Montag, 1. September 2014

Wie man künstlerische Integrität auch dort wahrt, wo es wehtut

Liebe Verlage,

bevor ihr noch einmal an Kinderbuchklassikern wie PIPPI LANGSTRUMPF oder DIE KLEINE HEXE herumdoktert, nehmt euch ein Beispiel an Warner Bros., die ihren klassischen Zeichentrickfilmen heutzutage das hier voranstellen:

(Quelle: Best of Imgur, via Molosovsky)

StehgreifStegreif-Übersetzung von mir:

Die Trickfilme, die Sie gleich sehen werden, sind ein Produkt ihrer Zeit. Sie zeichnen mitunter ethnische und rassische Vorurteile nach, die in der amerikanischen Gesellschaft weitverbreitet gewesen sind. Diese Darstellungen waren damals ebenso falsch wie heute. Zwar repräsentiert das Folgende nicht die Sicht von Warner Bros. auf die heutige Gesellschaft, dennoch werden diese Trickfilme so gezeigt, wie sie ursprünglich geschaffen worden sind, weil jeder andere Umgang damit der Behauptung gleichkäme, solche Vorurteile hätten nie existiert.

So macht man das!

Eigentlich ganz einfach, oder?

Herzlichen Gruß,
Frank Böhmert

Gelesen: T.C. Boyle, GRÜN IST DIE HOFFNUNG (USA 1984)

Worum geht's?

Ein ehemaliger CIA-Agent heuert einen Botaniker und einen Hippie für den großflächigen Anbau von Marihuana in den Bergen von Kalifornien an; am Ende soll durch drei geteilt werden. Der Hippie will diese seine wohl letzte Chance, den amerikanischen Traum zu leben, unbedingt nutzen.

Wie ist das Buch geschrieben?

Der Hippie berichtet als Ich-Erzähler.

Was gefiel nicht so?

Boyle ist einer dieser Autoren, die einem ständig unter die Nase reiben müssen, wie toll sie schreiben können. Sie sind wie kleine Kinder, die schreien: "SCHAU, MAMA! OHNE HÄNDE! MAMA, SCHAU!" Das hat er hier zum Glück ziemlich im Griff, dank der einschränkenden Konstruktion mit dem Ich-Erzähler.

Was gefiel?

  • Das Buch ist zum Brüllen komisch, zudem aberwitzig.
  • Der CIA-Mann ist eine herrlich schräge Type, die ich abwechselnd gehasst habe und cool fand.
  • Ich mag Bücher von selbstkritischen, frechen Hippies, und so einer ist Boyle.

Gute Stelle?

Der Roman ist mit Boyle-typischen Bonmots durchsetzt, zum Beispiel auf Seite 30 dieses hier über einen Polizisten. Deutsch angemessen locker von Werner Richter:

[I]n seinen Augen funkelte der fanatische Schimmer der Rechtschaffenheit, den man sonst nur in den Augen islamischer Fundamentalisten sieht.

Und auf Seite 258, als das Anbauprojekt in einer tiefen Krise steckt:

[...] und wenn es scheiterte, nach all den Bächen von Schweiß, den Hoffnungen und Anstrengungen, die wir darin investiert hatten, dann war die Gesellschaft selbst ein Betrug, die Pioniere ein Riesenschwindel, dann waren Unternehmungsgeist, Wagemut und in die Hände spuckende Zuversicht genauso sinnlos wie die Mandeln oder der Blinddarm. Wir glaubten an Selfmademen wie P.T. Barnum, Ragged Dick, Diamond Jim Brady, an Andrew Carnegie, D.B. Cooper und Jackie Robinson. An die klassenlose Gesellschaft, an Mobilität nach oben, an das Gesetz des Dschungels. Wir hatten alle Filme darüber gesehen, all die Bücher gelesen. Wir zweifelten nie daran, daß wir es schaffen würden, daß wir eines Tages als reiche Säcke in einer Villa mit Blick über die Stadt sitzen würden. Niemals. Keinen Augenblick lang. Denn: was sollte sonst aus uns werden?

Ja, genau: "was sollte sonst aus uns werden?" Sehr schön erzählt, wie sich der Mut der Verzweiflung anfühlt.

Zu empfehlen?

Aber ja. Ich habe das Buch nach sieben Jahren im Juni zum zweiten Mal gelesen. Es ist eines der geradlinigsten von Boyle.

Wo aufgestöbert?

Eine Freundin meiner Liebsten hatte mir mal zum Geburtstag THE TORTILLA CURTAIN geschenkt; der Roman über Gutmenschen und Flüchtlinge hatte mich sehr beeindruckt, und so habe ich mir irgendwann mal ein Dutzend weitere Bücher von Boyle zugelegt, diese schönen grünen dtv-Ausgaben mit zeitgenössischen Gemälden drauf:

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar. Taschenbuch, 442 Seiten. dtv, München, 14. Auflage Dezember 2005)

Und sonst?

"Romane sind wie Rockkonzerte", hat Boyle mal gesagt. "Entweder bringst du die Leute zum Tanzen oder sie feuern dir Bierdosen an den Kopf."

Oder, möchte ich anmerken, sie verlassen zwischendurch die Konzerthalle und quatschen lieber draußen mit Freunden. Das ist mir mit Boyles Romanen schon öfters passiert; es gibt keinen Autor, von dem ich mehr Bücher mittendrin abgebrochen habe und trotzdem weiterhin jeden Roman ausprobiere. Dieser hier hat mich zum Tanzen gebracht.

Freitag, 29. August 2014

"GENIAL"

So, seit heute steht der Nachfolgeband zu BERLIN 2037 in den Kiosken, verfasst von Robert Corvus. Mein Neo-Roman ist jetzt also Geschichte - Seriengeschichte. Über die Verkäufe wissen wir Autoren ja nicht so viel, aber seine höchste Amazon-Platzierung hatte der Roman am 15.08. in der Rubrik SF-Bestseller mit einem erfreulichen dritten Platz:


Sehr schön! Auch wenn das natürlich nicht dem einzelnen Autor Böhmert hier zu verdanken ist, sondern dem eigentlichen Team der Serie; die Romane erreichen immer ungefähr diese Platzierung.

Tschüs, kleiner Serienroman! Mach's man jut.

***

Ansonsten ist der Roman zwar aus den Kiosken verschwunden, aber nicht aus der Welt: Die Backlist wird gepflegt und gekauft, solange die Serie fortbesteht.

Auch trudeln erst jetzt manche Reaktionen ein; zum Beispiel ist seit kurzem die erste Leserrezension auf Amazon online. "GENIAL", schreibt Extrapolit - jawohl, in Blockbuchstaben - und vergibt fünf Sterne. Er führt weiter aus:

Was mir persönlich sehr gefällt, sind die Hinweise auf "Bolo". Das kommt ja aus den frühen 90ern und zeigt eine wünschenswerte UTOPIA, eine Spielwiese für soziales Zusammenleben, das u. anderem auf Ökologie und Ressourcen-Sparsamkeit beruht. Inspirierende Ideen ohne Gleichmacherei und Klassenkampf.

Eigentlich ist Hans Widmers Bolo-Idee noch zehn Jahre älter, stammt also aus den frühen 1980ern. Und da Ralf Steinberg in seiner Rezension auf Fantasyguide ebenfalls auf das im Roman vorkommende Meri'bolo eingegangen ist, werde ich vor der Tagesarbeit doch am besten mal ein paar Worte zu diesem Punkt sagen. Ralf schreibt:

Natürlich kann man in einem Roman, der fest in eine Serienhandlung eingebunden ist und im nächsten Band an einem ganz anderen Ort spielt, keine soziologischen Abhandlungen und Mega-Extrapolationen unterbringen. Aber zumindest baut Frank Böhmert die bolo-Bewegung ein. Sehr witzisch und entspannt als Mias Elternhaus.
Das verdanken wir wohl der hinreißenden Erzählung Ein totes im see’bolo [von] Gecko Neumcke.

Ja, das stimmt. Dabei handelt es sich um eine Reminiszenz an genau diese herrliche Novelle, deren Lektüre ich im Frühling sehr genossen habe, siehe hier. Anfangs hatte ich sogar mit dem Gedanken gespielt, im Epilog einen Müllmenschen und Privatdetektiv vorkommen zu lassen, der sich auf die Suche nach einer gewissen verschwundenen Person macht - aber das hat dann später nicht mehr gepasst; die Prolog-Epilog-Klammer wurde für einen Serienbezug dringender gebraucht.

Also, liebe Leute: Wenn ihr BERLIN 2037 gelesen habt und das Kapitel bei Mias Müttern interessant fandet, dann besorgt euch unbedingt die Novelle von Gecko Neumcke! Dort könnt ihr ausführlicher lesen, wie das Leben in einem Bolo so aussehen könnte ... Außerdem ist das E-Book inzwischen ein Kandidat für mein persönliches Buch des Jahres.

Und damit frohes Rest-Schaffen und ein feines Wochenende allerseits;
lasst's euch gutgehen!

Dienstag, 26. August 2014

Gelesen: Joe R. Lansdale, Timothy Truman und Sam Glanzman, JONAH HEX - RIDERS OF THE WORM AND SUCH (USA 1995)

Worum geht's?

Diesmal landet der grässlich entstellte Südstaaten-Abenteurer auf der Ranch eines Lebensreformers, der die ästhetisch-radikalen Vorstellungen Oscar Wildes in den Wilden Westen bringen will. Das Cowboyleben wird aber massiv von seltsamen "Würmern" gestört, die dort unter der Erde lauern. Lovecraft und die Großen Alten lassen grüßen!

Wie ist der Comic erzählt?

Als hätten sich Robert E. Howard und H.P. Lovecraft zusammengetan und beschlossen, mal einfach nur Spaß zu haben - aberwitzig, sarkastisch, übermütig, finster.

Was gefiel nicht so?

Mir ist das alles ein, zwei Zacken zu kaputt, um rundum gefallen zu können. So wie es mir früher mit vielen Underground-Comix ging.

Was gefiel?

Lansdale ist einfach ein glänzender Erzähler, Truman hat einen virtuosen, lockeren Bildaufbau und Strich, und Glanzman als Tuscher schwingt den Pinsel äußerst lässig und doch präzise.

Mir gefielen diesmal besonders die Dialoge zwischen Jonah Hex und dem Kid. Der eine ist wortkarg, trocken und bitter, der andere vorlaut, frech und lebenslustig. Das glänzt und funkelt!

Gute Stelle?

Beim Einzug auf die Ranch singen die Cowboys. Ihre Songs gefallen dem Boss und Lebensreformer nicht. Band 2, gezeichnete Seite 16:

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar)

Der Kontrast zwischen der gesalbten Moralpredigt und dem schweigenden Nasebohrer im letzten Bild - herrlich!

Zu empfehlen?

Ja. Doch.

Wo aufgestöbert?

Geschenk vom guten Molo - die Geschichte habe ich bei der Lesenotiz des ersten Fünfteilers schon erzählt, siehe hier.

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar, beispielhaft Band 2 von 5. Heftformat, ohne Seitenzahl. DC/Vertigo, New York 1995)

Und sonst?

Nix.

Doch: Wäre Lansdale mehr Hippie, er wäre perfekt.

Freitag, 22. August 2014

Und wo wir gerade bei Buchtrailern sind ...

Ich habe gestern Abend beim Gatherland mal wieder von diesem Trailer hier geschwärmt: Max Berry vor ein paar Jahren über seinen Roman MASCHINENMANN - dieser Trailer ist nicht zu toppen und schon ein Klassiker! Glaubt mir. Hier:



Da stimmt einfach alles. Jedes Wort, jede Geste, jede Miene. Youtube-Gold!

Donnerstag, 21. August 2014

Au wacka! - Und oh wow!

Au wacka! Die Perry-Rhodan-Redaktion hat es schon wieder getan!

Ein zweiter Trailer zur neuen Neo-Staffel, diesmal speziell zu meinem 76er Band:



Wenn ihr den auch lustig findet, bitte teilen - so viel sojalattemäßiges Engagement muss belohnt werden! Kein Fingerbreit den Invasoren! Never surrender! Disst sie auf euerm Blog!

***

Oh wow! Die erste Rezension zum 76er ist eingetrudelt:

ein unterhaltsamer Near Future Roman in einem Berlin, wie es sich vielleicht nur Frank Böhmert ausdenken konnte

schreibt Ralf Steinberg und freut sich:

Locker, tolerant und abgekoppelt vom Spiel der großen Köpfe. Ein alter Mann bringt das gegenüber dem arkonidischen Zugführer Nahor auf den Punkt: »Sperr die Augen auf! Bleib locker! Irgendwas geht immer, und manchmal hat man mehr Glück, als man denkt!«

Wenn das den NEO-LeserInnen im Ohr bleibt, wird die Zukunft gleich ein bisschen hoffnungsvoller.

Ihr findet die vollständige Besprechung drüben beim Fantasyguide.

(Und für diejenigen, die es nicht wissen, sei angemerkt: Ich habe Ralf vor einigen Jahren über die deutschen SF-Foren und das Berliner SF-Dinner kennengelernt; er war zuerst Böhmert-Leser, und inzwischen sind wir Freunde. Das könnte die Rezension gaaanz eventuell beeinflusst haben.)

Montag, 18. August 2014

Und, Frank, wie war die Premierenlesung zu BERLIN 2037 so?

Ick fand se jut.

Ein bisschen was hat sich auch im Netz niedergeschlagen. Die Otherlander haben auf ihrer Facebookseite ein paar Fotos gepostet, zum Beispiel dieses hier,

(Foto: Der Otherland-Wolf)

und Ralf Steinberg präsentiert auf Fantasyguide einen schönen Bericht über die Lesung und Signierstunde, garniert mit Fotos wie diesem hier:


Schön, dass ihr dagewesen seid! Und wenn nicht - ich mache ja öfter mal eine Lesung.

***

Inzwischen gibt es auch schon diverse Leserreaktionen zum Roman, aber darauf werde ich wohl erst in einer Woche oder so eingehen können; hier wollen noch etliche Seiten übersetzt werden, bevor wieder ein bisschen Ruhe einkehrt ...