Donnerstag, 24. April 2014

Gelesen: Jacques Tardi, ICH, RENÉ TARDI, KRIEGSGEFANGENER IM STALAG IIB (F 2012)

Worum geht's?

Um die Erinnerungen von Jacques Tardis Vater an seine deutsche Kriegsgefangenschaft

Wie ist der Comic erzählt?

Sehr ruhig und einfach. Drei Bilder pro Seite, bis auf wenige Farbtupfer nur Grautöne. Tardi wählt den Kniff, seinen Vater zu begleiten; wir sehen immer wieder den kleinen Jungen bei seinem Vater, und manchmal führen sie in Ansätzen das Gespräch, dass Vater und Sohn nie hatten führen können.

Was gefiel nicht so?

Der Comic ist nicht dramaturgisch gestaltet - die Ereignisse werden so geordnet und erzählt, wie sie sich wohl ereignet haben, ohne spannungssteigernde Elemente.

Was gefiel?

Genau das - dass die Erlebnisse in keine spezielle Dramaturgie gequetscht worden sind.

Außerdem gefiel mir, wie sehr dieser Comic ein Familienunternehmen ist: Jacques' Vater hat drei Schulhefte mit Erinnerungen hinterlassen (einige Eintragungen finden sich als Vorsatzblätter wieder), Jacques hat gezeichnet, seine Tochter hat koloriert, seine Frau hat ein ausführliches Vorwort beigesteuert, und sein Sohn hat bei der Recherche geholfen. Eine späte Aufarbeitung, aber eine durch drei Generationen!

Gute Stelle?

Ich will kein Bildzitat aus dem Comic bringen - Tardis Stil ist ebenso bekannt wie unverkennbar, und ansonsten findet sich auf der Verlagsseite eine Leseprobe. Stattdessen, um Kontext zu geben, ein paar Absätze aus dem Vorwort von Jacques' Frau, Dominique Grange. Deutsch von Christoph Schuler:

René, dein Vater; Jean, mein Vater. Beide zogen im September 1939 in den Krieg, beide wurden 1940 gefangen genommen, zusammen mit Tausenden anderer in ein Lager gebracht und von dort aus in Viehwaggons in ein Kriegsgefangenenlager im Feindesland transportiert [...]

René und Jean, geboren 1915, wurden beide 1914 gezeugt, höchstwahrscheinlich während eines Fronturlaubs ihrer Väter. Auch diese waren Soldaten, 24 Jahre vor ihren Söhnen, hineingeworfen in den Strudel kriegerischen Wahnsinns des ersten globalen Konflikts. Sie überlebten das gigantische Abschlachten "zivilisierter" Nationen und mussten weder die entwürdigende Niederlage noch die schwere Zeit der Gefangenschaft durchmachen. Dennoch kamen sie gebrochen aus dem "Grande Guerre" zurück, halluzinierend, jede Nacht geplagt von den vier Jahre lang ertragenen Schrecken, den Bildern der Gemetzel, den Schreien der Sterbenden, die sich in ihrem Gedächtnis eingebrannt hatten. Ihre Söhne, René und Jean, die ihre Väter erst später, nach dem Waffenstillstand, kennenlernten, wuchsen mit den entsetzlichen Schilderungen von Schlachten auf, die sie erst richtig verstanden, als sie größer wurden. Jener Krieg hat unsere beiden Familien zutiefst geprägt, wie viele andere auch. Die 24 Jahre zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg reichten weder aus, um die Traumata der Überlebenden zu heilen, noch um die furchtbare Tragödie mit ihren zehn Millionen Toten verblassen zu lassen. Die Väter von René und Jean, unsere Großväter, brachen zusammen unter dieser allzu schweren Last, unter dem unablässigen Schmerz, der sie ein Leben lang plagte.

Ein Vierteljahrhundert später wurden ihre Söhne ebenfalls gebrochen, nachdem sie im Alter von 24 Jahren im Krieg gefangen genommen worden waren. [...]

Nach seiner Rückkehr gelang es Jean lange Zeit nicht, über die vier düsteren Jahre zu sprechen, in denen er seiner Freiheit beraubt gewesen war. Schlimmer noch - wann immer er es trotzdem schaffte, fuhr ihm mein Großvater mütterlicherseits, der den Ersten Weltkrieg mitgemacht hatte, über den Mund, voller Spott über diese Armee von Besiegten im Jahr 1940 ... "Ah", sagte er, "der stolze Soldat will uns von seinen Heldentaten erzählen!" Ich erinnere mich, dass mein Vater, anstatt sich in einen Disput mit dem ordensgeschmückten Veteranen zu stürzen - der überdies sein Schwiegervater war - ohne ein Wort zu entgegnen auch diese Demütigung hinnahm und wieder in sein Schweigen verfiel. Genauso wie Hundertausende andere, die im Gegensatz zu den Helden der Schützengräben tatsächlich keine großartigen Siege vorzuweisen hatten. Man wollte damals nicht genauer wissen, was sie in ihrer verlorenen Jugend in den Lagern erlebt hatten, wo ihr verbissener Kampf ums Überleben das Beste aber auch das Schlimmste im Menschen zum Vorschein brachte. Nach der Befreiung wurde die Rückkehr der Kriegsgefangenen gänzlich überschattet von der Entdeckung der Nazi-Gräueltaten in den Konzentrationslagern, von der Ankunft der Überlebenden im Pariser Hotel Lutetia und den Feiern zu Ehren der Widerstandskämpfer. Für ihre Erzählungen war kein Platz, und niemand wollte ihre Leidensgeschichte hören. Sie blieben stumme, verkannte Opfer jenes Krieges und der beschämenden Kollaboration des Vichy-Regimes, das sie als Geiseln in der Hand des Feindes gelassen hatte [...]

Zu empfehlen?

Aber ja. Das ist ein berührendes und ein wichtiges Buch. Und wer weiß, vielleicht ist die Form der Bildergeschichte ja genau richtig für diese Art der Aufarbeitung. "Schau hin!", scheint mir jede aufgeschlagene Seite zu sagen, "Schau hin!" Und endlich schauen ein paar tausend Leute hin.

Dabei ist das Buch in keiner Weise grausam erzählt. Tardis Blick ist wie fast immer lakonisch, zärtlich, sein Stil organisch.

Wo aufgestöbert?

Tardi habe ich schon als Jugendlicher, als ich noch Comiczeichner werden wollte, bewundert und seinen Stil kopiert. Über diesen besonderen Band von ihm habe ich im Herbst in Alfonz der Comicreporter zum ersten Mal gelesen.

(Quelle der Coverabbildung: Verlag. Gebunden, 188 Seiten Großformat. Edition Moderne, Zürich 2013)

Etwas Besonderes aus der Lektüre mitgenommen?

Unglaublich, da ist der Zweite Weltkrieg jetzt bald siebzig Jahre her, und noch immer gibt es Geschichten, die nicht erzählt, Erlebnisse, die nicht aufgearbeitet worden sind!

***

Hier ist der Meister leibhaftig zu sehen:



Die Doku ist übrigens sehr zu empfehlen für Leute, die sich fürs Comiczeichnen interessieren! Ich habe sie mir Anfang des Jahres im Kino ansehen können.

Dienstag, 22. April 2014

Gelesen: Brian K. Vaughan und Fiona Staples, SAGA 2 (USA/CAN 2013)

Worum geht's?

Die beiden Deserteure von befeindeten Welten sind zusammen mit ihrer neugeborenen Tochter weiterhin auf der Flucht.

Wie ist der Comic erzählt?

Ironisch-realistisch, mit vielen popkulturellen Anspielungen. Die Zeichnungen von Fiona Staples sind mit ihren aquarellhaften Hintergründen sehr warm und atmosphärisch.

Was gefiel nicht so?

Die Story ist zwar eine, hm, intelligente Variation von Weltraumopern à la STAR WARS, aber sie gleicht auch einer Tüte Marshmallows: fluffig, aber wenig zu beißen.

Und ansonsten dürft ihr euch meine üblichen Vorbehalte gegen Serien mitdenken ...

Was gefiel?

Der Zeichenstil!

Die Figuren! Alana ist die süßeste Punk-Kratzbürste des bekannten Universums, und bei den Nebenfiguren gibt es immer wieder schöne Überraschungen. So hat es mir zum Beispiel dieser Schundautor angetan, der eine immer größere Rolle spielt - er sieht aus wie eine Mischung zwischen Samuel R. Delany und einem Zyklopen.

Gute Stelle?

Wie Alana ihrem Schwiegervater überraschend erstmals allein gegenübersteht.

Cool

sagt sie, während sie beide wie erstarrt sind.

Schön, dass ich immerhin ein Handtuch trage.

Diese Frau hat eine goldene Zunge.

(Deutsch von Marc-Oliver Frisch)

Zu empfehlen?

Aber ja. Noch fesselt mich diese Serie genug, dass ich mich auf Band 3 freue.

Wo aufgestöbert?

Ach, wie toll SAGA sei, steht ja seit etlichen Monaten überall im Web, siehe zum Beispiel dort. Ausschlaggebend für den Kauf von Band 1 war bei mir ein ausführlicher Artikel in Alfonz der Comicreporter. Band 2 habe ich dann im Januar gelesen - und vor ein paar Tagen noch mal.

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar. Gebunden, ohne Seitenzahl. Crosscult, Ludwigsburg, Dezember 2013)

Etwas Besonderes aus der Lektüre mitgenommen?

Nö. Es ist einfach ein, hm, kindlicher Spaß für Erwachsene. Näher an frühe Comiclesefreuden hat mich seit Jahren nichts herangebracht.

(Meine Lesenotiz zum ersten Band, den ich auch zur Nominierung für den Kurd-Laßwitz-Preis vorgeschlagen hatte, findet ihr hier. Und der dritte Band wird laut Verlag im August erscheinen. Die deutsche Ausgabe ist übrigens mit Abstand schöner als die Originalausgabe; der Aufpreis lohnt sich also.)

Donnerstag, 17. April 2014

Schon bizarr, der Osterstrauß, den ich da dieses Jahr arrangiert habe ...

... aber doch schön.





Ich wünsche euch ein so gutes verlängertes Osterwochenende, wie nur irgend geht!

Ich weiß - ihr wollt etwas Neues über meinen aktuellen Serienroman erfahren!

Okay, wie wäre es mit einem kleinen Einblick darin, wie man Exposés umsetzt - oder besser: wie ich sie umsetze?

Ich versuche, nicht zu viel zu verraten.

Die erste Szene im Exposé war ein Knaller: Wir lernen eine Frau kennen, die einer bestimmten Subkultur angehört und gerade an einem heiklen Ort etwas Illegales macht - als plötzlich in nächster Umgebung etwas Großes und Gefährliches passiert, dem sie jetzt einigermaßen schutzlos gegenübersteht!

Ein Knaller, wie gesagt. Schneller, furioser Einstieg in den Roman.

Ich habe mich letzte Woche ein paar Tage lang damit herumgeschlagen, dann wurde mir klar: So geht das nicht. So kriege ich das nicht hin. Wie ich die Szene auch drehte und wendete, immer ging mir die Orientierung flöten. Es wären fünfzehn, zwanzig Seiten, auf denen die Perspektive und die Erzählzeit wild hin und her springen würden. Gar nicht gut.

Also habe ich diese Woche aus einer langen Szene vier kurze gemacht:
  • Erst lernen wir die Hauptfigur und oberflächlich ihre Subkultur kennen,
  • dann betreten wir mit ihr zusammen diesen heiklen Ort,
  • dann passiert die illegale Handlung, und wir lernen über die beteiligten Figuren diese Subkultur genauer kennen,
  • dann kommt der große Rums.

Das läuft dann, schön knapp erzählt, auf genauso viele Seiten hinaus, aber beim Lesen ist man immer orientiert.

Und dadurch kann man, meine ich, besser mit der Heldin mitfühlen - die echt ein sehr eigenes Geschöpf ist.

Und wer weiß, vielleicht ist diese Abfolge sogar spannender - weil immer nacheinander kleine Rätsel hingestellt und beantwortet werden.

Wie der große Kollege Andreas Eschbach mal so schön sinngemäß auf einem Schreibseminar erklärt hat: Wenn der Anfang zu viel Wissen transportieren muss, dann ist es ja vielleicht gar nicht der Anfang, sondern eine spätere Szene.

Wir werden sehen, was die Leserschaft später zu diesem Anfang sagt. Beziehungsweise erst einmal, wie Lektorat und Redaktion ihn finden. Aber ich habe jetzt ein gutes Gefühl, was den Lauf der ersten Seiten betrifft.

Und das ist ja vorläufig das Wichtigste!

Mittwoch, 16. April 2014

Das Geschäft des Literaturübersetzens

Da neulich einmal wieder unterm Nachwuchs die Frage aufkam, was faire Vertragsbedingungen sind und wozu eine Mitgliedschaft im Übersetzerverband gut ist, hier ein paar Hinweise.

1. Faire Vertragsbedingungen sind immer Ansichtssache. Eine aktuelle Orientierung bieten die "Gemeinsamen Vergütungsregeln", wie ihr sie dort als PDF findet; das sind Regeln, die sowohl die beteiligten Verlage als auch die meisten Mitglieder des Übersetzerverbands fair finden - anderenfalls hätten sich beide Seiten ja nicht abseits von Prozessen darauf geeinigt.

(Ich schließe fast alle meine Verträge übrigens zu leicht bis deutlich schlechteren Bedingungen ab. Trotzdem betrachte ich diese meinen ausgehandelten Bedingungen dann als fair. Manchmal führt ein schlechteres Grundhonorar nämlich zu einem besseren Stundensatz; es kommt halt immer auch auf das Buch an. Umgekehrt kann ein schickes Grundhonorar für einen Text, der dir nicht liegt, zu einem katastrophalen Stundensatz führen.)

2. Der Übersetzerverband bietet seinen Mitgliedern eine Berufsrechtschutzversicherung - zumindest ich habe dieselbe in meinen zwanzig Berufsjahren schon dreimal gut brauchen können, und es ging insgesamt um einen fünfstelligen Betrag. Noch Fragen?

3. Und weil der Tipp im persönlichen Gespräch wieder einmal neu war: Seht euch die Seite mediafon.net unbedingt einmal an und abonniert zumindest den Newsletter! Geballtere regelmäßige Informationen zur geschäftlichen Seite der Kunst werdet ihr nirgendwoanders finden, erst recht nicht für umsonst.

(Finanziert wird mediafon mit Geldern des Berufsverbands - ein Argument mehr für die zahlende Mitgliedschaft.)

[Update] "Natürlich gleich am nächsten Tag durchgelesen"

... mailt G.A. aus B. zu BLOSS WEG HIER und fügt hinzu:

Sehr schön erzählt, die Geschichte! Natürlich die Frage, inwieweit das autobiografisch ist ...

Danke, das freut mich!

Autobiografisch: jein! :-D

(Frank, Bonanzarad Marke Vaterns Eigenbau, 1972 - ein tolles Teil, das ich immer noch in guter Erinnerung habe! Nur den fetten Spiegel hatte ich im Nu geschreddert ... seufz.)

P.S. vom 17.04. - Da der Golkonda-Insider diesen Blogeintrag heute früh auf Facebook verlinkt hat, vielleicht doch noch ein paar Worte mehr zu der Frage, inwieweit eigenes Erleben hinter der Geschichte steckt: Mein "Jein" oben bedeutet, dass die Hintergründe und kleinen Geschichten zwar autobiografisch oder zumindest authentisch sind (dann haben es Verwandte oder Freunde erlebt), dass der große Handlungsbogen aber ausgedacht ist. Wie es sich gehört: Man soll über das schreiben, was man kennt, aber man soll eine wilde Geschichte erzählen - dann macht's Laune und bleibt glaubwürdig!

Dienstag, 15. April 2014

Vormerken: Dietmar Dath am 16. Mai im Otherland!


Jakob Schmidt im aktuellen Otherland-Newsletter:

Puh, ich hab Angst. Daths PULSARNACHT, diese verwegene, knallige, lustvolle und kluge Space Opera, habe ich geliebt, und auch so manches andere Buch von ihm - und jetzt kommt ein SF-Roman auf einem fremden Planeten, in dem es um Kunst geht? Entweder das wird mega-anstrengend … oder halt ebenso großartig und visionär wie PULSARNACHT. Bis spätestens zum 16. Mai werde ich es in Erfahrung bringen - denn dann stellt Dath den Roman bei uns im Otherland vor!

Sollten wir Berliner Jungs und Mädels uns doch vormerken, oder?

***

Und schon am 3. Mai feiert das Otherland übrigens Geburtstag - auch ein Termin, den wir uns merken sollten ...