fluss fand. Er hatte noch nie einen Fluss gesehen: so ein glattes, gewundenes, pralles Tier, kollernd und kichernd, das Sachen gurgelnd ergreift und lachend wieder fahren lässt, um sich auf neue Spielgefährten zu stürzen, die sich von ihm losreißen, um sich noch einmal fangen zu lassen. Er bebte und bibberte, glänzte und glibberte und sprühte Funken, er rauschte und strudelte, schwatzte und blubberte. Der Maulwurf war bezaubert, verhext und angetan. Er trabte am Fluss entlang wie jemand, der noch sehr klein ist, neben jemandem einhertrabt, der einem atemberaubende Geschichten erzählt.

Und jetzt geht und macht euch den besten Tag, der euch möglich ist! Ihr wisst ja: Irgendwas geht immer.


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English summary for foreign readers: I really like living near waterways. In Winter, when weather was foul and I couldn't do much of walking the watersides, I enjoyed reading THE WIND IN THE WILLOWS and THREE MEN IN A BOAT instead. Both novels rank among my favourite books and I've read them for the third time.

Freitag, 12. Juni 2015

Aber die Geschichte. Zum Tod von Wolfgang Jeschke [aktualisiert am 16.06.]

Ich stand gerade mit Andy Hahnemann im Konferenzzimmer des frisch eingerichteten Fischer Tor Verlags und bewunderte das locker angedachte, auf einem Tisch in Form von Originalausgaben und Platzhalter-Zetteln arrangierte Herbstprogramm 2016, als Hannes Riffel von einem Telefonat zurückkehrte und für einen Moment ganz still war.

Dann sagte er uns, dass Wolfgang Jeschke verstorben war.

Mir schossen sofort einige, für mich bedeutsame, Erinnerungen durch den Kopf.

Erstens eine ansatzweise Begegnung mit Jeschke; näher bin ich diesem großen Förderer der Science Fiction nie gekommen.

Es muss Anfang der 1980er Jahre gewesen, wahrscheinlich auf einem FreuCon. Jeschke und einige andere bekannte Köpfe der deutschen SF-Szene führten eine Podiumsdiskussion zum Thema SF-Magazine. Fränkie saß als vielleicht Zwanzigjähriger in der ersten Reihe und diskutierte mit. (Ich hatte eine sehr entschiedene, natürlich negative Meinung zu denjenigen SF-Magazinen, die sich ans Filmgenre anbiederten - habe ich noch heute.)

Irgendwann neigte Wolfgang Jeschke sich zu seinem Sitznachbarn und fragte neugierig: "Wer ist das eigentlich?"

Sein Nachbar wusste es nicht. Natürlich nicht.

Ich war damals zwar mutig genug, mich in eine Podiumsdiskussion einzuschalten, aber zu schüchtern, um mich nach der Veranstaltung einfach selber vorzustellen.

Dabei hätte ich das ruhig tun können.

Denn ich glaube, mein Name wäre Wolfgang Jeschke ein Begriff gewesen.

Er bekam nämlich regelmäßig Storys von mir zugesandt, die er ebenso regelmäßig ablehnte - gelegentlich auch mit persönlichem Anschreiben.

Zwei davon haben sich für immer meinem Gedächtnis eingeprägt.

In der ersten Ablehnung - ich hatte Heyne eine Antikriegsgeschichte angeboten - stand ein Satz, den ich bis heute auswendig kann:

"Ihr Anliegen in allen Ehren, aber die Geschichte müßte erst noch erzählt werden."

Peng! Diesen Satz habe ich mir für immer hinter die Autorenohren geschrieben - praktisch als virtuelles Tattoo.

Dann gab es, etliche Ablehnungen später, einen Brief aus der SF-Redaktion, von einer Frau, glaube ich. Der ging ungefähr so:

Schönen Gruß von Wolfgang Jeschke, auch die eingereichte Geschichte reiche noch nicht ganz für eine Veröffentlichung bei Heyne, aber er wolle mir einmal mitteilen, wie sehr ich mich gesteigert hätte ...

Dieser Mann, der voller Neugierde auf die Welt und die Literatur war und mit allen großen Namen nicht nur der SF-Szene Umgang hatte, setzte sich tatsächlich immer wieder einmal hin und gab irgendeinem hoffnungsfrohen Amateur einen guten Rat und gelegentlich ein ermunterndes Wort mit auf den Weg, ohne jede Arroganz, aber mit glasklarer, oft auch glasharter Ansage.

Und darum ist Wolfgang Jeschke selig, der zu allem Überfluss verdammt gut schreiben konnte, auch für mich persönlich genau das, was in all den Nachrufen immer wieder hervorgehoben wird: ein großer Förderer der deutschen SF.

  • Mehr und Objektiveres zu Jeschkes Bedeutung schreibt Dietmar Dath in der FAZ, wobei auch Dath nicht um eine persönliche Anekdote herumkommt; so war das wohl einfach mit Jeschke.
  • [Nachtrag 16.06.] Frank W. Haubold weiß eine ähnliche Geschichte der Nachwuchsförderung wie ich zu erzählen, drüben im Forum von sf-fan.de.


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English summary for foreign readers: German sf editor Wolfgang Jeschke is dead. He never bought one of my stories, but he always had good advice. And he was a damn good writer, too!