Montag, 23. Mai 2016

SCHÖN SCHÖNER TOT jetzt auch als Taschenbuch

Meine Übersetzung von Roxanne St. Claires Jugendbuch-Thriller ist neulich auch in einer Taschenbuchausgabe erschienen:

(Quelle: Carlsen)

Umschlagtext

"Wer? Wer ist gestorben, Mom?"

"Jemand namens Chloe."

"Chloe Batista." Ich krächze ihren Namen.

"Kennst du sie?"

"Sie ist ..." O Gott. Die Zweite.

Und ich bin die Fünfte.

Kenzie ist ein Latein-Nerd, schlau, ehrgeizig - und auf der Liste der zehn heißesten Mädchen der Schule! Sie versteht die Welt nicht mehr. Die Party-Einladungen häufen sich, alle wollen mit ihr befreundet sein und gleich zwei süße Jungs flirten mit ihr. Doch dann passieren mysteriöse Unfälle. Das erste Mädchen der Liste stirbt ... kurz darauf Nummer zwei. Alles nur Zufälle? Oder ein düsterer Fluch? Für Kenzie beginnt ein mörderischer Kampf gegen einen unsichtbaren Gegner. Und die Uhr tickt, denn sie ist die Nummer fünf auf der Liste!

Wollen wir mal schauen, was die Leserschaft auf Amazon zum Stil, an dem der Übersetzer ja nicht ganz unschuldig ist, zu sagen hat?

"sehr gut und schnell zu lesen" (leseratte)

"leicht zu lesen" (Katrin Jansen)

"spitzenklasse geschrieben" (Amazon Kunde)

"Der Schreibstil transportiert diese Spannung stellenweise doch ganz gut und lässt sich sehr flüssig und einfach lesen." (lapancho)

"Der Schreibstil hat es mir sofort angetan. Flüssig, spannend, jung und abwechslungsreich" (Samy86)

"sehr flüssig zu lesen" (N Bercht)

Mir hat die Übersetzung letztes Jahr großen Spaß gemacht.


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English summary for foreign readers: My German translation of THEY ALL FALL DOWN by Roxanne St. Claire now out as a paperback

Dienstag, 17. Mai 2016

Mein erster Preis

Mit fünfzehn Jahren beschloss ich, Schriftsteller zu werden.

Mit einunddreißig Jahren hörte ich auf, anderweitig mein Geld zu verdienen, und lebe seitdem von der Textarbeit, hauptsächlich Übersetzungen.

Jetzt, mit vierundfünfzig Jahren, bekam ich zum ersten Mal einen Literaturpreis.

Da ich es über Twitter erfuhr, könnt ihr nachlesen, wie es mir in dem Moment ging:




Voll der abgeklärte alte Hase, der Böhmert.

Hier die offizielle Pressemitteilung:

Das Komitee zur Vergabe des Deutschen Science-Fiction-Preises freut sich, die Preisträger des DSFP 2016 bekanntzugeben. Für den DSFP 2016 sind alle im Original in deutscher Sprache im Jahr 2015 erstmals in gedruckter Form erschienenen Texte des Literaturgenres Science-Fiction relevant.

Der Deutsche Science-Fiction-Preis 2016 wird am Samstag, den 13.08.2016, auf dem MediKonOne dem JahresCon des Science Fiction Club Deutschland e.V., in Oldenburg vergeben. Der DSFP ist mit 1.000 Euro je Kategorie dotiert.

Das Komitee beglückwünscht die Preisträger und Platzierten zu ihrem Erfolg und bedankt sich bei den Herausgebern und Lektoren, den Verlagen und ihren Mitarbeitern für die Unterstützung der deutschsprachigen Science-Fiction. Besonderer Dank gilt den Autoren und Verlagen, die die Arbeit des Komitees durch Überlassung von Leseexemplaren unterstützt haben.

Kategorie »Beste deutschsprachige Kurzgeschichte«

Der Deutsche Science-Fiction-Preis 2016 für die beste Kurzgeschichte geht an:

»Operation Gnadenakt« von Frank Böhmert. In: phantastisch 57. Atlantis-Verlag. Ausgabe 1/2015. ISSN 1616-8437

Die weiteren Platzierungen:

»Der heilige Wasserabsperrhahn« von Uwe Hermann. In »Das Amt für versäumte Ausgaben: Kurzgeschichten - Band 4«. Createspace 2015. ISBN 978-1-517-55210-7

»Tremolo« von Gabriele Behrend. In: NOVA 23. Amrun-Verlag. 06/2015. ISSN 1864-2829

»Le Roi est mort, vive le Roi!« von Guido Seifert. In: NOVA 23. Amrun-Verlag. 06/2015. ISSN 1864-2829

»Der Zwillingsfaktor« von Christian Weis. In: Exodus 33. 09/2015. ISSN 1860-675X

»Ein glücklicherer Ort« von Boris Koch. In: Exodus 33. 09/2015. ISSN 1860-675X

»Diese verdammten Alienzombieroboterviecher« von Frank Lauenroth. In: »Die Magnetische Stadt: 2014 Collection of Science Fiction Stories«. Verlag für Moderne Phantastik, Radeberg 2015, ISBN 978-3-98169-295-2.

»Shamané« von Norbert Stöbe. In NOVA 23. Amrun-Verlag. 06/2015. ISSN 1864-2829.

Kategorie »Bester deutschsprachiger Roman«

Der Deutsche Science-Fiction-Preis 2016 für den besten Roman geht an:

»Das Schiff« von Andreas Brandhorst. Piper 2015. 544 Seiten. ISBN: 978-3-49270-358-1

Die weiteren Platzierungen:

»Meran« von Dirk van den Boom. Atlantis Verlag 2015. 240 Seiten. ISBN 978-3-86402-282-1

»Paradox« von Phillip P. Peterson. Bastei Lübbe 2015. 478 Seiten. ISBN 978-3-404-20843-2

»Feuer am Fuß: Die Maeva-Trilogie 3« von Dirk C. Fleck. p.machinery 2015. 356 Seiten. ISBN: 978-3-95765-037-5

»Das Licht von Duino« von Frank W. Haubold. Atlantis Verlag 2015. 450 Seiten. ISBN 978-3-86402-274-6

Kleefeld den 16. Mai 2016

Für das Komitee zur Vergabe des Deutschen Science-Fiction Preises

Ralf Boldt

Vorsitzender

  • Mehr zum Deutschen Science-Fiction-Preis findet ihr dort, und
  • das Magazin mit der Story könnt ihr gedruckt beim Verlag und als E-Book bei Beam erstehen.


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English summary for foreign readers: My story "Operation Gnadenakt" (Operation Act of Grace) about a secret US army project after the fall of Nazi Germany just won the German Science Fiction Prize for best short story. Yay!

Montag, 9. Mai 2016

Icke auf Holländisch

Neulich trudelte hier eine nette Überraschung ein:


DIE RATTEN DER JERSEY CITY ist nicht nur ein bei den deutschen Fans sehr beliebter Perry-Rhodan-Roman, sondern wahrscheinlich auch mein gelungenster Gastbeitrag. DIE STERNENHORCHER mag ich am liebsten, aber auf die RATTEN bin ich am stolzesten - und das, obwohl ich am Ende des Schreibens damals so ausgepowert war, dass mir der geplagte Chefredakteur die letzten Kapitel kurz vor Drucklegung seitenweise aus der Nase ziehen musste.

Was finde ich selber so toll an der Geschichte?

Der inzwischen verstorbene Exposéautor Robert Feldhoff hatte sie als Tragödie angelegt, und ich hab die Schraube damals noch einen Tick weitergedreht, indem ich der Leserschaft von Anfang an klargemacht habe, dass diese Geschichte böse ausgehen wird und sie den Helden nur dabei wird zusehen können, wie sie sich vergeblich abstrampeln, um am Leben zu bleiben.

In Kapitel 1 lernen wir die eine Hauptfigur kennen, eine Soldatin auf dem Schlachtschiff JERSEY CITY, die irgendeine noch unklare persönliche Krise hat und trotz offensichtlich guter Leistungen zur Insubordination neigt.

Kapitel 2 dann liefert das Ende:

Aus einem vorläufigen Bericht an Reginald Bull zu den Vorkommnissen um den Untergang der JERSEY CITY:

Der Residenz-Minister für Verteidigung erbat eine möglichst rasche chronologische Aufzeichnung der Ereignisse vom 8. April des Jahres, um kurzfristig eventuelle Sicherheitslücken schließen zu können. Lasst mich vorab - und mit Bedauern vorgebracht! - meine Überzeugung ausdrücken, dass

a) sich eine solche Katastrophe in naher Zukunft nicht vollständig wird vermeiden lassen können, weil davon auszugehen ist, dass die entscheidenden Handlungen und Umkehrpunkte weit vor Eindringen der JERSEY CITY in die Charon-Wolke stattfanden, und

b) die mehr als mangelhafte Faktenlage uns weder jetzt noch in Zukunft gestatten wird, zweifelsfrei feststellen zu können, welche Faktoren für den Untergang der JERSEY CITY und damit für die vorübergehende Gefährdung des terranischen Stützpunkts auf Jonathon ausschlaggebend gewesen sind. Der Interpretationsmöglichkeiten sind viele, bis hin zu einem Eindringversuch seitens der Chaosmächte, aber der entscheidende Punkt ist: Wir wissen nicht auch nur ansatzweise, was sich an Bord der JERSEY CITY auf dem Weg nach Charon abgespielt hat - und was genau dort vor sich ging, als die JERSEY CITY im Luftraum von Jonathon ihre merkwürdigen Manöver ausführte, die enorme Verheerungen des örtlichen Ökosystems zur Folge hatte. Ich wiederhole: Wir wissen es nicht, und wir werden es auch nie wissen.

Zum Hergang, chronologisch:

Am 7. April 1345 NGZ erreichte die JERSEY CITY, ein LFT-Schlachtschiff der APOLLO-Klasse, offensichtlich zum verabredeten Zeitpunkt den geheimen Treffpunkt an der Charon-Schranke. Dort wurde wie geplant die Strukturdolbe PIKARU angedockt, Kommandant: Kango Au'Deran (Charonii, maSgW verstorben). Von den Charonii überlassene Aufzeichnungen des Funkverkehrs lassen lediglich den Schluss zu, dass zu diesem Zeitpunkt keine besonderen Vorkommnisse an Bord des Schlachtschiffes erkennbar waren.

Als diensthabender Kommandant der JERSEY CITY wird in den Protokollen Flor Langer (Terraner, 26 Dienstjahre, maSgW verstorben) genannt; dies entspricht den Angaben der Mannschaftsliste, nicht jedoch den ursprünglichen Dienstplänen, denen zufolge Kommandant Langer am 7. April zwei Freischichten gehabt hätte. Da Kommandant Langer bei seinen Untergebenen einen väterlichen Ruf genossen hat und als ebenso neugierig wie verantwortungsbewusst galt, steht zu vermuten, dass er sich nachträglich für den 7. April eingetragen hat, um den Durchflug des Strukturgestöbers selbst zu befehligen.

Kurz vor Eindringen in das Gestöber meldeten Aufklärer der Charonii das Auftauchen mehrerer Traitanks; jedoch war die JERSEY CITY offensichtlich nie in Gefahr, da das feindliche Geschwader in zu großer Entfernung materialisierte, um den Einflug noch verhindern zu können.

Nach einem Tag Flug erreichte die JERSEY CITY am 8. April Jonathon und wurde vom Kontrollzentrum zum Anflug des Raumhafens Photon-City angewiesen. Auch hier wurde als diensthabender Kommandant Flor Langer gemeldet, ohne besondere Vorkommnisse (siehe Protokollzelle).

Dem widerspricht eine offensichtlich automatisch abgesandte Meldung, die nach Austritt aus dem Strukturgestöber vom Kommandanten der Strukturdolbe an seine Vorgesetzten gemacht wurde. Darin heißt es, an Bord der JERSEY CITY sei eine Seuche ausgebrochen, die einen direkten Kontakt zwischen terranischer Besatzung und Charonii verbiete. Bezeichnung der Krankheit nach Charonii-Angaben: Weit-Reise-Fleck-heiß - mutmaßlich durch Mehrfachübersetzung verstümmelt. Eine Aufzeichnung der Originalaussage vermutlich von Seiten Kommandant Langers liegt bedauerlicherweise nicht vor. (Eine Anfrage an die Herkunftshäfen der JERSEY CITY bezüglich Ansteckungsgefahr wurde getätigt, Antworten stehen noch aus.)

Jedenfalls wäre diese unbekannte Seuche eine Erklärung dafür, dass die Kommunikation vor und innerhalb der Charon-Wolke allein durch Kommandant Langer getätigt wurde. Über den Zustand der Besatzung zu diesem Zeitpunkt ist nichts bekannt.

Damit sind auf Seite 6 von 59 die Fakten auf dem Tisch - nun geht es nur noch darum, ob sie stimmen beziehungsweise was sie zu bedeuten haben.

Jawoll, auf diesen Kniff - und auf einiges mehr - bin ich auch nach zehn Jahren noch stolz!

  • Mehr zum Roman, der sich auch für Nicht-Perry-Leser eignet, beim Verlag


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English summary for foreign readers: DIE RATTEN DER JERSEY CITY (Rats of the Jersey City), probably my best Perry Rhodan novel, just came out in the Netherlands as DE RATTEN VAN DE JERSEY CITY.

Freitag, 6. Mai 2016

Neulich beim SF-Dinner

... erklärte uns Stargast Dirk van den Boom, dass es Lektüre gäbe, die sei "unter meinem Niveau". Hier das Gesicht, dass er dabei machte:

(Böhmert und Boom im Mirchi Kreuzberg, Foto: Ralf Steinberg)

Wenn er so weitermacht, kommt er noch ins Feuilleton!


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English summary for foreign readers: At last Berlin SF Dinner, author Dirk van den Boom, notorious for his maxim "Good sf needs aliens, spaceships and tits", talked about certain books not meeting his level. Bloody hell, is he trying to get into arts section?

Dienstag, 3. Mai 2016

Noch ein paar Worte zur Feuilleton"diskussion"


Am 21. und 22. April fand in Köln das erste Branchentreffen des neugegründeten Autorenverbands PAN statt.

Ich bin in den 1980ern so schnell in den Verband deutscher Schriftsteller eingetreten, wie der mich überhaupt aufnehmen konnte, und halte entsprechend wenig von solchen kleinen, durch ihre Spezialisierung zwangsläufig zum Provinziellen neigenden "Berufsverbänden".

Nein, das ist kein Vorurteil - sondern eine seit dreißig Jahren, in denen ich mich stets sowohl in der allgemeinen Literatur als auch in diversen Genres getummelt habe, immer wieder bestätigte Meinung.

Trotzdem war ich neugierig und habe am bezeichneten Wochenende mehrmals gespannt verfolgt, was unter dem Hashtag #1stPANBT getwittert wurde. Das hat, so aus der Ferne, Spaß gemacht - zumal erfreulich viele Beteiligte fleißig geschrieben und auch Bilder und sogar gut gemachte Videos geteilt haben!

An einer Stelle, wo es darum ging, warum im Feuilleton "wenn überhaupt, nur US-Autoren besprochen" würden, hat sich mir dann allerdings, wieder einmal, die Stirn gefurcht, und ich habe mich ins Gezwitscher eingeschaltet.



Ich kann das wirklich nicht mehr hören.

Wie gesagt, ich bewege mich seit dreißig Jahren in beiden Szenen. Ich bin sowohl zu Cons gefahren und habe in SF-Magazinen veröffentlicht und einige Perry-Rhodan-Romane geschrieben als auch für meine allgemeine Literatur Stipendien erhalten, Literaturnächte für den Berliner VS mitorganisiert, wo ich auch mal Beisitzer im Vorstand gewesen bin, habe bei Vernissagen und auf Probebühnen gelesen und und und.

In all den Jahren habe ich immer wieder Klagen von Genreautoren erlebt, wie sehr doch die Fantastik vom bösen Feuilleton ignoriert werde.

Hey, das stimmte in dieser Schärfe nicht einmal Ende der 1970er, Anfang der 1980er! Ich war damals Abonnent der SF-NACHRICHTEN bzw später SF-NOTIZEN. Dabei handelte es sich um einen ungefähr 14tägig verschickten Newsletter, in dem Herausgeber Kurt S. Denkena unter anderem dokumentierte, was im Feuilleton über SF/Fantasy/Horror geschrieben wurde. Er hatte in praktisch jeder Ausgabe irgendwelche Zeitungsausschnitte drin, für den Berliner Raum oftmals geliefert von mir.

Leute, die über das ach so ignorante Feuilleton jammerten, kannten - ich brauche es kaum zu sagen - Kuddels Fanzine in der Regel nicht.

Zurück zu #1stPANBT. Auf diese Ignoranz seitens der Genreleute dem Feuilleton und der "Hochliteratur" gegenüber ging ich meinem nächsten Tweet dann auch ein:



Und als jemand dann gänzlich unbeleckt von entsprechendem Wissen behauptete, im Feuilleton fände Fantastik nicht etwa zu wenig oder aus zu hochnäsiger Warte, sondern schlicht und einfach gar nicht statt:



Da wollte ich dann, weil Gegenreden kamen à la dass meine Behauptung nicht stimme, sei doch "offensichtlich", einen Beleg nicht schuldig bleiben:














Dass darauf von Seiten der #1stPANBT-Twitterer dann nicht weiter eingegangen wurde, versteht sich fast von selbst. Die einzigen ernsthaften Gegenreden kamen von Leuten, die selbst Feuilleton lesen und meine Schärfe zu einseitig fanden.

Einen Tag später kaufte ich mir aus anderweitigem Interesse die erste Ausgabe der FAZ-Woche und konnte gleich noch eine Probe aufs Exempel machen:





Soweit also meine Meinung zur Feuilleton"diskussion".

Eine Pointe habe ich auch noch:

Ich bin in meinem Autorenleben bis jetzt - von Kurzmeldungen wie Stipendiatenaufzählungen oder Veranstaltungshinweisen einmal abgesehen - genau zweimal im Feuilleton gewesen.

Einmal in der Berliner Zitty, nicht schlecht, und einmal, hey überregional, im Stern.

Beide Male ausgerechnet mit meinen Romanen für, ta-taa, Perry Rhodan.


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English summary for foreign readers: German sf/fantasy writers often whine newspapers and magazines would ignore the fantastic, but that's not true. What newspapers do ignore, is a) mediocre sf/fantasy b) nobody talks about.

Freitag, 29. April 2016

Traditionen "normalbürgerlichen" Protestes

Wie ich neulich schon schrieb, lese ich derzeit zum zweiten Mal Peter Schneiders hervorragende, differenzierte Autobiografie REBELLION UND WAHN. MEIN '68 von 2008.

Darin kann man auch sehr schön sehen, wie durchgängig die Protestformen der nach Eigenverständnis nicht-rechten, normalen Bürger sind.

In Hexes verrostetem und selten geleertem Briefkasten fanden sich anonyme Botschaften, in denen urdeutsche, noch nicht überwundene Schimpfwörter wiederkehrten: 'Hure', 'Schlampe', 'Judensau'. Immer wieder wurde das Klingelschild abgeschraubt oder der Name auf dem Briefkasten geschwärzt.

(Seite 41)
Schon vor Monaten hatte Gretchen Dutschke mir erzählt, daß sie in ihren ständig wechselnden Wohnungen mit Kothaufen vor der Tür und Haßparolen wie "Vergast Dutschke!" belästigt wurden. Betrunkene Bauarbeiter und auch Taxifahrer machten sich einen Spaß daraus, Dutschke zu jagen, wenn sie ihn im Auto oder auf der Straße entdeckten.

[...]

Die Stimmung vieler Berliner [auf einer senatsinitiierten Gegendemo zur APO] kam allerdings weniger in den offiziellen Transparenten [...], sondern in den selbstgemalten Plakaten zum Ausdruck: "Dutschke raus aus Westberlin!", "Bauarbeiter seid lieb und nett, jagt Dutschke und Konsorten weg!", "Bei Adolf wär das nicht passiert!", "Politische Feinde ins KZ!" Auf einem Transparent war Dutschke an einem Galgen zu sehen. "Gute Reise", wurde ihm dort nachgerufen.

Ein junger Mann mit einem Fotoapparat, der mit Rudi Dutschke allenfalls die Haartracht gemein hatte, wurde von erregten Kundgebungsteilnehmern mit Rufen wie "Schlagt ihn tot!", "Hängt ihn auf!" über den Platz gehetzt. In letzter Sekunde wurde er von einem mutigen Polizisten in einen Polizeibus geschoben.

(Seiten 242/243)

Zusätzlich zu linken "Zecken" werden heute "Asylbetrüger" gehetzt, und statt eines linken Sprechers knüpft man die Bundeskanzlerin, vorgeblich in satirischer Absicht, am Galgen auf. Das ist auch schon alles.

Nein - ein Unterschied fällt mir doch noch ein.

Heute gerieren sich Kreise, die seit Jahrzehnten mit solchen Mitteln kämpfen, dann auch noch in bemerkenswerter Überzeugtheit als von Zensur und allem Möglichen bedrohte, normalbürgerliche Opfer.

Das ist, Wortspiel beabsichtigt, recht neu.


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English summary for foreign readers: Today's right-wing protesters in Germany use the same bullying techniques as they did '68.

Donnerstag, 28. April 2016

Was so passiert, wenn ich mit Fieber twittere ...

... erklärt sich von selbst.












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English summary for foreign readers: Running a fever, I fantasized about an underground comic which never had existed but was very convincing.