Donnerstag, 3. September 2015

Wie die Springbrunnen in die Städte kamen

In den 1970ern, als die Leute noch viel und gern geraucht haben, da standen auf den Marktplätzen und in den Fußgängerzonen noch keine Springbrunnen, sondern riesige Aschenbecher - die künftigen Becken der heutigen Brunnen.

Dort saßen die Leute dann und spielten Gitarre, und die Touristen fotografierten einander vor den schwelenden Kippenhügeln, und dann und wann kamen Oberstufenschüler und verbrannten feierlich Schulstoff, den sie nicht mehr brauchten, nie mehr brauchen würden, und tranken dazu Bier.

Montags wurden die Ascher geleert und anschließend die Städte gelüftet - mit den Geräten, die wir heute als Laubbläser kennen.

- Historische Notiz nach einem merkwürdigen Detail bei Shaun Tan

(Ausschnitt. Bildquelle: "Opas Geschichte" in Shaun Tan, GESCHICHTEN AUS DER VORSTADT DES UNIVERSUMS [2008]. Eigenhändiger Scan aus dem gelesenen Exemplar)


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English summary for foreign readers: A little detail in one of Shaun Tan's awesome drawings inspired me to this historical note on fountains which were just big ashtrays in the 1970s - the future basins of today's fountains. Every Monday the ashtrays were emptied and the cities aired - with those machines we know today as leaf blowers.

Montag, 31. August 2015

SCHÖN SCHÖNER TOT - Umbruch gegengelesen

Und nachdem wir uns in der Lektoratsphase noch an einigen Stellen ganz schön die Köpfe zerbrochen haben, liest sich jetzt alles gut!


Mein Teil der Arbeit ist damit erledigt; der Rest findet nur noch im Verlag statt.

  • Mehr zum Buch von Roxanne St. Claire, das Ende Oktober erscheinen wird, inklusive einer Leseprobe, beim Carlsen Verlag
  • Alle Blogeinträge zu meiner Arbeit an der Übersetzung hier


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English summary for foreign readers: I just finished counter-checking the galley proof of my translation of THEY ALL FALL DOWN by Roxanne St. Claire. The German version will hit the bookstores in October.

Dienstag, 25. August 2015

Drei richtig gute neuere SF-Romane. Mit einem Nachtrag

Freund und Autorenkollege Ruben Wickenhäuser schrieb neulich aus dem schönen Schweden

[...] brauche ich unbedingt eine kleine Aktualisierung, was sich so am SF-Himmel tut ... sprich was sich wirklich zu lesen lohnt

und da ich davon ausgehe, dass diese Frage auch einige von euch interessiert bzw. ihr vielleicht euren Senf dazu geben wollt, beantworte ich sie mal hier!

Der erste Roman, der mir richtig gut gefallen hat, ist erfreulicherweise der, den ich gerade übersetze: AFTERPARTY von Daryl Gregory (2014). Ein Krimi um Drogen aus dem Drucker, besonders um eine, die dich Gott sehen lässt. Ich habe hier schon darüber geschrieben, und dort findet ihr Gregorys Seite zum Buch.

Auch der zweite Roman wurde hier schon vorgestellt: THE DISESTABLISHMENT OF PARADISE von Phillip Mann (2013). Eine immer schamanischer werdende letzte Forschungsreise über einen Planeten, der von den Siedlern wieder aufgegeben wird. Manns Seite zum Buch findet ihr dort.

Fehlt noch der dritte, den ich erst kürzlich gelesen habe: SOMETHING COMING THROUGH von Paul McAuley (2015). Ein Multikulti-Krimi um Alien-Artefakte und -Meme, die nicht nur bei uns auf der Erde für Chaos sorgen, was nicht allen Beteiligten gefällt, manchen aber schon. Die Verlagsseite zum Buch findet ihr dort.

Alle drei Bücher haben gemeinsam, dass in ihnen keine Apokalypsen breitgewalzt werden, sondern dass sie kurz und knackig sind und ihr Blickwinkel ein lakonisch-optimistischer ist. Was mit ein Grund ist, warum sie mir so gefallen!

Richtig gut geschrieben sind sie natürlich auch, jedes mit seiner eigenen, klaren und vollen Stimme, SOMETHING am lebendigsten, AFTERPARTY am coolsten, PARADISE am virtuosesten.


Fragen, Anmerkungen, eigene Tipps für den guten Ruben bitte in die Kommentare!

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Nachtrag 26.08. - Paul McAuley führt übrigens auch ein lesenswertes Blog.



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English summary for foreign readers: The three recent sf novels I liked most in the last months

Freitag, 21. August 2015

Etymologische Notiz zum Blog-Titel

Heute beim zweiten Frühstück kam mir beim Blättern in einer Sammlung Grimmscher Märchen die Idee, hier einmal aufzuschreiben, was ich über den Titel meines Blogs weiß. Bitteschön:

"Böhmert" kommt am wahrscheinlichsten von Böheim oder Böhme, dem aus Böhmen Stammenden. Frühere Generationen glaubten Wikipedia zufolge, "das Volk der Böhmen neige besonders zur Vagabundage und zu künstlerisch buntem, zuweilen etwas lautem Auftreten".

(2015, Night of the Prog: Fränkie freut sich über den sehr guten Sekt im Thermobecher. Foto [Ausschnitt]: Rainer Stache)

Mit Böhmen waren Zigeuner gemeint. Siehe auch Bohème. So sind Böhmer, Böheimlein, Böhmlein denn auch alte Namen für den in seinem Wanderverhalten unberechenbaren Seidenschwanz, damals auch Spottvogel, Kriegvogel, Pestvogel genannt, "weil sein oft in schaaren erfolgender anflug krieg und tod verkünden soll" (Grimmsches Wörterbuch). Uh!

Davon abweichend: Vor vielen Jahren stieß ich in einem Antiquariat oder einer Bücherei auf ein Namensherkunftsbuch längst vergessenen Titels, in dem Böhmert auf Baumert zurückgeführt wurde, was ein alter Name für den Holzfäller, den Waldarbeiter gewesen sein soll.

"Hasenbrot" in der hier gemeinten Bedeutung ist "ein wetterauisches kinderwort für brot, das der jäger nicht auf der jagd verzehrt, sondern in seiner jagdtasche wieder mit nach hause bringt und als vom hasen herrührend den kindern gibt". Die Gebrüder Grimm zitieren außerdem ein Gedicht vom Ende des 18. Jahrhunderts, in dem es heißt: "herrlich, ohne teller, / schmeckt beim abendroth / heidelbeer und hasenbrot".

Vom Frühstück bis zum Abendbrot - der erzählerische Bogen ist geschlossen. Schönes Wochenende allerseits!


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English summary for foreign readers: Note on etymology. My surname, "Böhmert", probably comes from Böhmen, Bohemia. See also Bohemianism. And "Hasenbrot" means "rabbit's bread", that's the sandwich the hunter didn't eat in the woods and brought back to his children telling them he got it from the rabbit. Later the word was used for all lunchbreads fathers brought back from work. Most children loved "rabbit's bread" because all ingredients were so well infused.

Montag, 17. August 2015

Ein Fest des Lebens und der Liebe, eine zärtliche Geschichte über die Brutalitäten der Existenz

Lasst mich kurz den für mich besten Film der letzten drei Jahre vorstellen!

Damit ihr meine Meinung besser einordnen könnt, ich schreibe ja selten über Filme, hier erst mal der Trailer des Films, der mich damals so beeindruckt hat:



BEASTS OF THE SOUTHERN WILD habe ich seit der Kinoaufführung nicht wieder gesehen - wobei ich bestimmte Szenen immer noch vor Augen habe.

AME UND YUKI - DIE WOLFSKINDER habe ich in den letzten paar Wochen dreimal gesehen.

Worum geht's?

Eine junge Japanerin verliebt sich in einen Werwolf. Sie bekommen zwei Kinder. Wie mythische Wesen großziehen in einer Metropole des 21. Jahrhunderts?

Wie ist der Film erzählt?

Ruhig, mit einem großen Sinn für Schönheit und auch für Zurückhaltung in der Umsetzung. Dramatische oder schlimme Szenen sind meist ganz still erzählt; mit viel Bewegung und Effekten erzählt sind dagegen Momente der Lebensfreude, der Ekstase.

Was gefiel nicht so?

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Was gefiel?

  • Die genaue Darstellung, was Elternsein bedeutet
  • Die existenzielle Unsicherheit, die den Film durchzieht
  • Kleine, genau beobachtete Momente der Zärtlichkeit und der Solidarität
  • Es ist ein Alltagsfilm über ganz und gar nicht alltägliche Wesen.
  • Der hintersinnige Witz
  • Wie beiläufig manche Dinge erzählt werden, die eigentlich total wichtig sind, sprich: Mamoru Hosoda hält seine Zuschauer nicht für dümmer als sich selbst.
  • Die Stadt- und Naturlandschaften
  • Das Abfeiern des Daseins
  • Die Schönheit
  • Dabei unkitschig

Gute Stelle?

In einer Szene, die Familie lebt inzwischen auf dem Land, wundern sich bei einem Treffen die Nachbarn, dass ihre Felder von Wildtieren verwüstet wurden, die der Familie jedoch nicht, und fragen nach dem Geheimrezept. Es gebe keines, erklärt die Mutter. Da rennt eins der Wolfskinder an der Runde vorbei: "Ich muss mal!" Ende der Szene.

Nach ein paar Sekunden erst wurde mir klar: Das Kind setzt Duftmarken, und die Wildtiere trauen sich einfach nicht auf die Felder. Das wird so nebenbei miterzählt, dass es eine Freude ist; ich sehe den Regisseur richtig schmunzeln.

Zu empfehlen?

Auf jeden Fall. Ein Film für Leute, die diesen ganzen Angst- und Thrillerkram und die Hollywood-Aufgebretzeltheit und den Zynismus leid sind

Wo aufgestöbert?

Neulich beim Molosovsky-Besuch in Frankfurt

Und sonst?

Stille Freude bei jedem Denken an den Film; er ist mir eine Kraftquelle.




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English summary for foreign readers: For me, WOLF CHILDREN by Mamoru Hosoda is the best film of the last three years, since I saw BEASTS OF THE SOUTHERN WILD.

Dienstag, 11. August 2015

Abgeliefert: das gegengelesene Lektorat von Roxanne St. Claire, SCHÖN SCHÖNER TOT

Noch vor meiner zweiten kleinen privaten Deutschland-Rundreise dieses Sommers (über die erste könnt ihr hier ein bisschen was lesen) habe ich neulich das Lektorat meiner Übersetzung von SCHÖN SCHÖNER TOT gegengelesen. Das Jugendbuch von Roxanne St. Claire wird im Herbst bei Carlsen erscheinen:

(Bildquelle: Carlsen)

Ich glaube, wir werden eine tolle deutsche Fassung vorlegen, aber Junge-Junge, war das zwischendurch hakelig! In dem Buch kommen einige Schlüsselbegriffe vor, die einfach sitzen müssen, und der heikelste von allen hat uns ganz schön beschäftigt. Mein bester Vorschlag gefiel der kompletten Lektoratsrunde nicht; den Gegenvorschlag fand ich aus diversen Gründen nicht machbar, und erst ein Geistesblitz in buchstäblich letzter Minute fand dann allseitig Gefallen. So ist das manchmal!

Nun warte ich den Umbruch ab, der irgendwann in den nächsten Wochen zur Korrektur hier eintrudeln wird, und dann werden wir sehen, ob das jetzt wirklich an allen Stellen so funktioniert ...

So oder so - es wird ein toller, sehr lebendig geschriebener, schneller Thriller sein, den ihr dann im Herbst lesen könnt!



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English summary for foreign readers: Recently, I counter-checked the edited version of my translation of THEY ALL FALL DOWN by Roxanne St. Claire, an awesome fast-running thriller which will hit the German bookstores in October.

Sonntag, 9. August 2015

Kleine Kostprobe

Dann ertönte ein Urschrei, und dann barst die Klotür. Sie flog auf, knapp an MPs anderer Hand vorbei, knallte gegen die Kacheln, schlug dabei den Papierhalter entzwei und prallte wieder zurück gegen den Amerikaner, der die geplatzte Faserplatte abfing und einen Schritt ins Klo machte und MP an der Front seines lächerlichen Pullovers hochzerrte.

»Ich mach dich so was von fertig, Freundchen«, knurrte er.

Doch er ließ MP, der schützend die Hände hochgerissen hatte, unvermittelt los und wich zurück.

»Holy shit!«, keuchte er. »Was ist das? Hast du – was ist das? Das ist doch – oh my God.«

Der Amerikaner starrte auf seine eigenen Hände hinab, mit denen er MP angefasst hatte, und machte ein, zwei Schritte nach hinten. »Oh my God. Das ist Lepra. Dieser kleine Penner hat mich mit Lepra angesteckt.«

- aus meinem nächsten Roman für Golkonda, Rohfassung


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English summary for foreign readers: "Oh my God. That's leprosy. That little punk gave me leprosy." Sneak peek into the first draft of my next novel for Golkonda Verlag