Dienstag, 21. Februar 2012

Gelesen: Georges Simenon, HIER IRRT MAIGRET (F 1953)

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar)

Worum geht's?

In einer Wohnung in einem reichen Pariser Viertel entdeckt eine Putzfrau die Leiche der jungen Mieterin. Maigret fühlt sich mit der ihm eigenen Nicht-Methode in die Hausgemeinschaft ein, kommt aber diesmal auf Irrwege.

Wie ist das Buch geschrieben?

Eindringlich, atmosphärisch, fesselnd ohne Äktschn - also gut, wie praktisch immer.

Was gefiel nicht so?

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Was gefiel?

Ich vermute mal, dass Simenon mit der Figur des im Haus wohnenden Arztes - vielleicht unbewusst - ein Zerrbild seiner selbst geschaffen hat. Das ist interessant zu lesen, manchmal auch schmerzhaft; ich wollte manches gar nicht so genau wissen.

Gute Stelle?

Immer wieder verblüffend sind die kleinen Tricks, mit denen Simenon für Authentizität sorgt; da kann man sich als Autor ein paar Scheiben von abschneiden. Er beschreibt nicht viel, setzt die Details aber in einen Kontext, indem dann viel mitschwingt. Auf Seite 85 wird ein Lokal beschrieben, in dem sich die Prostitutionsszene trifft, zum Feierabend:

In ganz Paris gab es nur noch zwei, drei Dancings dieser Art, sie waren nur den Eingeweihten bekannt, und es wurde hier viel mehr Limonade als Alkohol getrunken.

"In ganz Paris", "nur noch", dann das Wort "Dancings", das Detail mit den Getränken - an diesen einen kleinen Satz lagert sich eine Fülle von Welt an; das ist unglaublich. Meisterhaft. Da können sich die 600-Seiten-Schreiber glatt sechshundert Scheiben von abschneiden, für jede Seite, auf der sie mich langweilen, eine!

Zu empfehlen?

Ja. Das ist vielleicht, mit Simenons Begriffen gesprochen, der "literarischste" seiner "halbliterarischen" Romane: Es wird mitunter abstoßender, als man das sonst von den Maigretromanen kennt.

Wo aufgestöbert?

Geschenk eines Freundes, der Doubletten aussortiert hat.

Etwas Besonderes aus der Lektüre mitgenommen?

Nö.


Montag, 20. Februar 2012

Gelesen: Justus Franz Wittkop, UNTER DER SCHWARZEN FAHNE (D 1973)


Worum geht's?

Um eine kurze Geschichte des Anarchismus, die sich nicht an der Theorie, sondern an, wie es im Untertitel heißt, "Aktionen und Gestalten" entlanghangelt.

Wie ist das Buch geschrieben?

Knapp, pointiert, lebendig.

Was gefiel nicht so?

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Was gefiel?

Der sympathisierende und dennoch kritische Blick. Wittkops Skepsis gegenüber solchen selbstüberhöhenden Auswüchsen wie der Propaganda der Tat schimmert nicht nur durch. Das ist angesichts der Entstehungszeit durchaus bemerkenswert.

Gute Stelle?

Schluss des "I. Kapitel[s] / Das Konzept der zwangsfreien Gesellschaft":
Im Grunde nimmt der Anarchismus die Parole wieder auf, die die bürgerliche Revolution benützt und dann verraten hatte: Freiheit (seine oberste Forderung), Gleichheit (keinerlei autoritäre Bevormundung mehr), Brüderlichkeit (die er zur Solidarität vertieft).

Zu empfehlen?

Aber ja. Das ist mein Lieblingsbuch über den Anarchismus. Ich habe es gerade zum dritten Mal genossen; damit wandert es ins Regal meiner Lieblingsbücher hinüber.

(Die Notiz zu meiner zweiten Lektüre findet sich hier.)

Wo aufgestöbert?

Ich habe es in den frühen 1980ern einmal bei einem alten Anarchisten gesehen und mir später antiquarisch besorgt.

Etwas Besonderes aus der Lektüre mitgenommen?

Die Absicht, einmal Peter Kropotkins MEMOIREN EINES REVOLUTIONÄRS (F 1902) zu lesen - die im Original schlicht AUTOUR D'UNE VIE hießen, "Reise eines Lebens".


Sonntag, 19. Februar 2012

Zusätzliche Arbeitsschichten am Wochenende

Schwung dabei geben auf Dauerrotation Ostinato:



Das macht aber nur Spaß, wenn ihr gute Lautsprecher angeschlossen habt. Ich habe euch gewarnt.

Samstag, 18. Februar 2012

Zwischendurch

Eine meiner Marotten - meine Lesebrille so auf die Lektüre zu legen, dass jemand anders sie aufzuhaben scheint:

(Foto: icke)

Das mache ich seit vielen Jahren und freue mich immer wieder über den Effekt. Was habt ihr für Marotten?

Mittwoch, 15. Februar 2012

Eingetrudelt: Cherie Priest, BONESHAKER

Von hiesigen Dampfkraftschiffern im Geiste sehnsüchtig erwartet, ist er jetzt in Böhmertscher Übersetzung auf Deutsch zu haben: einer der bekanntesten amerikanischen Steampunk-Romane, obendrein auch bei Heyne mit dem geradezu ikonischen Cover von Jon Foster ausgestattet:

(Eigenhändiger Scan vom Belegexemplar)

Klappentext:

Mit Volldampf voraus - der Bestseller aus den USA!

Amerika im 19. Jahrhundert: Er sollte Dr. Leviticus Blues größte Erfindung werden, stattdessen verursachte der "Boneshaker" eine Katastrophe und verwandelte ganz Seattle in eine Geisterstadt, in der es nun von Gangsterbossen, Luftpiraten und lebenden Toten nur so wimmelt. Sechzehn Jahre später macht sich Briar Wilkes, Dr. Blues Witwe, auf den Weg nach Seattle, um ihren verschwundenen Sohn zu suchen - und das lange gehütete Geheimnis des "Boneshakers" zu lüften ...

"BONESHAKER ist von Anfang bis Ende ein einziges verrücktes Abenteuer!"
Cory Doctorow
***

Ich bin mal gespannt, wie das Buch hierzulande ankommt!
  • Eine erste Besprechung durch Christian Endres findet sich hier. Er lobt unter anderem die "fabelhaften Dialoge" - das freut das Übersetzerherz natürlich!
  • Im Forum von sf-fan.de wird es - wohl ab Anfang März - einen Lesezirkel dazu geben, mehr hier.

Ach ja: Und wer dem Blog-Chef ein paar Extramäuse zukommen lassen möchte, bestelle es bittschön über diesen Link:

Samstag, 11. Februar 2012

Unser Neunjähriger hat gelesen: Rene Nowotny, DAS GEHEIMNIS DES JUPITERMONDES (D 2011)

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar)

Worum geht's?

"Um den Flug eines Raumschiffs zu einem Mond des Jupiters, der lustigerweise Europa heißt. Sie vermuten, dass man dort auf außerirdisches Leben treffen könnte."

Wie ist das Buch geschrieben?

"Lustig war's eher nicht, aber es war sehr verständlich und auch spannend."

Was gefiel?

"Eigentlich alles. Die Bilder waren auch toll gezeichnet; da kann man sich auch schön vorstellen, wie es da so ist, weil sie ein bisschen unklar gezeichnet sind und man nicht auf den ersten Blick sieht, worum es geht."

Was gefiel dir nicht so?

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Gute Stelle?

Endlich kommt der kleine Roboter angerattert, um den Mädchen das Eis mit den heißen Kirschen zu bringen. Plötzlich biegt Tito um die Ecke.

Andranah kennt niemanden der Raumschiffe besser fliegen kann als er. Darum wird auch Tito ihr Raumschiff zum Jupiter steuern.

Der Pilot winkt den beiden Mädchen freundlich zu. Doch den kleinen Roboter hat er wohl übersehen.

"Tito, pass auf!", ruft Andranah, um ihn zu warnen. Doch es ist zu spät! Kaum hat Andranah gerufen, da kracht es schon gewaltig!

Zappelnd stürzt Robi zu Boden und begräbt den armen Tito unter sich. In hohem Bogen saust das Eis mit den Kirschen durch die Kantine und landet an der Wand.

Zu empfehlen?

"Ja."

Wo aufgestöbert?

"Papa hat es mir von einem Science-Fiction-Stammtisch mitgebracht und heute Morgen gegeben; ich habe es gleich gelesen. Der Autor hat mir auch was reingeschrieben und -gezeichnet; das finde ich gut."


(Der Papa möchte noch anmerken, dass es sich um ein sehr liebevoll gestaltetes Büchlein handelt; jede Doppelseite ist vollständig mit einem auf alt getrimmten Aquarell hinterlegt - siehe das Cover oben. Wer das Buch kaufen möchte, kann dies auch direkt beim BoD-Verlag tun, hier. Dort gibt es auch für weniger Geld ein eBook. Aber eigentlich kommt das Ganze erst als Buch so richtig zur Geltung - vor allem für Leute, die mit Nostalgie an die alten wissenschaftlich-phantastischen Romane der DDR zurückdenken! Ein Schmuckstück für Sammler.)

Freitag, 10. Februar 2012

Mein ganz persönliches Buch des Jahres 2011

Hui, diesmal habe ich mich aber schwergetan mit meiner Entscheidung!

Auf dem knappen zweiten Platz steht GERMANY: JEKYLL & HYDE von Sebastian Haffner, die lehrreichste Lektüre des vergangenen Jahres. Diese Brandschrift, 1940 in England erstmals erschienen, ist hervorragend geschrieben und bietet vielfältige Einsichten ins Nazideutschland und in den Umgang der Alliierten damit. Ich habe in meinem Leben viel über diese Zeit gelesen, vor allem in jungen Jahren, und möchte behaupten: Je mehr man über die Nazizeit schon weiß, desto mehr hat man von diesem zeitgenössischen Büchlein, das aber natürlich als eine Einführung in den Charakter der nationalsozialistischen Bewegung und Diktatur gedacht gewesen ist. Eine sehr bewegende Lektüre, denn wir Nachgeborenen wissen ja, was aus Haffners jeweiligen Appellen und Vorschlägen geworden ist. Meine ursprüngliche Lesenotiz dazu findet sich hier.

Und jetzt zu meinem Buch des Jahres:

Simenon!

Dem großen, schlampigen, lebenszugewandten Georges Simenon, dem ich so viele herrliche Lesestunden verdanke, muss ich diesmal einfach den ersten Platz geben! Es geht nicht anders. Denn ich habe 2011 mit DER GROSSE BOB (F 1954) vermutlich genau den Non-Maigret erwischt, der mir im Nachhinein von allen seinen Non-Maigrets am besten gefallen haben wird. Weil dieser Roman, obwohl er sich um die Nachforschungen eines nahen Freundes des titelgebenden Toten dreht, der ahnt, dass es sich bei dem Angelunfall um einen verdeckten Selbstmord gehandelt haben dürfte, ein sehr heiteres Bild zeichnet, und ich liebe sogenannte "heitere Romane".

Inzwischen habe ich mir ja Stanley G. Eskins große Simenon-Biografie zugelegt und lese sie mit viel Freude; schauen wir also, was Eskin über diese meine persönliche Neuentdeckung des vergangenen Jahres schreibt:

Le Grand Bob ist ebenfalls eine Suche nach einer inneren Wahrheit, nach dem Schlüssel zu einem Geheimnis, jedoch eine Suche von außen in Gestalt eines wohlgesonnenen Erzählers namens Charles, der herausfinden möchte, warum sein Urlaubsbekannter Bob, der den Eindruck eines unbekümmerten Lebenskünstlers machte, Selbstmord begangen hat. Die psychologische Begründung ist zwar nicht überzeugend, doch das Buch ist ungewöhnlich in seiner Liebenswürdigkeit und auch aufgrund der Beschreibung einer bewußten Wahl (im Unterschied zu der sonstigen Fatalität): Bob hat, wie sich herausstellt, bei jedem Schritt des Lebens, das er geführt und beendet hat, frei gewählt. (S. 320)

Ich vermute also, da mir Simenons Wühlen in der Enge seiner "literarischen Romane" nicht behagt, dass ich nie wieder einen Non-Maigret lesen werde, der mir eine ähnliche Freude bringt wie DER GROSSE BOB. Ich bin ansonsten wohl eher Zielpublikum für seine "halbliterarischen Romane", sprich, für die Maigrets. (Die zitierten Bezeichnungen stammen von Simenon selbst.)

An anderer Stelle lobt Eskin noch "Simenons meisterliche Handhabung der Erzählperspektive selbst in solchen Nebenwerken wie [...] Le grand Bob".

Er bezeichnet BOB als ein Nebenwerk. Passt. Ich habe BOB an anderer Stelle ein "betont kleines Buch" genannt und gefragt: "Aber ist das ein Manko?"

Nein. Ist es natürlich nicht!


(Meine ursprüngliche Lesenotiz findet sich hier.)




Böhmerts bisherige Bücher des Jahres:
  • 2010 - Richard Dawkins, DER GOTTESWAHN (GB 2007), hier
  • 2009 - Volker Kutscher, DER NASSE FISCH (D 2007), hier
  • 2008 - Werner Pieper, MAXIMUM RESPEKT (D 1999)
  • 2007 - Tobias O. Meißner, HIOBS SPIEL 1 & 2 (D 2002 & 2006)